Arbeitsplatz während des Gottesdienstes
Schweiz

Warum die Austeilung der Kommunion im Fernsehen maximal vier Minuten zu sehen ist

Mit dem Erntedank-Gottesdienst in Leuk-Stadt VS hat Bruno Fäh seine Ernte eingefahren: Es war sein letzter SRF-Gottesdienst als Radio- und Fernsehbeauftragter. Alles muss auf die Sekunde geplant sein. Bei der Hauptprobe lösen Kinder die Alarm-Anlage aus. Ein Übergabe-Protokoll.

Sibylle Hardegger*

Am Ende meiner ersten Arbeitswoche und zu Beginn meiner zweiten Arbeitswoche als Beauftragte für Radio und Fernsehen steht schon ein Highlight an: die Gottesdienstübertragung aus St. Stephan in Leuk-Stadt. Für die Techniker beginnt der Einsatz bereits am Freitagmorgen: Da werden die Lastwagen mit dem benötigten Equipment beladen und ins Wallis gefahren. Ich selber reise erst am Samstag an, rechtzeitig zur Hauptprobe am Vorabend.

Die erste Lesung dauert zweieinhalb Minuten

Das Drehbuch des Gottesdienstes hat 21 Seiten. Für die Erstellung des Drehbuchs zeichnet dieses Mal noch Bruno Fäh verantwortlich – mein Vorgänger im Amt. Genau 50 Minuten darf ein Gottesdienst fürs Radio und Fernsehen maximal dauern. Da muss alles minutiös, ja auf die Sekunde geplant sein.

Bruno Fäh und Sibylle Hardegger: der abtretende und die neue Radio- und Fernsehbeauftragte des Katholischen Medienzentrums.
Bruno Fäh und Sibylle Hardegger: der abtretende und die neue Radio- und Fernsehbeauftragte des Katholischen Medienzentrums.

Dem Drehbuch entnehme ich, dass die erste Lesung zweieinhalb Minuten dauern wird. Für die Austeilung der Kommunion sind vier Minuten eingerechnet. Bruno Fäh erzählt mir bei unserer Besprechung, das sei immer so. Nach vier Minuten kehrt der Priester zum Altar zurück – auch dann, wenn zum Beispiel hinten in der Kirche noch die Kommunion ausgeteilt wird. «Der Gottesdienst muss weiter gehen, damit die Zeit eingehalten wird», sagt Bruno Fäh.

Bruno Fähs letzte Übertragung

An diesem Wochenende wird der Gottesdienst aus Leuk-Stadt im Fernsehen und im Radio live übertragen. In der Fachsprache heisst das «konvergent». Das ist eine zusätzliche Herausforderung für alle Involvierten, ist doch im Radio nicht sichtbar, was am Fernsehen zu verfolgen ist. So muss darauf geachtet werden, dass es keine längeren Pausen gibt, die man zwar mit Bild füllen kann, aber tonlos daherkommen.

Bruno Fäh an seinem Platz für die Gottesdienstübertragung.
Bruno Fäh an seinem Platz für die Gottesdienstübertragung.

Auf meiner Reise ins Wallis steigen Spannung und Vorfreude auf die erste Gottesdienstübertragung. Es wird die letzte Übertragung sein, bei der Bruno Fäh dabei ist. Ende Oktober verabschiedet sich der 74-Jährige in den Ruhestand. Seit 2013 hatte er die Aufgabe des Beauftragten für Radio und Fernsehen inne. Wie viele Fernseh- und Radiogottesdienste er dabei mitverantwortet hat, weiss Bruno Fäh selber nicht mehr.

«Ich bin da für Inputs und Kommentare»

«Als ich anfing, gab es noch keine konvergenten Gottesdienste, da waren es im Schnitt so etwa neun Übertragungen von römisch-katholischen Gottesdiensten pro Jahr», blickt Bruno Fäh zurück. Ich bin dankbar, dass ich noch einen ganzen Monat mit ihm zusammen arbeiten und von seiner Erfahrung profitieren darf.

Buntes Treiben: Bruno Fäh inmitten der Leute.
Buntes Treiben: Bruno Fäh inmitten der Leute.

Schon vor dem Wochenende im Wallis sagte mir Bruno Fäh: «Bei der Übertragung halte ich mich immer im Hintergrund. Ich bin da für Inputs und Kommentare, aber ansonsten sind der Produzent und die Regie am Zug.»

Heimspiel Leuk-Stadt

Unsere Arbeit ist am Tag der Übertragung eigentlich abgeschlossen. Sie muss vorher geleistet werden: der Kontakt zu den Pfarreien und Kirchgemeinden und die inhaltliche Vorbereitung des Gottesdienstes. Zwei Monate vor der Sendung gibt es eine Grobplanung, dann bis eine Woche vorher die Feinplanung. Dazu gehört auch, nach Lösungen zu suchen, wenn technisch nicht alles möglich ist, was die Liturgen sich wünschen.

Pfarrer Daniel Noti, Leuk-Stadt
Pfarrer Daniel Noti, Leuk-Stadt

Dieses Mal haben in Leuk-Stadt alle schon TV-Erfahrung. Bereits im März wurde ein Gottesdienst aus der Kirche St. Stephan übertragen. Als ich am Samstagnachmittag gegen 15 Uhr in Leuk-Stadt eintreffe, sind die Vorbereitungen in vollem Gange.

Kirche statt Übertragungswagen

Der Produzent, Norbert Bischofberger, kommt gerade aus der Maske und ist bereit für die Aufnahme der Anmoderation. So wird das Intro genannt, mit dem die Zuschauerinnen und Zuschauer zuhause begrüsst werden. Es wird am Samstagnachmittag vorproduziert.

Aufnahme der Anmoderation mit Norbert Bischofberger.
Aufnahme der Anmoderation mit Norbert Bischofberger.

In der Kirche treffen die Verantwortlichen von SRF die letzten Vorbereitungen. Bruno Fäh zeigt mir unseren Platz während der Übertragung. Mit dem Produzenten sitzen wir ganz hinten in der Kirche an zwei grossen Tischen. Monitore und Kopfhörer sind für uns bereit. Das sei nicht immer so, sagt Bruno Fäh. Normalerweise sei unser Platz zusammen mit dem Produzenten im Übertragungswagen – aber wegen den Coronavorschriften ist das dieses Mal nicht möglich.

Die Stoppuhr läuft

Während wir uns in und um die Kirche herumbewegen, fällt mir auf, wie Bruno Fäh das ganze Set im Blick hat. Er ist keiner, der im Zentrum stehen will. Er ist da, wenn man ihn braucht. Zurückhaltend, aber immer bereit mit einem Kommentar und einer Anmerkung, um die Vorbereitungen zu begleiten. Auch mir gegenüber verhält er sich so. Keine Belehrung, hier ein Tipp für die Zukunft, da ein Kommentar zum Ablauf der Produktion, der mir für mein künftiges Wirken hilfreich sein kann.

Die Stoppuhr läuft.
Die Stoppuhr läuft.

Um 18 Uhr wird es dann zum ersten Mal ernst. Der Vorabendgottesdienst ist gleichzeitig die Hauptprobe für den Fernsehgottesdienst am Sonntag. Bruno Fäh und ich sitzen an unseren Plätzen, das Drehbuch vor uns und die Stoppuhr neben uns. Im Drehbuch stehen die eingeplanten Zeiten für jeden einzelnen Abschnitt der Eucharistiefeier und für jeden musikalischen Beitrag. Wir stoppen die effektive Zeit mit, um zu sehen, ob sie mit den Annahmen übereinstimmen und ob wir im Zeitbudget liegen.

Bunter Gottesdienst mit Musikgesellschaft und Fahnenträgern

Bereits nach 38 Minuten wissen wir, dass wir gut in der Zeit sind. Doch Norbert Bischofberger und Bruno Fäh finden, wir sollten sicherheitshalber an zwei Stellen kürzen. Pfarrer Daniel Noti war zwar, wie die Walliser sagen, ganz flott unterwegs. Aber auf Sendung, erfahre ich, dauert dann doch immer alles länger. Besser also sind wir darauf vorbereitet, kürzen – und planen noch einen Puffer ein.

Bruno Fäh mit SRF-Moderator Norbert Bischofberger.
Bruno Fäh mit SRF-Moderator Norbert Bischofberger.

Insgesamt sind wir alle sehr zufrieden. Kinderchor, Kirchenchor, Musikgesellschaft und Fahnenträger machen den Gottesdienst bunt und lebendig. Man merkt, dass nach dem ersten Durchlauf die Spannung bei vielen Mitwirkenden abfällt. Die Kinder des mitwirkenden Kinderchors lösen die Alarmanlage bei der Marienstatue aus, weil sie in ihrem Übermut zu nahe an der Statue vorbeirennen. Minutenlang ertönt ein schneidendes Alarmsignal, bis jemand den richtigen Knopf findet und der Alarm verstummt.

Der Pfarrer erhält Feedback

Unmittelbar nach dem Vorabendgottesdienst gibt es eine kurze Feedbackrunde. Die Regisseurin möchte die Ministrantin mit dem Vortragkreuz noch umplatzieren, die Kinder dürfen sich beim Vorlesen der Besinnung etwas mehr Zeit lassen. Solche vermeintlichen Details sind sehr wichtig für die Bild- und Tontechniker. Bruno Fäh bewegt sich mittendrin, gibt hier eine Rückmeldung und da einen Kommentar. Immer präsent, aber nie aufdringlich.

Bruno Fäh mit der Regisseurin und technischen Dienstleiterin von SRF.
Bruno Fäh mit der Regisseurin und technischen Dienstleiterin von SRF.

Anschliessend besprechen sich Regisseurin, Produzent, Aufnahmeleiter und wir zwei Beauftragten mit Pfarrer Daniel Noti, den Kirchenmusikern und dem Pfarreiratspräsident. Wir gehen noch einmal alle Teile des Gottesdienstes durch, der Pfarrer bekommt unser Feedback.

Muss eine Strophe gekürzt werden?

Bruno Fäh schlägt eine Kürzung vor, damit eine Minute eingespart wird. Ebenfalls behalten wir uns vor, beim Schlusslied nur zwei anstelle der vorgesehenen drei Strophen zu singen. Der Aufnahmeleiter wird zur gegebenen Zeit dem Pfarrer signalisieren, ob alle Strophen gesungen werden oder ob gekürzt werden muss. Viel gibt es an diesem Abend nicht zu korrigieren. Alle freuen sich auf einen gelingenden Gottesdienst. Gegen 20.30 Uhr heisst es auch für uns: Feierabend!

Abend über Leuk-Stadt
Abend über Leuk-Stadt

Ein wunderschöner Sonntagmorgen bricht an über Leuk-Stadt, als ich zur Kirche hinauf gehe. Kinderchor und Musikgesellschaft sind schon da, die Mitglieder des Kirchenchors treffen nach und nach ein, mit ihnen auch die Gottesdienstbesucherinnen und Gottesdienstbesucher.

«Schon emotional»

Bruno Fäh ist präsent ganz hinten in der Kirche, begrüsst diesen und jenen, hält hier einen Schwatz und dort. Er scheint sich wohlzufühlen. Auch wenn das heute nun wirklich sein letzter Einsatz beim Fernseh- und Radiogottesdienst ist. Ja, es sei schon emotional, sagt er mir, «aber ich habe mich auf dieses letzte Mal auf diesen Abschied vorbereitet und freue mich, dass dieser Gottesdienst aus Leuk-Stadt übertragen wird».

Leuk-Stadt im Herbst 2020.
Leuk-Stadt im Herbst 2020.

Kurz vor 10 Uhr begrüssen Pfarrer und Produzent die versammelte Gottesdienstgemeinschaft. Ein paar Hinweise gibt es noch für die Mitfeiernden. Drei Minuten vor der Sendung, um 9.57 Uhr, sind alle bereit. Um 10 Uhr starten wir unsere Stoppuhr gleichzeitig mit dem Signet von SRF und dem folgenden Glockengeläut der Kirche St. Stephan.

Schlussspiel endet bei Minute 48:34

Die vorgenommenen Kürzungen waren richtig. Ab Minute 40 wissen wir, dass wir ohne Probleme alle drei Strophen des Schlussliedes singen können. Der Aufnahmeleiter signalisiert dies dem Pfarrer. Das Schlussspiel endet an diesem Morgen bei Minute 48:34. Eine Punktlandung sozusagen. Für Bruno Fäh und mich ist die Arbeit damit getan.

Bruno Fäh an seinem Platz für die Gottesdienstübertragung.
Bruno Fäh an seinem Platz für die Gottesdienstübertragung.

In der Kirche hingegen geht es weiter mit der Sendung «Nachgefragt». Pfarrer und Architekt geben Auskunft zum erst kürzlich neu geweihten Altar und Ambo in der Pfarrkirche – und dazu, wie Gottesdienst und Architektur zusammenspielen. Die Fernsehzuschauerinnen und Fernsehzuschauer erfahren dabei noch etwas mehr von der Pfarrkirche St. Stephan in Leuk-Stadt. Nach 58 Minuten ist die Liveübertragung aus Leuk-Stadt zu Ende. Die Stimmung ist gelöst.

Dank für Bruno Fähs Engagement

Was die Zuschauer und Zuschauerinnen zu Hause nicht mehr mitbekommen, ist das fröhliche Miteinander auf dem Kirchplatz, zu dem die Musikgesellschaft noch einmal aufspielt und ein Glas Walliser Wein gereicht wird.

Nachbesprechung im Altarraum.
Nachbesprechung im Altarraum.

Ein rundum schöner Abschiedsmorgen für Bruno Fäh: Wieder einmal war der Gottesdienst gemeinschaftsstiftend – für die Mitfeiernden vor dem Fernseher oder am Radio, aber auch für die Pfarrei und das Dorf Leuk-Stadt. Nicht wenige heben Bruno Fäh das Glas entgegen und bedanken sich für sein Engagement. Passend zum Erntedank: Vergelt’s Gott, lieber Bruno, und alles Gute für deinen Un-Ruhestand!

* Die Theologin Sibylle Hardegger ist neue Radio- und Fernsehbeauftragte des Katholischen Medienzentrums. Zuvor war sie für das Bistum Basel und die katholische Kirche in Nordeuropa tätig.


Arbeitsplatz während des Gottesdienstes | © Sibylle Hardegger
11. Oktober 2021 | 05:00
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