Propst Martin Werlen
Schweiz

Werlen kritisiert geplante Gotthard-Tunnelsegnung: «Vorstellungen von Magie und Aberglaube»

Nach einem Unfall war die Weströhre des Gotthard-Basistunnels ein Jahr geschlossen. Christliche Kreise üben Kritik an der interreligiösen Segensfeier von 2016. Sie wollen dem Tunnel nun einen wirksamen Schutz verpassen. Pater Martin Werlen bezeichnet die Initiative als «Dummheit».

Barbara Ludwig

Am 2. September soll die Weströhre des Gotthard-Basistunnels wieder vollumfänglich für den Verkehr freigegeben werden, meldete die Nachrichten-Agentur Keystone-SDA kürzlich. Die massiv beschädigte Röhre musste wegen eines Unfalls repariert werden, was rund ein Jahr dauerte. Am 10. August vergangenen Jahres war ein Güterzug im Tunnel entgleist, Ursache war ein Radscheibenbruch.

«Angerufene Instanzen» konnten Unglück nicht verhindern

An den Unfall und die Tunneleröffnung von 2016 erinnern nun das Netzwerk «Gebet für die Schweiz» und die Organisation «Gebetsimpulse». «Gebet für die Schweiz» ist ein Verein, dem Etienne Rochat, Pastor einer evangelischen Freikirche, als Präsident vorsteht.

Bei der Eröffnungsfeier 2016 seien «verschiedene Personen, Mächte und Kräfte damit beauftragt worden, die längsten Eisenbahntunnels der Welt zu schützen», heisst es in einer Medienmitteilung. Doch keine der zum Schutz der Tunnels «angerufenen Instanzen» habe das Unglück vom 10. August 2023 verhindern können.

In ihrer Nische: Statue der heiligen Barbara beim Portal des Gotthardtunnels (Eisenbahn).
In ihrer Nische: Statue der heiligen Barbara beim Portal des Gotthardtunnels (Eisenbahn).

Mit diesen Instanzen ist unter anderem die heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, gemeint. Das zeigt der Flyer, der für die «christliche Tunnelsegnung» vom 1. September wirbt. Die Organisatorinnen und Organisatoren haben offenbar auch Mühe mit dem interreligiösen Charakter der Segensfeier von 2016. Denn in der Mitteilung heisst es, dass die «Schutzgebete» des Imams und des Atheisten, die anlässlich der Segensfeier 2016 gesprochen wurden, den Tunnel nicht vor Schaden bewahrt hätten.

100 bis 200 Personen erwartet

Es sind zwei Anlässe, die am 1. September bei den Tunnelportalen in Erstfeld UR sowie in Bodio und Polleggio TI stattfinden sollen. «Eine Gruppe von Schweizer Beterinnen und Beter hat sich aufgemacht mit dem Ziel, dem fehlenden Schutz der beiden Tunnels ein Ende zu setzen», heisst es in der Mitteilung.

Die Organisatoren erwarten insgesamt zwischen 100 und 200 Personen, sagt Daniel Regli, der die Medienarbeit für den Anlass macht. Regli, ehemaliger SVP-Politiker, gehört einer Freikirche an und war bis 2021 Präsident des Vereins «Marsch fürs Läbe», der die jährliche Kundgebung gegen Abtreibung in der Stadt Zürich organisiert.

«Ob Jesus das so tun wird, entzieht sich unserer Kenntnis.»

Im Flyer steht, der Tunnel solle «der einzigen Macht anvertraut werden, die wirklich schützen und bewahren kann, dem Herrn, Jesus Christus». Dass Gott den Schutz jederzeit garantieren könne, sei sicher, schreibt Regli in einer Mail an kath.ch. Aber: «Ob Jesus das so tun wird, entzieht sich unserer Kenntnis.» Jesus selber habe im Gebet vor seinem Tod ein Vorbild gegeben, persönliche Bitten zu platzieren, den eigenen Wunsch jedoch dem Willen Gottes zu unterstellen.

Fahnen und Schofarhörner mitbringen

Die geplante Tunnelsegnung findet unter freiem Himmel statt. Auf dem Programm stehen unter anderem Lobpreis, Kurzreferate, Gebet in kleinen Gruppen, Fürbitten, Abendmahl und eine gemeinsame Schlussproklamation. Die Teilnehmenden werden gebeten, Fahnen mitzubringen. Laut Regli sind damit die Fahnen von Schweizer Gemeinden und Kantonen gemeint, die bei der Schlussproklamation geschwenkt werden.

Auch Schofarhörner sollen mitgebracht werden. Ein Schofarhorn ist ein Blasinstrument, das Juden zu rituellen Zwecken verwenden. Bei Gebetstreffen würde nebst dem Alphorn oft auch das Schofar erklingen, erklärt Regli. Vor allem Christen, die «eine Liebe zu Israel und zum jüdischen Volk» hätten, würden das Instrument bei Gebetstreffen einsetzen. «Der Klang erinnert an einen Aufruf zum geistlichen Kampf; er signalisiert aber auch kraftvolle Freude und Sieg», so Regli.

Segensfeier mit Theateraufführung verwechselt

Pater Martin Werlen, der seit 2020 in Österreich lebt, zeigt auf Anfrage kein Verständnis für die angekündigte Tunnelsegnung. «Solche Initiativen machen offensichtlich, dass sich auch in der Schweiz die Dummheit ungeniert an die Öffentlichkeit wagt», schreibt der frühere Abt des Klosters Einsiedeln. Werlen segnete am 1. Juni 2016 den fertiggestellten Gotthard-Basistunnel gemeinsam mit Vertretern anderer Religionsgemeinschaften. Mit dabei waren damals eine reformierte Pfarrerin, ein Rabbiner, ein Imam und ein Konfessionsloser.

Segnungsfeier des Gotthard-Tunnels 2016, vorne Pater Martin Werlen
Segnungsfeier des Gotthard-Tunnels 2016, vorne Pater Martin Werlen

Die Organisatoren verwechselten offensichtlich die Segensfeier mit der Theateraufführung zur Geschichte des Gotthards, wo tatsächlich verschiedene Mächte und Kräfte dargestellt wurden, wie man sie aus den verschiedenen Sagen um den Gotthardpass kenne, so Werlen. Die Segnungsfeier habe am frühen Morgen im Tunnel stattgefunden und sei nicht Teil der Eröffnungsfeier mit Theateraufführung gewesen. «Die Texte, die bei der schlichten Feier im Tunnel gesprochen wurden, dürfen sich auch heute noch sehen und hören lassen», ist Werlen überzeugt.

Heilige Barbara im Gebet an Jesus genannt

Das Gebet, in dem die heilige Barbara genannt wurde, habe sich an Jesus Christus gerichtet, schreibt Werlen, um dann aus dem Text zu zitieren: «Dir (Jesus, d. Red.) empfehlen wir alle an, die an diesem grossen Projekt gearbeitet haben. Besonders denken wir an die neun Menschen, die hier tödlich verunfallt sind und an ihre Angehörigen, die um liebe Menschen trauern. Auf die Fürsprache der heiligen Barbara lass sie deine heilende Nähe erfahren.» Der Abschluss dieses Gebetes lautete: «Halte deine segnende Hand über allen, die in Zukunft in diesem Tunnel arbeiten oder als Reisende unterwegs sind. Das Wasser, das wir versprengen, soll uns Zeichen des Lebens sein, das du uns schenkst, des Vertrauens und der Freude.»

Segen «kein magisches Handeln»

Segen sei «kein magisches Handeln», betont Werlen. Mit dem Segen vertraue man sich Gott an. Es wäre naiv zu meinen, dass damit Unfälle, Krankheiten oder sogar der Tod ausgeschlossen werden könnten. «Von einem solchen Verständnis von Segen müssen wir uns als Getaufte in aller Öffentlichkeit distanzieren. Das sind Vorstellungen der Magie und des Aberglaubens, die mit dem christlichen Glauben wirklich gar nichts zu tun haben.»


Propst Martin Werlen | © Franz Kälin
26. August 2024 | 17:00
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