Religion anders

Zementierte Macht – Von 9/11, Türmen und Religion

Am 11. September 2011 wurden die Twin Towers in New York zerstört. Seither ist die Welt eine andere. Plötzlich debattierte man über radikale Islamisten und über die Sichtbarkeit der Religion im öffentlichen Raum. Wie die Zwillingstürme, San Gimignano und die Liebfrauenkirche in Zürich zusammenhängen, lesen sie hier.

Natalie Fritz

«Die Türme!» – Viele von uns erinnern sich an den 11. September 2001. Daran, was sie gerade gemacht hatten, wo sie waren, als die Nachricht eintraf. Der Nordturm des World Trade Centers mitten in New York stand bereits in Flammen, als ich den Fernseher damals einschaltete. Kurz darauf sah ich live wie ein zweites Flugzeug in den Südturm des Centers donnerte. Ich war dabei, als die Twin Towers kollabierten und mit ihnen ein Symbol für die westliche Vormachtstellung in der Welt.

Aufnahme vom World Trade Center am 11. September 2001, kurz nachdem der zweite Turm eingestürzt war.

So zumindest sahen es die radikalisierten Attentäter. Bestärkt durch islamistische Hassvorstellungen, wollten sie sich als Märtyrer in einem «heiligen» Krieg verewigen. Doch warum wählten die Terroristen das World Trade Center – einen profanen Bürokomplex in Manhattan – und nicht etwa den Petersdom als Ziel dieses Angriffs gegen die «nicht-islamische» Welt?

Türme machen Religion?

Wer sich Bilder von Skylines grosser Städte – weltweit, nicht nur im Westen! – anschaut oder spätmittelalterliche Stiche betrachtet, dem fällt eines sofort auf. Die Stadtansichten früher wie heute sind von Türmen geprägt. Sie waren und sind sichtbare Orientierungspunkte im Siedlungsraum. Vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit stechen in der westlichen Hemisphäre vor allem die Kirchtürme ins Auge. Höher als alle anderen Gebäude sollten sie sein und die Überlegenheit der Kirche symbolisieren. Der Kirche? Der Kirchen!

Türme als Orientierungspunkte. Stadtansicht von Warendorf (Westfalen, Deutschland), Kupferstich von Johannes Gigas, 1616.

Liebfrauenkirche – Wir sind auch noch da, ihr Reformierten!

Seit der Reformation lieferten sich reformierte und katholische Kirchen einen eigentlichen Wettbewerb um ihre Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Die Architektur war ein bewährtes Mittel, um die jeweilige Dominanz und den Machtanspruch visuell zu unterstreichen. Ein schönes Beispiel für diese Form der Präsenzmarkierung stellt die Liebfrauenkirche in Zürich dar.

Katholische Kirche Liebfrauen in Zürich.

Nahe dem Verkehrsknotenpunkt Central beim Zürcher Hauptbahnhof steht die Kirche, wie ein katholischer Mahnfinger im reformierten Zürich. Mit ihrer Fertigstellung 1894 fand die wachsende katholische Gemeinde Zürichs nicht nur eine neue, sondern eine repräsentative Heimat an bester Lage. Hätte das Geld – wie ursprünglich geplant – für zwei Türme gereicht, stünde die Liebfrauenkirche zumindest städtebaulich in direkter Konkurrenz zum Grossmünster …

Minarette gegen Kirchtürme?

Präsenz im öffentlichen Raum lässt sich «erbauen». Die Türme scheinen zu schreien: «Ich bin da und ich bin mächtig». Rechtskonservative Kreise in der Schweiz argumentierten in den 2000er Jahren entsprechend vehement gegen den Bau von Minaretten.

Protest gegen das Abstimmungsergebnis. Karton-Minarett auf einem Dach in Bussigny (VD).

Das «Egerkinger Komitee» definierte in seinem Initiativtext Minarette als Machtsymbole, die zur Religionsausübung nicht nötig und im sogenannt christlich-abendländischen Schweizerischen Kontext unpassend seien. Ein Gros der Bevölkerung fühle sich durch Minarette nicht repräsentiert. Obwohl sich auch verschiedene Vertreter anderer Religionsgemeinschaften – etwa die Schweizer Bischofskonferenz – gegen ein generelles Verbot aussprachen, nahm das Schweizer Stimmvolk im November 2009 die sogenannte «Minarettinitiative» an. Statt sichtbare Integration, entschloss sich das Stimmvolk für räumliche Marginalisierung.

Prestigebau Turm

Natürlich nutzten nicht nur die Kirchen die Architektur, um ihre Vormachtstellung innerhalb einer Gesellschaft zu unterstreichen. Der Adel baute grossartige Paläste und Villen – schön und gut –, aber der Turm war und ist die bevorzugte Bauform, um Macht und Einfluss zu demonstrieren. Die Geschlechtertürme von San Gimignano aus dem späten Mittelalter zeugen noch von dieser Inszenierungsstrategie.

Die mittelalterlichen Geschlechter- und andere Türme von San Gimignano, Provinz Siena, Toscana.

Der Einflussbereich von Kirche und Adel ist stetig massiv geschrumpft – zumindest im Westen. Das spiegelt sich im Städtebau. Heute sind es grosse Konzerne oder Banken, die ihren Reichtum und ihre Macht architektonisch zementieren. Man denke an das Frankfurter Bankenviertel, das mit seinen Hochhäusern die Skyline der Stadt prägt oder an den Roche-Turm in Basel.

Basel Roche-Turm 1 am Rhein mit gespiegelter Sonne (2017).

Weshalb Twin Towers und nicht Petersdom?

Die Attentäter haben die Twin Towers in New York als Angriffsziele auserwählt, weil sie das buchstäbliche Welthandelszentrum treffen wollten. Aus ihrer Perspektive standen die Twin Towers symbolisch für einen kolonialistischen, jüdisch-christlichen Kapitalismus, der die Unterdrückung des Islams zum Ziel hat. Denn in ihren Augen finanziert dieses Finanzsystem die «anti-islamische» amerikanische Militärpolitik – man denke an den Ersten und Zweiten Golfkrieg oder die Palästinafrage.

Da an eine Invasion des Westens durch islamistische Streitkräfte nicht zu denken war, versuchten die Islamisten dessen Vormachtstellung symbolisch zu zerstören. Indem die Terroristen die Twin Towers angriffen, attackierten sie nicht nur die wirtschaftliche und politische Elite, sondern auch deren religiöse Weltsicht. Das Ziel, die Twin Towers, stellte sich aus Sicht der Islamisten als optimale Wahl heraus. Der mediale Effekt des Attentats war maximal. Leider auch die Konsequenzen für viele Unschuldige in den USA und Afghanistan. Wer weiss, ob im Oktober 2001 amerikanische Truppen Afghanistan bombardiert hätten, wenn ein christliches Wahrzeichen wie der Petersdom attackiert worden wäre.

Vom profanen Arbeitsturm zum sakralen Denkmal

Das 9/11-Memorial, das heute an der Stelle des zerstörten World Trade Centers steht, erinnert nicht nur an die fast 3’000 Opfer und die vielen zerstörten Familien, sondern soll mit dem neu angelegten Liberty Park auch Hoffnung vermitteln.

National September 11 Memorial & Museum auf dem Gebiet des ehemaligen World Trade Center Komplexes.

Hier steht denn auch der sogenannte Survivor Tree, der Baum, der überlebt hat. Verschüttet unter den kollabierten Türmen, konnte er gerettet und gesund gepflegt werden. Die Zwillingstürme des World Trade Center sind nicht mehr, neue Türme wurden gebaut. Symbole für den Widerstand?

Das Denkmal an die Attentate erinnert mit Hohlräumen (!) an die zwei Towers, und an all diejenigen, die bis heute schrecklich vermisst werden.

Blick über das südliche Becken des National September 11 Memorial in New York City auf das National September 11 Memorial Museum.

Blick auf den Südturm von der 12th Street auf der 6th Avenue, New York, 11. September 2001. | © Robert/Wikimedia Commons
11. September 2021 | 05:00
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9/11-Attentat

Mit vier koordinierten Flugzeugentführungen wurden die Selbstmordattentate vom 11.September 2001 durchgeführt. Am frühen Morgen wurde das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers gesteuert. Bereits der Einsturz des 2. Turms, etwa eine Viertelstunde später, wurde live im Fernsehen übertragen. Etwa eine Dreiviertelstunde später steuerte ein Flugzeug das Pentagon an. Nur ein einziges Flugzeug verpasste sein Ziel. Ca. 3’000 Menschen fanden bei den Anschlägen den Tod. Präsident George W. Bush liess am 7. Oktober Afghanistan bombardieren, dort vermutete man die Drahtzieher des Terrors. Die Truppen blieben bis Ende August 2021 vor Ort, um die islamistischen Gruppen wie Al Quaida, IS und die Taliban – vermeintlich – in Schach zu halten. Nach ihrem Abzug unter Joe Bidens Befehl übernahmen die radikalen Taliban vor wenigen Wochen wieder das Land. (nf)