Warum der Abt von Engelberg den Erstkommunionkindern die Füsse wäscht
Die Fusswaschung am Hohen Donnerstag hat im Kloster Engelberg Tradition: Hier wäscht der Abt den Erstkommunionkindern die Füsse. Mittlerweile dürfen auch Mädchen mitmachen. Ein Gespräch über Tradition, Nähe und Distanz – und das Dienen.
Raphael Rauch
Kann es sein, dass die Fusswaschung in der Schweiz seltener geschieht als in anderen Ländern?
Abt Christian Meyer*: Das kann sehr gut sein. Wir Schweizer sind halt etwas trockener, was das Feiern der Liturgie betrifft (lacht). Wir fühlen uns aufgeklärt und denken: Das braucht’s doch nicht. Dabei lebt die Liturgie von grossen und kleinen Zeichen.
Findet heute Abend bei Ihnen eine Fusswaschung statt?
Meyer: Ja. 2020 gab es wegen Corona keine öffentlichen Gottesdienste. 2021 gab es klare Vorschriften aus Rom, die die Fusswaschung verboten haben. Dieses Jahr machen wir zum ersten Mal seit 2019 wieder eine Fusswaschung. Bei uns gibt es die Tradition, dass der Abt den Erstkommunionkindern, die wollen, die Füsse wäscht.
Wie alt ist dieser Brauch?
Meyer: Jahrhundertealt. Früher hat der Abt den Klosterknechten und den politischen Würdenträgern des Dorfes die Füsse gewaschen. In den 1930er-Jahren wurden es dann zwölf Erstkommunikanten. Wegen der zwölf Apostel mussten es natürlich unbedingt zwölf und unbedingt Knaben sein. Es war ein richtiger Kreis der Auserwählten: Die Knaben mussten einem Engelberger Geschlecht entstammen. Wenn es mehr als zwölf waren, wurde gelost. Und erst später wurden Mädchen zugelassen. Aber nur, wenn es bei einem geburtenarmen Jahrgang weniger als zwölf Knaben gab. Ich bin 1997 Pfarrer in Engelberg geworden und habe diese Praxis abgeschafft. Jetzt dürfen alle Erstkommunionkinder mitmachen, egal ob Mädchen oder Jungen, Einheimische oder Zuzüger.
«Ich soll der Gemeinschaft dienen, nicht überheblich werden.»
Was bedeutet Ihnen dieses Ritual?
Meyer: Es ist ein Zeichen des Dienens: Wir alle sollten Dienende sein. Gerade auch ich als Abt: Ich soll der Gemeinschaft dienen, nicht überheblich werden. Und für die Erstkommunionkinder ist es ein spielerisches Erleben des Evangeliums.
Machen Sie es sich mit den Erstkommunionkindern nicht etwas einfach? Warum waschen Sie nicht Gefangenen, Obdachlosen, Flüchtlingen die Füsse?
Meyer: Es ist die Haltung, die entscheidend ist. Es geht ja nicht um Effekthascherei. Und ich finde es schön, dass wir in Engelberg einen eigenen Brauch haben, der auch für die Kinder nachvollziehbar ist. Zuerst zieht der Abt mit Stab und Mitra ein. Später zieht er das Messgewand aus und sich eine Schürze an. Das ist eine wichtige Botschaft.
Gibt es auch Kinder, die sich von Ihnen nicht die Füsse waschen lassen wollen?
Meyer: Der Brauch ist freiwillig. Aber man kennt sich ja und die Kinder bekommen in der Erstkommunionvorbereitung das Ritual erklärt.
«Wir haben die Tradition abgeschafft, dass der Abt auf Anfrage Götti wurde.»
Nähe und Distanz im Umgang mit Kindern und Jugendlichen ist für die katholische Kirche ein heikles Thema.
Meyer: Wir haben vor Jahren genau darüber gesprochen und uns gefragt: Halten wir an der Fusswaschung fest oder nicht? Wir sind zu dem Schluss gekommen: Das Ritual ist nach wie vor sinnvoll. Ich berühre die Kinder ja nicht mit nackter Haut, sondern mit einem Tuch. Die Fusswaschung findet öffentlich statt, sie wird erklärt und ist absolut freiwillig. Neben mir steht die Katechetin und hält die Schüssel mit dem Wasser. Und alle Erstkommunionkinder sind eingeladen, niemand wird privilegiert. Wir haben hier eine gute Lösung gefunden. Was wir aber abgeschafft haben ist die Tradition, dass der Abt auf Anfrage Götti wurde.
War das früher so?
Meyer: Ja! Wenn die Engelberger Kinder bekommen haben, dann haben sie den Abt gefragt, ob er nicht Götti des Erstgeborenen werden will. Zur Taufe gab es dann ein kleines Geschenk des Abtes, einen Leib Käse – und einen Geldbatzen. Für die Ärmeren, weniger Finanzstarken war das ein praktischer Zustupf. Aber zum heutigen Verständnis eines Patenamtes passt das nicht mehr. Bereits mein Vorgänger hat das abgeschafft und ich finde das gut so.
Vor Corona stand in manchen Pfarreien am Hohen Donnerstag die Kommunion unter beiderlei Gestalt im Fokus: also Brot und Wein für alle. Wie handhaben Sie das in Engelberg?
Meyer: Vor Corona haben wir das ein paar Mal angeboten, doch das war bei uns nie der grosse Renner. Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was wir uns als Theologen und Priester wünschen – und dem, was die Menschen wollen. Irgendwie hatten die Menschen in Engelberg nicht das Bedürfnis danach.
«Das massive Essen ist geblieben, nur das strenge Fasten ist lockerer geworden.»
Welche Tradition pflegen Sie sonst noch am Hohen Donnerstag?
Meyer: Am Hohen Donnerstag hat der Abt den Tischdienst. Es gibt ein sehr üppiges Mittagessen, weil am Karfreitag früher ja streng gefastet wurde. Es gibt zum Mittagessen Suppe, gebratenen Fisch, Kartoffeln, verlorene Eier mit warmen Zwetschgen und dann noch Aprikosen. Das ist ein uraltes Klostermenü, das sich bis heute gehalten hat. Das massive Essen ist geblieben, nur das strenge Fasten ist lockerer geworden (lacht).
* Abt Christian Meyer (55) steht dem Benediktinerkloster Engelberg vor.
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