International
Zerbrechlichkeit und Schönheit: Wie predigt man über den Suizid eines Regens?
Dem beliebten Regens Christof May werden Übergriffe vorgeworfen. Er nimmt sich das Leben. Der Offizial des Bistums Limburg wehrt sich in einer Predigt gegen ein «billiges Alles wird gut».
Olaf Lindenberg*
Liebe Schwestern und Brüder,
gibt es Worte für das, was geschehen ist,
was irgendwie im Raum steht
auch im virtuellen Raum eines gestreamten Gottesdienstes für das, was vermutlich nicht wenige bewegt?
Der Vorwurf übergriffigen Verhaltens,
der Tod von Christof May.
Wohl kaum.
Worte zu finden ist schwer.
Da ist eine Sprachlosigkeit,
weil das nur schwer zusammenzubekommen ist.
Das bekommen wir nur schwer zusammen, wenn überhaupt;
das hat enorme Fliehkräfte:
ein geschätzter Mensch,
mit dem einiges verbindet,
gerne wurde mit ihm Gottesdienst gefeiert man hat sich anregen lassen,
manchmal vielleicht auch aufregen lassen.
Da ist ein Bild vor dem inneren Auge.
Kein Wunschbild,
es hat ja einen Grund in der Wirklichkeit, im Erleben eines Menschen,
und dieses Bild bekommt Risse, nicht nur Kratzer,
sondern tiefe Risse.
Wie kann das sein?
Habe ich mich getäuscht?
Habe ich etwas falsch gemacht? Oder die anderen?
Wer immer «die anderen» sein mögen:
Das geht nur schwer zusammen.
Und gleich mehrfach geht es schwer zusammen:
Zuerst und vor allem ist der Vorwurf zu nennen, der für viele so ganz entgegen dem Erleben steht:
Hier der geschätzte und zugewandte Seelsorger,
dort der Vorwurf übergriffigen Verhaltens.
Das wiegt schwer.
Ich kenne nicht mehr als das, was in den Medien war,
der Vorwurf steht im Raum – und er wird nicht leichtfertig erhoben.
Die Betroffenen sind nicht schuld.
So sehr der Impuls da ist, es wegzuschieben:
Es braucht Jahre,
manchmal Jahrzehnte,
bis jemand, der Übergriffe erfahren hat – wie es hier im Raum steht –, damit nach aussen geht.
Schon deshalb ist Betroffenen Gehör zu schenken.
Vertrauen schenken und den Vorwurf nicht beiseite wischen.
Es geht wirklich ums Hören,
auf die Betroffenen
und auf den Beschuldigten.
Das Hören hatte gerade erst angefangen,
als es jäh unterbrochen wurde.
Durch den Tod,
selbst herbeigeführt
und zurück bleiben
Fassungslosigkeit, Zorn, Wut, Ohnmacht, Schuldgefühle, Trauer.
Trauer um einen Menschen.
Trauer um ein Leben, das aus der Bahn ging.
Nicht mehr die Spur fand.
Und womöglich das Leben anderer aus der Spur brachte.
Das zumindest ist häufig der Fall bei Missbrauch und Übergriffigkeit.
Zorn mag sich dazugesellen.
Wohin mit all dem?
Das Herz fasst es nicht.
Der Verstand auch nicht.
Die einfache Lösung habe ich nicht.
Nicht den Zauberstab, der einfach alles gut machte.
Aber einen Hinweis.
Ein vielleicht tastender Versuch.
Ein Hinweis gerade von dem Fest,
das wir heute feiern und das im Ruf steht,
ein besonders schweres Fest zu sein: Dreifaltigkeitssonntag.
Nein, ich möchte nicht die Flucht in theologische Spekulationen antreten.
Das verstärkte die Sprachlosigkeit nur.
Und auch die Ortlosigkeit.
Denn wohin mit all dem, was durch Kopf, Herz und Seele geht?
Ein Gedanke nur, es ist eine Überschrift über einen Artikel zur Dreifaltigkeit: «Die geräumige Gottheit».
In Gott ist Raum
In Gott haben wir Raum
Weil in Gott Beziehung ist
Vater, Sohn und Heiliger Geist
Die Namen, die ihn doch nur unzureichend beschreiben, aber immerhin eine Ahnung geben.
Kein einzelner,
kein selbstverliebtes Paar,
drei aufeinander bezogen
unterschieden,
aber nicht getrennt.
In diesen Beziehungsraum dürfen wir hinein
und können es.
Jesus nimmt unser Menschsein mit hinein in Gott.
Und der Geist trägt die göttliche Kraft in die Welt hinein. Das Unfassbare hat einen Ort
In Gott
Im Herzensraum Gottes.
Gerade das Unfassbare.
Wir können es nicht verstecken.
Weder vor Gott
Noch vor uns selbst.
Und es ist nicht nötig.
Wir müssen es auch nicht fassbar machen.
Gott umfasst mehr, als wir auch nur denken können.
Das ist kein billiges «Alles wird gut»,
Der dreifaltige Glaube erdet sich
in dieser Situation auf besondere Weise.
Sprachlosigkeit,
Ohnmacht,
Zorn,
Wut
und Trauer,
was wir nicht verorten können,
kann er.
Daraus wird Gott nicht entlassen.
Es gibt Raum in Gott
Für das, was jetzt ist.
Und für viel mehr.
Raum für die Freude, die jemand empfindet.
Raum für den Dank und die Bitte für ein neugeborenes Baby.
Raum für die Sorge um eine Welt, die sich aus den Angeln zu heben scheint.
Raum für all das, was der Aufmerksamkeit entweicht,
nicht aus Vorsatz, sondern weil anderes im Fokus ist.
Eine ganze Welt hat Raum in Gott.
Im Zeichen ist dieser Raum schon hier angedeutet
Das Zeichen, dass wir zusammen sind, um Gottesdienst zu feiern.
Zusammen, weil die Technik es ermöglicht
und selbst ohne diese Technik,
weil wir gemeinsam beten, loben und klagen,
über Grenzen hinweg.
Grenzen des Ortes
und auch der Ansichten und Einstellungen;
Weil wir in aller Unterschiedlichkeit von Gott nicht lassen.
So deutet sich Gottes Raum hier schon an.
Diese Gemeinschaft findet Ausdruck in dem,
was Jesus uns hinterlassen und aufgetragen hat,
das Zeichen der Gemeinschaft von ihm mit uns
und von uns untereinander:
Brot und Wein.
Wir teilen Leben,
in all seinen Facetten,
in seiner Zerbrechlichkeit mit seinen Rissen,
mit seiner Schönheit.
Es gibt Raum in Gott.
Jetzt.
Hier.
Amen.
* Olaf Lindenberg ist Offizial des Bistums Limburg. Er hat am Sonntag diese Predigt aus der Kapelle des Bischofshauses in Limburg gehalten, die auch im Livestream übertragen wurde.
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