Oekumene geht durch den Magen: Ein Erinnerungsanlass in der Predigerkirche in Zürich befasste sich mit Franz von Assisi.
Schweiz

Was wollen die Reformierten mit Franz von Assisi?

Die Reformierten feiern Franziskus. In der Zürcher Predigerkirche fand eine vielstimmige Feier statt, wobei die Kernfrage unbeantwortet blieb: Wie ist die Radikalität des Poverello mit bürgerlichen Werten vereinbar?

Francesco Papagni

Gleich in zwei Zürcher Altstadtkirchen ist Franziskus gefeiert worden: im Grossmünster mit grossem Bahnhof – der Churer Bischof Josef Maria Bonnemain war angereist – und in der ökumenischen, aber nach wie vor reformierten Predigerkirche. Eine Reformierte fand das «total schräg», schliesslich sei der Heiligenkult bei ihnen abgeschafft worden. Eine andere hat damit überhaupt keine Probleme, sie betrachte auch Niklaus von Flüe als Heiligen. Die Meinungen gehen also auseinander, aber der Umstand, dass Franz von Assisi auch bei den Reformierten eine solche Beachtung findet, ist bemerkenswert.

Eine traurige Geschichte

In der Predigerkirche hat kürzlich der Jesuit Franz-Xaver Hiestand die Nachfolge von Thomas Münch übernommen. Münch hat dort lange Jahre zusammen mit Pfarrerin Kathrin Rehmat gewirkt. In der Feier war Hiestand denn auch liturgisch präsent, die Predigt hielt aber der junge Theologe Carlo Busolo – auf Italienisch. Das passte zum Anlass, die Anwesenden bekamen eine deutsche Übersetzung.

Busolo sagte nicht das Übliche, er nannte die Geschichte des Poverello eine «traurige Geschichte», denn Franziskus sei oft von seinen eigenen Gefährten verraten worden. Zudem habe sich sein Orden schon bald von der Armut und der evangelischen Einfachheit entfernt. Auch die Kirche, der sich Franziskus unterwarf, sei unfähig gewesen, «die Radikalität zu akzeptieren, mit der der zukünftige Heilige in die Fussstapfen Christi trat».

Seine besondere Aufmerksamkeit galt den Frauen. Franz machte keinen Unterschied zwischen Mann und Frau und zeigt damit, «dass es jede Mühe und jede Anstrengung wert sei, dem Ruf Jesu Christi zu folgen», so der Prediger.

Gute Bürger heranziehen

Diese Aussagen scheinen alle unverdächtig, doch sie sind es nicht. Franziskus und seine Gefährten brachen radikal mit der frühbürgerlichen Lebensweise in den ober- und mittelitalienischen Städten, die auf den Prinzipien jedes bürgerlichen Lebens beruhte – Arbeit, Eigentum, Familie. Dazu Ämter in der Stadtregierung und in der Zunft.

Wie ist das von einem reformierten Standpunkt aus zu beurteilen? Dazu eine Anekdote: Vor Jahren sprach ein bedeutender Religionswissenschaftler an der Zürcher Universität und nannte das Christentum eine Heilsreligion. Konrad Schmid, reformierter Theologe und Professor für Altes Testament erhob Einspruch: Er lehne den Begriff Heilsreligion ab, im Christentum gehe es darum, gute Bürger heranzuziehen.

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Nimmt man Schmids Bestimmung des Christentums zum Massstab, dürfte keine reformierte Gemeinde Franz von Assisi feiern, denn wie soll seine antibürgerliche Radikalität mit dem Ziel «gute Bürger» zu bilden, vereinbart werden? Franziskus und seine Gefährten haben sich der Erwerbsarbeit verweigert und haben freiwillig als Bettler gelebt – der grösstmögliche Gegensatz zu allen bürgerlichen Werten.

Die katholische Lösung

Wie löste die katholische Kirche diese Spannung? Bekanntlich hat der heilige Franziskus die Approbation des Papstes gefunden, aber der Widerspruch zwischen seiner Lebenswahl und der Welt, in der er lebte, war augenfällig.

In der katholischen Kirche gibt es verschiedene Weisen der Christusnachfolge: Die Ordensleute geloben Armut, Keuschheit und Gehorsam, die Weltpriester Keuschheit sowie Gehorsam. Letztere sind zudem zu einem bescheidenen Lebenswandel verpflichtet, aber nicht zur Armut. Diese unterschiedlichen Stände und damit die unterschiedlichen Lebensweisen hat der Protestantismus, der Schweizerische zumal, abgeschafft.

Oekumene durch den Magen

Eine Antwort, inwieweit unter diesen Voraussetzungen Franz von Assisi als Vorbild dienen kann, gab es zumindest in der Feier der Predigerkirche nicht. Reformierte und Katholiken teilen eine eineinhalbtausendjährige gemeinsame Geschichte, die keiner Konfession exklusiv gehört. Dass die Reformierten auch den mittelalterlichen Teil dieser gemeinsamen Geschichte wiederentdecken, ist nur zu begrüssen.

Die Predigerkirche war als Dominikanerkloster einmal das intellektuelle Zentrum Zürichs und ist prädestiniert als Ort des Nachdenkens und der Begegnung. Mit Franz-Xaver Hiestand hat Kathrin Rehmat wieder einen geeigneten Sparringpartner.

Nach dem Gottesdienst gab es in den Seitenschiffen feine Lasagne und guten Wein. Die Lasagne hatten Maria Trivelli und Antonella Casciato von der Missione cattolica di lingua italiana Uster zubereitet. Eine echte Mahlgemeinschaft bildete sich, wo der deutsche Obdachlose neben der italienischen Köchin und die reformierte Theologin neben dem katholischen Journalisten sass. Persönliche Gespräche entstanden. Vielleicht sollten wir nicht nur miteinander reden, sondern auch zusammen essen und trinken.


Oekumene geht durch den Magen: Ein Erinnerungsanlass in der Predigerkirche in Zürich befasste sich mit Franz von Assisi. | © Francesco Papagni
10. Oktober 2026 | 17:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!