Wilder Osterbrauch im Fricktal: Furchtbare Unholde gehen aufeinander los
Am Weissen Sonntag fliegen im aargauischen Effingen alle zwei Jahre Stechpalmenzweige und Hobelspäne durch die Luft. Der Osterbrauch «Eierleset» ist ein derber, aber äusserst unterhaltsamer Spass, der hunderte Zuschauende anzieht. Auch ein «Pfarrer» kommt vor.
Boris Burkhardt
Nein, christlich ist das nicht zu nennen, was da am Weissen Sonntag, dem letzten Tag der Osteroktav, im Fricktaler Dorf Effingen auf der Dorfstrasse abgeht. Bis zu tausend Zuschauende sehen bei strahlendem Sonnenschein eine Dreiviertelstunde lang belustigt und begeistert zu, wie furchtbare Unholde heulend und knurrend den Kampf miteinander aufnehmen. Diese reissen sich die Hobelspäne und Stechpalmenzweige in Büscheln aus, Brautkleider werden bis hinunter zum Steiss aufgerissen, tote Hasen fliegen durch die Luft – und der Pfarrer hält hinterher eine freche Predigt von der Eierkanzel.
Kampf des Frühlings gegen den Winter
Dieser «Eierleset» genannte Osterbrauch findet alle zwei Jahre statt. Er geht auf das heidnische Substrat des Osterfestes zurück, den erfolgreichen Kampf des Frühlings gegen den Winter und das Ei als Fruchtbarkeitssymbol schlechthin. Tatsächlich geht es auch um 162 Eier, die ein Läufer in frühlingshafter blütenweisser Kleidung eines nach dem anderen einsammeln muss und dabei auf der 80 Meter langen Bahn rund zehn Kilometer zurücklegt, bevor der Reiter, der den Winter symbolisiert, vom Ritt in die Nachbardörfer zurückkehrt.
Derlei Eierbräuche zur Osterzeit gibt es in einigen Gemeinden der Nordwestschweiz und auf der deutschen Seite des Hochrheins. Doch in Effingen geht der Wettkampf des Eiersammlers fast unter. Denn gewaltig wirken die prominentesten Figuren, die den Kampf der Jahreszeiten ausfechten: die «Grünen» für den Frühling, konkret der «Stechpälmer» und der «Tannästler», die «Dürren» für den Winter, darunter der «Straumuni» und der «Hobelspänler».
Turnverein als Organisator
Das Eierleset organisiert in Effingen traditionsgemäss der Turnverein. Die jungen Turner ab Anfang 20 fertigen dazu jedes Mal unter tatkräftiger Mithilfe der Frauen selbst die Kostüme. Die Darstellung der Figuren ist traditionell aber den Männern vorbehalten. Denn am Ende der rauen, aber unglaublich komischen Rauferei ist von der Verkleidung nicht mehr viel übrig.
Auch diesen Sonntag banden die Turner Stechpalmen- und Tannenzweige zusammen und an die Kleidung der Darsteller. Die Hobelspäne produzierten sie selbst und befestigten sie in langen Spiralen so lange am Kostüm, bis die Darsteller fünfmal so breit waren wie zuvor.
Die wilden Kerle
Der Straumuni allerdings wird erst am Tag des Eierleset fertig: Eine knappe Stunde hängt Vereinspräsident Stefan Meier wie seit vielen Jahren in einem Kostüm aus zusammengenähten Leinensäcken an einem Tragegestell und wird sorgsam überall mit Stroh ausgestopft. «Nirgends», ist sich Meier sicher, «wird der Eierbrauch so leidenschaftlich und wild gefeiert wie in Effingen.»
Alle Darsteller tragen Masken. Die vier wilden Kerle bestreiten den Gaudi-Kampf der Jahreszeiten aber nicht unter sich. Weitere Masken sind auf der Seite des Frühlings: das «Hochsetspäärli», der «Hüehnermaa» und der «Jasschärtler»; auf der Seite der «Dürren» wirken der «Schnäggehüsler», der «Alte» sowie die «Alti» mit ihrer Eierpfanne, in der sie hin und wieder eines der rohen Eier anrührt.
Schnitte und Kratzer vom Gerangel
Jede der Masken hat ihre eigene Herausforderung: Während der «Tannästler» das schwerste Kostüm trägt, ist der vollgestopfte «Straumuni» so unbeweglich, dass er nicht mehr von allein aufstehen kann. Und die menschlichen Masken, vor allem das «Brüütli» und die «Alti», müssen Schnitte und Kratzer an Armen und Beinen in Kauf nehmen, wenn sie mit dem «Stechpälmer» ringen.
Ruhender Pol im chaotischen Spektakel ist der gediegene Fünferrat, altgediente «Eierleset»-Kämpfer, die sich heute in Frack und Zylinder zigarrenrauchend die Strapazen ersparen. Einen religiösen Ursprung habe das Eierleset nicht, bestätigt auf Nachfrage Ratsmitglied Andi Bossart, der seine «Eierleset»-Karriere 1994 als Läufer begann. «Wir hätten gerne, dass er auf keltische Wurzeln zurückgeht», fährt er fort, «aber uns wurde von Ethnologen gesagt, dass er sehr neuzeitlich sei.» Der Brauch im Dorf sei tatsächlich nur bis in die 1930er nachweisbar.
Eierbräuche rund um Basel
Eierbräuche zu Ostern gibt es im Dreiländereck wie erwähnt einige, etwa im Leimen- und im Birstal im Baselbiet, wo die Gaudi darin besteht, die Eier in möglichst fantasievoller Verkleidung zu werfen.
Der bekannteste Eierbrauch im Wiesental in unmittelbarer deutscher Nachbarschaft von Basel findet jeden Ostermontag bei Wind und Wetter am Eichener See, einem Karstsee bei Schopfheim, statt. Beim dort «Eierspringen» genannte Brauch übernehmen die Zuschauer einen aktiven Part, wenn sie versuchen, die Eier zu klauen. Auch hier wird in einschlägiger Literatur eine Beziehung zurück bis zu keltischen Fruchtbarkeitsspielen in Zusammenhang mit dem Mondzyklus und der Erntezeit postuliert.
Reformierte Fasnachts-Kompensation?
Bemerkenswert ist, dass diese Osterbräuche fast ausschliesslich in traditionell reformierten Dörfern zelebriert werden. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Reformierten hier in einer Zeit, als die Konfession eines Dorfes noch eine Rolle spielte, die katholische Fasnacht kompensieren wollten.
Das hört man in Effingen nicht gerne. Aber Bossart gibt zu: «Wir sind urverwandt mit der Fasnacht.» Dafür spricht auch, dass sich viele der Figuren in Effingen, vor allem die vier grossen, in anderen Winterbräuchen wiederfinden: im «Bärzelitreiben» in Hallwil bei Lenzburg am 2. Januar etwa oder an der Fasnacht beim Butz in Pratteln im Baselbiet.
Eierpredigt ähnelt Schnitzelbank
Und der (reformierte) Pfarrer? Er eröffnet mit dem Vers «Nun will ich euch an eure Pflichten mahnen und schicke euch auf eure Bahnen» das «Eierleset» und hält später die erwähnte Eierpredigt, die mit den erzählenswertesten Ereignissen aus den vergangenen zwei Jahren verdächtig einem Schnitzelbank ähnelt. Bossart vermutet, dass der Pfarrer – zusammen mit dem Polizisten – erst später als neutrale Figur eingefügt wurde.
Der Hase, unbestreitbar ebenfalls ein wichtiger Teil des säkularen Osterfests, ist übrigens ein echter, fachmännisch erlegt, ausgeweidet und mit Stroh ausgestopft. Er gehört als Utensil zusammen mit der Jagdflinte dem «Tannästler». Es ist eben nichts für Zartbesaitete, wie es in Effingen in der Osterzeit zugeht…
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