Christian Rutishauser
Gastkommentar

Messianisches Judentum – Warum die Ehrung von Mark S. Kinzer durch die Uni Freiburg heikel ist

Der messianisch-jüdische Theologe Mark S. Kinzer erhält im November die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät Freiburg. Die Ankündigung irritiert viele. Es ist eine Pflicht, auf die kritischen jüdischen Stimmen zu hören. Denn Dialog ist kein einfaches Konsensgeschäft.

Christian Rutishauser*

Das sogenannte «messianische Judentum» ist keine einheitliche Bewegung, sondern ein Sammelbegriff für verschiedenste jüdische Gemeinden, die Jesus als Christus anerkennen. Sie sind nicht am offiziellen jüdisch-katholischen Dialog beteiligt, da diese Gemeinden christlicherseits von der evangelischen und evangelikalen Tradition geprägt und von jüdischer Seite nicht anerkannt sind.

«Das sind die Hauptgründe, warum die katholische Kirche sich distanziert.»

Dazu gehört, dass sie sich für christliche Missionierung unter Juden einsetzen, das Judentum als defizitär betrachten und glauben, dass die Kirche als auserwähltes Volk an die Stelle des Judentums in der Heilsgeschichte getreten ist. Dazu gehört im Konflikt um den Staat Israel, dass das messianische Judentum einen christlich-evangelikalen Zionismus unterstützt.

Das sind die Hauptgründe, warum die katholische Kirche sich distanziert. Mark S. Kinzer, der von der Theologischen Fakultät Freiburg das Ehrendoktorat erhält, wird zum messianischen Judentum gezählt, doch ist er Gründer und Vordenker von Gemeinden, für die die genannten Kriterien gerade nicht zutreffen. So irritiert alle jene, die nicht tief mit dieser sehr spezifischen Materie und der kleinen Minderheit vertraut sind, die Ankündigung.

«Von diesem Dialog zu unterscheiden ist die Frage, welche Stellung Juden und Jüdinnen haben, die an Christus als den Messias glauben.»

Der Verzicht auf klassische Judenmission war seit Anfang Bedingung für den jüdisch-katholischen Dialog. Sie würde einen Dialogpartner eliminieren. Waren es zuerst pragmatische-historische Gründe, die zum Verzicht geführt haben, ist dies heute theologisch fundiert begründet: Juden sind vom Gott Jesu Christi in den Bund gerufen. Sie müssen nicht zu ihm geführt werden. Theologisch wird darum gerungen, was Jesus aus Nazareth je für beide Traditionen bedeutet und warum Gott ein doppeltes Bundesvolk – Kirche und Judentum – durch die Geschichte führt.

Von diesem Dialog zu unterscheiden ist die Frage, welche Stellung Juden und Jüdinnen haben, die an Christus als den Messias glauben. Sie sind eine historische Tatsache. Von jüdischer Seite ist ihre Stellung sehr umstritten. Christlicherseits hatte man sie traditionell gezwungen, alles Jüdische hinter sich zu lassen und sich wie andere Christen in die Kirche zu integrieren. Das ist aber mit der Lehre vom unwiderrufenen Bund Gottes mit dem jüdischen Volk nicht mehr angebracht.

«Mark S. Kinzer gehört zu den wenigen Theologen, die über die Stellung der christus-gläubigen Juden in Bezug auf die römisch-katholische Kirche nachdenken.»

Mark S. Kinzer gehört zu den wenigen Theologen, die über die Stellung der christus-gläubigen Juden in Bezug auf die römisch-katholische Kirche nachdenken. Er hat in den letzten zwanzig Jahren ein post-missionarische Theologie entwickelt, die das rabbinische Judentum und die Kirche je in ihrer Tradition anerkennt, aber dazu eine Synagogenform für christus-gläubige Juden aufgebaut und reflektiert. Dies ist eine Form, die es vor allem in den USA gibt. Es ist eine kleine Gruppe, so wie auch die Hebräischen Katholiken in Israel eine kleine Sondergruppe darstellen. Der Patriarch von Jerusalem hat dazu ein eigenes Vikariat errichtet.

Nach neutestamentlichem Zeugnis und angesichts der Tatsache, dass es in der Antike über Jahrhunderte Judenchristen gegeben hat – eine «Kirche aus der Beschneidung» wie sie traditionell genannt wurde –, ist diese Entwicklung seit dem Zeiten Vatikanischen Konzil für die katholische Kirche positiv zu deuten. Gemeinden im Sinne von Mark Kinzer sind insofern für den jüdisch-katholischen Dialog eine Bedrohung, wenn die Kirche sie dem rabbinischen Judentum als Dialogpartner vorziehen würde.

«Gerade rechtskatholische Kirchenkreise, die sich nie wirklich auf den Dialog mit dem Judentum eingelassen haben, vereinnahmen Kinzer gegen den Dialog.»

Gerade rechtskatholische Kirchenkreise, die sich nie wirklich auf den Dialog mit dem Judentum eingelassen haben, vereinnahmen Kinzer gegen den Dialog. Das ist eine reale Gefahr. Man will nur die christus-gläubigen Juden, weil man ja nur den traditionellen christlichen Absolutheitsanspruch durchsetzen will. Deswegen schützt der Vatikan den Dialog mit dem Judentum vor solchen Vereinnahmungen.

Bei einem Ehrendoktorat geht es um die Auszeichnung von wissenschaftlicher Leistung. Mark S. Kinzer hat mit seiner Theologie der «bilateralen Ekklesiologie» Pionierarbeit geleistet. Dies kann gewürdigt werden, auch wenn die Debatte darum erst noch geführt werden muss. Wir leben einer offenen, liberalen Gesellschaft, in der es freie Konversionen und hybride Religionsidentitäten gibt. Die Kirche bekennt sich zur Religionsfreiheit. All dies macht auch vor Juden und Christen nicht halt.

«Es braucht noch mehr Differenziertheit.»

Wir sind in einer Zeit des kulturellen und religiösen Umbruchs. Hier müssen neue Wege gefunden werden, ohne die nachkonziliaren Errungenschaften des jüdisch-christlichen Dialogs in Frage zu stellen. Die Fakultät Freiburg muss darauf achten, dass ihr Doktorat nicht vereinnahmt wird, dass sie sich vom allgemeinen messianischen Judentum abgrenzt und nicht vorgibt, den etablierten Dialog mit dem Judentum zu fördern. Es braucht noch mehr Differenziertheit.

Im Augenblick irritiert das Doktorat besonders im europäischen Kontext, wie die jüdischen Stimmen zeigen. Es ist eine Pflicht, darauf zu hören. Dialog ist eben kein einfaches Konsensgeschäft, nicht einmal nur eine Bejahung von Differenzen, sondern ein Ringen um komplexe Wahrheit, der wir angesichts der biblischen Offenbarung und des Gottes Israels verpflichtet sind. Es geht darum, was Juden und Christen füreinander bedeuten und was ihre Aufgabe in der Welt von heute ist.

*Der Jesuit Christian Rutishauser ist Experte für den jüdischen-christlichen Dialog, unter anderem ist er Berater des Papstes für die religiösen Beziehungen zum Judentum. An der Universität Luzern ist er Professor für Judaistik und Theologie. Diesen Gastkommentar verfasste er auf Anfrage von kath.ch.

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Christian Rutishauser | © Vera Rüttimann
26. Juni 2026 | 14:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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