Warum wir Mark S. Kinzer ehren
Bei der Verleihung des Ehrendoktorats an den messianisch-jüdischen Theologen Mark S. Kinzer geht es nicht darum, den jüdisch-christlichen Dialog durch einen Dialog mit dem messianischen Judentum zu ersetzen. Mit der Auszeichnung wird sein wissenschaftliches Werk gewürdigt – und nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Gemeinschaft.
Veronika Hoffmann und Thomas Schumacher*
Kann eine Theologische Fakultät einen messianischen Juden mit einem Ehrendoktorat auszeichnen? Manche würden sagen: Nein. Grosse Teile des Judentums erkennen messianische (das heisst an Christus als den Messias glaubende) Juden nicht als Juden an. Und es gibt Strömungen im messianischen Judentum, die sich für Judenmission einsetzen – was für Christinnen und Christen spätestens seit der Konzilserklärung Nostra aetate nicht mehr denkbar ist. Diese Frage berührt also einen empfindlichen Punkt.
Wir betonen deshalb: Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg bekennt sich ohne Einschränkung zur bleibenden Erwählung Israels, weist jede Form des Antijudaismus zurück und lehnt die Vorstellung, die Kirche habe Israel ersetzt, ebenso entschieden ab wie jede Form von Judenmission. Diese Grundüberzeugungen stehen für uns nicht zur Disposition. Ebenso massen wir uns nicht an zu definieren, wer als Jude oder Jüdin zu gelten hat. Und schliesslich geht es uns mitnichten darum, den jüdisch-christlichen Dialog durch einen Dialog mit dem messianischen Judentum zu ersetzen.
Um jedes Missverständnis zu vermeiden und den berechtigten Rückfragen Rechnung zu tragen, haben wir den entsprechenden Informationstext auf unserer Internetseite angepasst.
Unsere Ehrung richtet sich nicht auf eine religiöse Identität, sondern auf ein wissenschaftliches Werk. Mark S. Kinzer gehört zu den Theologen, die die judenchristliche Dimension der Kirche auf der Basis des neutestamentlichen Schrifttums in den vergangenen Jahrzehnten neu durchdacht haben. Seine Arbeiten werden weit über den Raum des messianischen Judentums hinaus rezipiert und diskutiert.
«Gerade weil das messianische Judentum in verschiedenen Teilen der Welt wächst, halten wir diese richtungsweisende Gegenstimme für bedeutsam.»
Noch ein zweiter Aspekt motiviert uns zu dieser Ehrung. Das messianische Judentum war über lange Zeit hinweg eng mit einer evangelikalen Theologie verbunden, die Judenmission befürwortete und substitutionstheologisch argumentierte, also die Kirche an die Stelle Israels setzte. Mark S. Kinzer hat sich gegen diese Tradition gestellt. Er hat innerhalb seines eigenen theologischen Umfelds für eine Theologie geworben, die die bleibende Erwählung Israels ernst nimmt und jede Form von Judenmission zurückweist. Gerade weil das messianische Judentum in verschiedenen Teilen der Welt wächst, halten wir diese richtungsweisende Gegenstimme für bedeutsam.
Es wäre von daher undifferenziert, Mark S. Kinzer mit denjenigen Positionierungen des messianischen Judentums zu identifizieren, die er selbst in seinem wissenschaftlichen Werk einer grundlegenden Kritik unterzieht. Und die Entscheidung zur Ehrung Mark S. Kinzers wäre folglich grundlegend falsch verstanden, wenn man darin eine Legitimierung des messianischen Judentums insgesamt sehen würde.
«Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Gemeinschaft sollte kein Ausschlusskriterium für eine akademische Auszeichnung sein.»
Eine Universität ehrt keine religiöse Zugehörigkeit. Sie ehrt auch keine Person deshalb, weil sie einer bestimmten Gemeinschaft angehört – aber andererseits sollte die Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Gemeinschaft auch kein Ausschlusskriterium für eine akademische Auszeichnung sein. Das Ehrendoktorat für Mark S. Kinzer würdigt vorrangig sein wissenschaftliches Werk und dessen Bedeutung für den akademischen Diskurs.
Dass dieses Werk zugleich dazu beiträgt, antijudaistische Denkmuster zu überwinden und die kirchliche Selbstreflexion im Blick auf das jüdisch-christliche Gespräch zu sensibilisieren, ist für unsere Fakultät ein weiterer wichtiger Grund, Mark S. Kinzer mit der Ehrendoktorwürde auszuzeichnen. Gerade weil der jüdisch-christliche Dialog für uns unverzichtbar ist, halten wir diese Entscheidung für verantwortbar – und die darüber entstandene Diskussion für notwendig und fruchtbar.
* Veronika Hoffmann ist Dekanin der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg (Schweiz). Thomas Schumacher ist Präsident des Departements für Biblische Studien der Theologischen Fakultät. Mit ihrer Stellungnahme, die kath.ch als Gastkommentar veröffentlicht, reagieren sie auf kritische Fragen, die die geplante Verleihung des Ehrendoktorats aufgeworfen hat.
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