Mario Pinggera an der Orgel
Schweiz

Wieso «Hallelujah» von Leonard Cohen einer der meistgesuchten Songs ist

Der Song «Hallelujah» ist auf Platz fünf der meistgesuchten Songs 2022. Damit ein Lied zum Dauerbrenner wird, müssen Ton und Melodie zusammenpassen, sagt Mario Pinggera, Dozent für Kirchenmusik an der Theologischen Hochschule Chur. Die zweite Variante des bekannten Liedes habe aber nichts auf Hochzeiten zu suchen.

Jacqueline Straub

Bei den Google-Suchtrends 2022 ist das Lied «Hallelujah» von Leonard Cohen unter der Kategorie «Meistgesuchte Songtexte» auf Platz 5 gelandet. Können Sie sich erklären, warum?

Mario Pinggera*: Das Lied «Hallelujah» ist ein Ohrwurm. Es ist noch heute aktuell und fasziniert die Menschen.

Mario Pinggera ist Dozent für Kirchenmusik an der Theologischen Hochschule Chur.
Mario Pinggera ist Dozent für Kirchenmusik an der Theologischen Hochschule Chur.

Was genau fasziniert die Menschen an diesem Lied?

Pinggera: Die Machart und die Harmonik, die dieses Lied ausstrahlt. Das Lied hat auch einen emotionalen Touch, der packend ist.

Ist es die Melodie, der Liedtext oder die transportierte Hoffnung, die das Lied so erfolgreich macht?

Pinggera: Das Lied strahlt Geborgenheit, Harmonie und Leidenschaft aus. Sowohl im Text als auch in der Melodie. Es ist also das Zusammenspiel von allen Komponenten, die das Lied zum Dauerbrenner macht.

«Im Zusammenspiel von Harmonie, Text und Melodie gibt es keine Zufälle.»

Das bedeutet: Ton und Melodie müssen zusammenpassen, damit ein Lied Erfolg hat?

Pinggera: Ja. Auch bei Komponisten wie Franz Schubert war nichts dem Zufall überlassen. Jede Note wurde bewusst gewählt. Im Zusammenspiel von Harmonie, Text und Melodie gibt es keine Zufälle. Das macht eine gute Komposition aus.

König David: Statue am Hauptportal der Kathedrale Lausanne
König David: Statue am Hauptportal der Kathedrale Lausanne

Vor 13 Jahren stellte Leonard Cohen seinen Song «Hallelujah» auf Youtube. Inzwischen wurde das Video 222 Millionen Mal angeschaut. Die Coverversion der Band Pentatonix hat sogar 691 Millionen Aufrufe.

Pinggera: Es ist wunderbar, dass es so oft angeklickt wurde. Allerdings gibt es von «Hallelujah» zwei Textvarianten. Die erste bezieht sich auf König David, der mit seiner Harfe ein Lied für Gott anstimmt. Leonard Cohen drückt mit seinem Lied eine Gottessehnsucht aus. Halleluja ist ja der Gesang der Engel, damit wird das Himmlische berührt.

Mario Pinggera ist Pfarrer in Richterswil.
Mario Pinggera ist Pfarrer in Richterswil.

Ist dieses Lied auch so erfolgreich, weil es Sehnsüchte der Menschen zum Ausdruck bringt?

Pinggera: Auf jeden Fall! Es gibt Ähnlichkeiten zu anderen Liedern. In der Musikliteratur gibt es gewisse Stücke, die die Qualifikation eines Bestsellers haben. Dazu gehört «Hallelujah» definitiv.

Lied 749 im Kirchengesangbuch
Lied 749 im Kirchengesangbuch

Was braucht es, damit ein Lied mit christlichem oder kirchlichem Inhalt zum Dauerbrenner wird?

Pinggera: Das «Ave Maria» von Bach/Gounod ist ebenfalls sehr populär. Auch den Hochzeitsmarsch von Felix Mendelssohn Bartholdy kennen alle. Lieder müssen eingängig sein. Und wie gesagt: Es braucht das perfekte Zusammenspiel der einzelnen Komponenten.

"Ich bin davon überzeugt, dass der religiöse Kontext wesentlich ist für das Lied", sagt Mario Pinggera.
"Ich bin davon überzeugt, dass der religiöse Kontext wesentlich ist für das Lied", sagt Mario Pinggera.

Sie sagten, dass es vom Lied «Hallelujah» von Leonard Cohen zwei Varianten gibt. Ist die zweite denn hochzeitstauglich?

Pinggera: Nein. Im Songtext von 1994 geht es um eine Beziehung des Sängers zu einer Geliebten. Der explizite Bibelverweis ist weg. Da ist der Text vom Verwendungstext komplett abgekoppelt. Ich bin davon überzeugt, dass der religiöse Kontext wesentlich ist für das Lied.

«Mit einem anderen Text macht die Notenführung in der Regel keinen Sinn mehr.»

Weshalb?

Pinggera: Im 16. Jahrhundert beispielsweise hat man gerne eine profane Melodie mit einem geistlichen Text bestückt – oder anders herum.  Wenn man so etwas macht, verändert sich alles.

Inwiefern?

Pinggera: Sobald man die Einheit, die es einst zwischen Melodie und Wort gab, aufbricht, fehlt etwas Entscheidendes. Mit einem anderen Text macht die Notenführung in der Regel keinen Sinn mehr. Denn Noten deuten im Idealfall den Text, sie unterstreichen das Wort. So ist es auch bei «Hallelujah». Bei diesem Lied sind die Harmonien nicht zufällig gewählt. Der Text wird durch Melodie und Harmonie zum Ausdruck gebracht.

"'Stille Nacht, Heilige Nacht' berührt Jung und Alt"; sagt Mario Pinggera.
"'Stille Nacht, Heilige Nacht' berührt Jung und Alt"; sagt Mario Pinggera.

Gibt es andere christliche Lieder, die in keiner Hitparade fehlen dürfen?

Pinggera: «Grosser Gott, wir loben dich» zieht sich durch die Konfessionen und ist in allen christlichen Kulturen bekannt. Und «Stille Nacht, Heilige Nacht» wurde in mehr als 300 Sprachen übersetzt und zählt sogar zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO. Das Lied berührt Jung und Alt.

*Mario Pinggera (53) ist Pfarrer von Richterswil und Dozent für Kirchenmusik an der Theologischen Hochschule Chur.


Mario Pinggera an der Orgel | © Christian Merz
9. Dezember 2022 | 16:30
Lesezeit : ca. 3  Min.
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