Mediales Interesse am Fall Jäger.
International

Warum wurde Thomas Jäger freigesprochen?

Vieles deutet darauf hin, dass der Priester Thomas Jäger eine «ausgeprägte pädophile Neigung» hat, wie die Staatsanwaltschaft in Vaduz argumentiert. Doch es fehlt der Beweis, dass er Kinderpornos konsumiert hat. Antworten auf Fragen zum Prozess von Vaduz.

Raphael Rauch

Warum wurde Thomas Jäger freigesprochen?

Strafgericht Vaduz
Strafgericht Vaduz

Indizien sind kein Beweis. Auch wenn Vieles dafür spricht, dass der Priester Thomas Jäger Kinderpornos konsumiert haben könnte: Die Staatsanwaltschaft konnte das vor Gericht nicht beweisen. Zwar wurden auf Jägers Handy im Browserverlauf «pornografische Darstellungen Minderjähriger, pornografische Darstellungen Minderjähriger im Grenzbereich, Nacktbilder von Minderjährigen sowie Posing-Bilder von Minderjährigen» gefunden, wie schon länger die «Liechtensteinische Juristenzeitung» feststellte. Doch der Browserverlauf verweist letztlich nur auf Internet-Seiten. Da diese meistens dynamisch sind, ist unklar, welche Inhalte Thomas Jäger tatsächlich wissentlich abgerufen hat.

Was ist mit problematischen Suchbegriffen?

Laut dem Gericht hat Thomas Jäger mit seinem Handy nach Begriffen wie «nude kids», »nudist mother daughter» oder «teen mushi» gesucht. Doch um «den wissentlichen Zugriff auf Kinderpornographie» – so der Straftatbestand – nachzuweisen, hätte man einschlägiges Material auf dem Handy finden müssen. Oder nachweisen müssen, dass Jäger nicht nur nach Kinderpornos gesucht hat, sondern diese auch tatsächlich konsumiert hat.

Wurden vor Gericht neue Argumente ausgetauscht?

Die meisten Argumente waren bekannt. Schliesslich handelte es sich am Dienstag um den dritten Prozess in dieser Sache: 2020 war Thomas Jäger zunächst verurteilt worden, danach zog er den Fall ans Obergericht weiter, dieses wies den Fall wieder an die Erstinstanz zurück. 

Wie verhielt sich der Staatsanwalt?

Staatsanwalt Robert Wallner
Staatsanwalt Robert Wallner

Der leitende Staatsanwalt Robert Wallner verhielt sich ruhig und sachlich. Er argumentierte, dass die von der Polizei ausgewerteten Browserverläufe zu Kinderpornos führten. Und er betonte: Wer nach »nude kids» suche, der sei nicht an legaler Pornografie interessiert, sondern an illegaler.

Der Staatsanwaltschaft versuchte, über verschiedene Indizien das Bild eines pädophilen Täters zu zeichnen. Robert Wallner erinnerte an ein Foto von jungen, nackten Frauen auf einem Boot, das bei Jäger gefunden worden sei. Auch erinnerte er an die Ministrantin von Ruggell, die von Jäger im Brustbereich massiert worden sei. Deswegen werde bald Anklage erhoben. Und er erwähnte, dass auf Thomas Jägers Handy ein halbstündiges, selbst aufgenommenes Videos gefunden wurde.

Die Staatsanwaltschaft in Vaduz
Die Staatsanwaltschaft in Vaduz

Laut dem Staatsanwalt hat Thomas Jäger bei heissem Sommerwetter ein Pfadi-Mädchen gefilmt und dabei immer wieder versucht, in den Ausschnitt hineinzufilmen. »Ab und zu wird er dabei gestört, doch immer wieder kehrt er zurück zum Mädchen und zoomt ganz nahe an den Ausschnitt heran», sagte der Staatsanwalt. Anders als in Deutschland, wo »Upskirting» und «Downblousing» strafbar sind, sei dies in Liechtenstein kein Straftatbestand. 

Auch betonte der Staatsanwalt, dass Jäger sich in Widersprüche verstrickt habe. So habe er erst behauptet, Menschen aus dem Kosovo hätten sein Handy gehackt. Gegenüber der Polizistin habe er dann aber doch eingeräumt, Posing-Bilder und – der Staatsanwalt formulierte das etwas verklausulierter – auch Fotos von Minderjährigen konsumiert zu haben. 

Wie verhielt sich der Rechtsanwalt?

Rechtsanwalt Anton Schäfer
Rechtsanwalt Anton Schäfer

Thomas Jägers Rechtsanwalt Anton Schäfer war teilweise ungehalten und unterbrach den Richter mehrmals. Er machte keinen Hehl draus, dass er die Justiz in Liechtenstein für unprofessionell hält. So kritisierte er, dass die Gemeinde Ruggell immer wieder Akteneinsicht erhalten habe, obwohl sie keine Verfahrenspartei sei. Dadurch, dass Thomas Jäger nicht mehr Pfarrer von Ruggell ist, habe dieser auch nichts mehr mit der Gemeinde Ruggell zu tun. Entsprechend dürfe die Gemeinde Ruggell schon länger keine Akteneinsicht mehr erhalten. 

Generalvikar Markus Walser an der Fronleichnamsprozession in Ruggell.
Generalvikar Markus Walser an der Fronleichnamsprozession in Ruggell.

Auch kritisierte der Rechtsanwalt, dass der Richter den IT-Gutachter nicht vorgeladen hatte. »Ich habe fünf Seiten Fragen an den Gutachter», sagte der Anwalt. Auch forderte er ein Gutachten, welches das Alter der Porno-Darstellenden «verlässlich und gerichtsfest beurteilen» könne. Beide Beweisanträge lehnte der Richter ab.

Die Eltern einer Ministrantin aus Ruggell FL sind von Thomas Jägers Schuld überzeugt, wie sie gegenüber der "Rundschau" berichten.
Die Eltern einer Ministrantin aus Ruggell FL sind von Thomas Jägers Schuld überzeugt, wie sie gegenüber der "Rundschau" berichten.

Der Rechtsanwalt warf der Staatsanwaltschaft auch «schlampiges Verhalten» vor, weil diese die Eltern der Ministrantin von Ruggell nicht über die Einstellung des Verfahrens informiert habe. Die Ministrantin wirft Thomas Jäger vor, sie im Brustbereich massiert zu haben. Die Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren zunächst eingestellt – mit einer Begründung, die die Öffentlichkeit letzten Sommer aufgeschreckt hatte: «Es konnte nicht mit der für ein Strafverfahren erforderlichen Sicherheit nachgewiesen werden, dass der Genannte das achtjährige Mädchen tatsächlich im Brustbereich berührt hatte. Darüber hinaus war die Brust des Mädchens noch nicht entwickelt.» Die Eltern legten Widerspruch gegen die Einstellung des Verfahrens ein, das Verfahren wird neu aufgerollt.

Ist Thomas Jäger unschuldig?

Es gilt die Unschuldsvermutung. Innerhalb der nächsten vier Tage muss die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob sie Berufung gegen das Urteil einlegt. Da sie vor dem Obergericht schon einmal den Kürzeren gezogen hat, ist damit zu rechnen, dass sie nicht Berufung einlegt. Damit wäre das Urteil rechtskräftig. Dann wäre Thomas Jäger, was die Kinderpornos betrifft, im weltlichen Sinne unschuldig. Das heisst aber nicht, dass er im kirchenrechtlichen Sinne unschuldig ist.

Hinzu kommt: Es läuft noch ein weiteres Verfahren gegen Thomas Jäger wegen der Ruggeller Ministrantin, die er im Brustbereich massiert haben soll.

Darf Thomas Jäger nun wieder als Priester tätig sein?

Nein. Die Auflagen, die das Erzbistum Vaduz auferlegt hat, sind nach wie vor in Kraft. Es gilt den nächsten Prozess abzuwarten.

Warum war Thomas Jäger nicht anwesend?

In Liechtenstein muss der Angeklagte nur dann persönlich erscheinen, wenn der Fall vor dem Kriminalgericht landet. Die Kinderpornos waren zu wenig schwerwiegend, weswegen der Fall nicht am Kriminalgericht verhandelt wurde. Entsprechend liess sich Jäger von seinem Anwalt vertreten.


Mediales Interesse am Fall Jäger. | © Christian Merz
7. März 2023 | 17:45
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