Jakobspilger | © Walter Wilhelm
Schweiz
Jakobspilger | © Walter Wilhelm

«Viele pilgern über Santiago hinaus bis ans Meer»

Birsfelden BL, 19.5.17 (kath.ch) Den ganzen Schweizer Jakobsweg an einem Tag begehen – dieses Ziel hat sich der Dachverband Jakobsweg Schweiz gesetzt. Am Samstag pilgern 28 Gruppen je eine einzelne Etappe der Hauptroute. Projektleiter Walter Wilhelm* erklärt, weshalb der Pilgerboom auch nach Jahrzehnten nicht abbricht.

Sylvia Stam

«Wandern Sie noch oder pilgern Sie schon?», heisst es auf dem Flyer. Was ist der Unterschied zwischen pilgern und wandern?

Walter Wilhelm: Niemand fragt, warum jemand wandern geht. Pilger werden jedoch oft gefragt: Warum machst du das? Die Leute nehmen also an, es gebe noch eine Motivation, die über das Wandern, das Unterwegssein zu Fuss, hinausgeht.

Und welche Motivation ist das?

Wilhelm: Oft hat das mit der persönlichen Lebenssituation zu tun. Leute möchten zur Ruhe kommen oder auftanken. Dinge sollen sich setzen können, damit man wieder klarer sieht.

«Pilgern hat oft mit der persönlichen Lebenssituation zu tun.»

Das kann man aber auch beim Wandern erleben.

Wilhelm: Richtig. Darüber hinaus gehen Menschen in Übergangssituationen pilgern, etwa zwischen zwei Arbeitsstellen oder zu Beginn der Pensionierung, aber auch nach einer Scheidung oder nach dem Tod des Partners. Menschen machen sich auf den Weg, weil sie möchten, dass etwas in ihnen in Bewegung kommt, damit sie wieder anders weiterleben können.

Pilgern ist seit Jahrzenten «in». Wie erklären Sie sich diesen Boom?

Wilhelm: In unserer schnelllebigen Zeit spüren viele das Bedürfnis, zur Ruhe zu kommen und sich die Frage zu stellen: Was ist mit meinem Lebensentwurf? Wo geht der Weg an dieser Weichenstellung weiter?

«Menschen machen sich auf den Weg, damit etwas in ihnen in Bewegung kommt.»

Es gibt viele andere Pilgerziele: Rom, Assisi, Lourdes, Jerusalem. Warum boomt ausgerechnet Santiago?

Wilhelm: Das hat einerseits mit den Auszeichnungen des Europarats und der Unesco zu tun (siehe Kasten). Doch wer einmal in Santiago war, den lässt das Pilgervirus nicht mehr los. Viele gehen ein zweites Mal und stellen später fest, dass es noch andere Zielorte gibt.

Bietet der – kirchlich betrachtet – eher unbedeutende Apostel Jakobus Projektionsfläche für individuelle spirituelle Vorstellungen, jenseits kirchlicher Glaubensinhalte?

Wilhelm: Vielen Jakobspilgern ist es tatsächlich kein Anliegen, in Santiago bei Jakobus anzukommen. In unserer postmodernen, individualisierten Gesellschaft sind die Leute oft unterwegs mit dem Slogan «Der Weg ist das Ziel». Es kann sein, dass sie in Santiago mit dem spezifisch Katholischen etwas überfordert sind. Viele laufen weiter bis Finisterre. Dort kommt man ans Meer, nachdem man lange durch den Kontinent gelaufen war. Ein solcher Naturort ist wohl für viele zeitgemässer, um am Ziel anzukommen.

Dennoch sagen viele: Ich bin unterwegs, um mich selbst zu finden, und bin auf Gott gestossen. Ich würde das nicht geringschätzen!

Pilgern findet im Freien statt. Ist das nicht auch Ausdruck einer von kirchlichen Dogmen «befreiten», individuellen Spiritualität, die eben auch individuelle spirituelle Erfahrungen ermöglicht?

 Wilhelm: Auf jeden Fall! Man ist unter freiem Himmel, man erlebt Wind und Wetter, ist den Elementen ausgesetzt. Man erfährt im Unbehaustsein vielleicht tatsächlich etwas von dem, was «peregrinatio» ursprünglich bedeutet: «Auf dem fremden Acker unterwegs sein». Dieses Ungeschützt-Sein öffnet die Menschen im Hinblick auf die Frage: Worin gründet mein Vertrauen? Da setzt individuelle Spiritualität an.

«Das Ungeschützt-Sein öffnet die Menschen»

Wie christlich sind heutige Jakobspilger?

Wilhelm: Anders als bei einem schönen Alpenspaziergang begegne ich auf dem Jakobsweg dauernd Spuren christlicher Spiritualität. Man kommt an Kirchen und Klöstern vorbei, man läuft auf den Fussabdrücken von «Vorpilgern». Hier erlebe ich eine Offenheit seitens der Pilger: Die meisten gehen da und dort in eine Kirche und nehmen sich einen Moment der Ruhe. Das sind Signale, dass die Pilger auch diese Orte für ihre Auseinandersetzung brauchen. In vielen Kirchen gibt es zudem Pilgertische mit Anregungen, Gebeten oder der Möglichkeit, eine Kerze anzuzünden.

Sie wollen am 20. Mai Menschen zum Pilgern einladen. Braucht es das angesichts der ständig steigenden Pilgerzahlen?

Wilhelm: Wer pilgern gehen will, tut das auch ohne Pilgertag. Gleichzeitig ist es eine Möglichkeit, einen Tag unterwegs zu sein mit Impulsen zum Thema «Weg der Wandlung». Wenn man alleine unterwegs ist, muss man das selber gestalten.

«Auf dem Jakobsweg begegne ich dauernd Spuren christlicher Spiritualität.»

Sind das spirituelle Impulse?

Wilhelm: Sie basieren auf der christlichen Religion. Wir singen Lieder, man wird mit einem Pilgersegen auf den Weg geschickt, nach einem inhaltlichen Impuls läuft man eine Wegstrecke schweigend. Auch biblische Texte sind als Impuls möglich, aber nicht vorgegeben. Wir bieten den Leitern der Etappen ein Begleitheft mit Möglichkeiten zur Gestaltung an, die sie aber an ihren eigenen Wegabschnitt anpassen müssen.

Wie viele Pilger erwarten Sie?

Wilhelm: Die optimistischen Träume gehen von 500 Personen aus. Es sind gegen 50 Etappen, und zehn Personen sind eine optimale Gruppengrösse: Man kann mit allen einmal sprechen und dennoch auch für sich alleine unterwegs sein.

«Wir bieten den Leitern der Etappen ein Begleitheft mit Möglichkeiten zur Gestaltung an.»

Sind weitere solcher Pilgerwandertage geplant?

Wilhelm: Es ist kein wiederkehrender Anlass. Im Jahr 2010 gab es einen Sternmarsch nach Tafers. Das war kurz nach der Gründung des Dachverbands. Diesmal wollen wir die ganze Schweizer Strecke an einem Tag begehen.

Hinweis: Am 20. Mai organisiert der Dachverband Jakobsweg Schweiz erstmals einen Pilgerwandertag. An diesem Tag pilgern 28 Gruppen gleichzeitig je eine einzelne Etappe auf der Hauptroute von Bregenz nach Genf. Auf verschiedenen Zubringerwegen in der Schweiz werden weitere 18 Etappen begangen.

*Walter Wilhelm  ist Pfarrer der Evangelisch-Methodistischen Kirche in Birsfelden BL, Pilgerbegleiter und Präsident des Vereins Jakobsweg.ch. Er ist im Vorstand des Dachverbands Jakobsweg Schweiz und Projektleiter des Pilgerwandertags.

 

Jakobspilger | © Walter Wilhelm
Jakobspilger | © Walter Wilhelm
Pilgerpause | © Walter Wilhelm
Pilgerpause | © Walter Wilhelm
Jakobspilger | © Walter Wilhelm
Jakobspilger | © Walter Wilhelm

Jakobsweg

Der Jakobsweg ist ein europaweites Netz von Strassen und Wegen. Seit dem neunten Jahrhundert führt er Pilger zum angeblichen Grab des Apostels Jakobus ins spanische Santiago de Compostela. Motive zur mittelalterlichen Pilgerreise waren: ein Gelübde erfüllen oder von der Kirche die Vergebung von Sünden bestätigt erhalten. Nachdem Martin Luther das katholische Ablasswesen kritisiert hatte, flaute der Pilgerboom ab. Ab 1970 erlebte das Pilgern eine neue Renaissance. Seit 1990 steigt die Zahl der Jakobspilger rasant: Damals erhielten knapp 5000 Pilger in Santiago die Pilgerurkunde, 2016 waren es 278’000.

1987 hat der Europarat die Jakobswege Wege zur ersten Europäischen Kulturstrasse ernannt. Seit den Neunzigerjahren gehören der Hauptweg durch Spanien und die vier Hauptwege durch Frankreich zum Unesco-Weltkulturerbe. Durch die Schweiz ist vor allem die Route vom Bodensee zum Genfersee als historische Route verbürgt.

Symbol der Jakobspilger ist eine Muschel. Der Legende nach wurde ein Ritter durch den Beistand des Heiligen Jakobus vor dem Ertrinken gerettet. Als er wieder aus dem Wasser auftauchte, sollen Ross und Reiter voller Jakobsmuscheln gewesen sein. (kna/sys)

 

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