Veronika Hoffmann: «Glaube und Wissenschaft sind keine Gegensätze»
Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg (Schweiz) hat eine neue Dekanin. Die Dogmatik-Professorin Veronika Hoffmann übernimmt die Führungsposition in einer schwierigen Zeit. Mit Online-Angeboten, so erklärt sie im Gespräch, möchte sie das Theologiestudium attraktiver machen.
Stefan Betschon
Was kommt da auf Sie zu, welche Probleme werden Sie als Dekanin zuerst zu lösen haben, welche Entscheide stehen an?
Veronika Hoffmann*: Die Entscheidungsgewalt liegt beim Fakultätsrat. Ich erachte es als meine Hauptaufgabe, die Entscheidungsprozesse gut vorzubereiten und die Kommunikation zwischen allen Beteiligten voranzubringen. Wir haben zwei grosse Brocken vor uns. Das eine ist der Rückgang bei den Studierendenzahlen. Das Problem teilen wir mit anderen geisteswissenschaftlichen und theologischen Fakultäten. Das zweite sind die Finanzen. Das werden die beiden grossen Aufgaben sein, denke ich, in meinen drei Jahren als Dekanin.
Wie entwickeln sich Studierendenzahlen bei der Theologie in Freiburg?
Hoffmann: Anders als im deutschsprachigen Ausland waren die Verhältnisse bei uns lange stabil. Doch jüngst mussten auch wir einen Einbruch hinnehmen. Ein verändertes gesellschaftliches Umfeld sorgte dafür, dass das Interesse an der katholischen Theologie gesunken ist. Wir haben weniger Studierende und wir haben andere Studierende. Der Studienbeginn findet später im Leben statt, wir haben immer mehr Studierende, die bereits einen Beruf und vielleicht auch eine Familie haben. Einige wohnen weit weg von der Uni. Wir müssen deshalb unser Angebot verändern.
«Ab Herbst 2026 gibt es in Fribourg Theologie auch im Fernstudium.»
Wir haben vor, unsere Lehrveranstaltungen auch online anzubieten. Ab Herbstsemester 2026 kann man in Fribourg den Bachelor in Theologie auch online machen. Man kann, das ist uns wichtig, auch weiterhin ganz im Präsenzmodus studieren. Und man kann die beiden Modi kombinieren. Diese Veränderung ist ein grosser Schritt. Deswegen werden wir bereits im nächsten Semester anfangen, einige Kurse online zu stellen. Wir sind dabei, neue Studienprogramme zu entwickeln. Eine neue duale Ausbildung, den «Kirchlichen Studiengang Seelsorge», wird man bei uns ab 2026 absolvieren können.
In Luzern gibt es an der theologischen Fakultät die Möglichkeit des Fernstudiums schon lange. Orientieren Sie sich jetzt an Luzern?
Hoffmann: Ich glaube, dass es in der Schweiz Platz hat für ein zweites Online-Angebot. Ein Angebot, das etwas anders aussieht, das eben unsere Stärken ausspielt. Es geht weder darum, Luzern zu kopieren, noch geht es darum, Luzern das Wasser abzugraben.
Warum würde jemand heute Theologie studieren wollen?
Hoffmann: Es gibt gegenüber dem Theologiestudium viele Vorurteile. Es gibt immer noch Kollegen aus anderen Fächern, die meinen, wir schlagen im Unterricht die Bibel auf und zünden ein Kerzchen an. Und es gibt die anderen, die sagen: Kind, geh nicht Theologie studieren, sondern bleib katholisch. Es gibt Leute, die Angst haben, dass sie den Glauben verlieren, wenn sie Theologie studieren. Ich glaube, dass die beiden Pole – der Glaube und die kritische Auseinandersetzung mit Glaubensfragen – keine unvereinbaren Gegensätze sind. Man muss diese Spannung aushalten können. Die Dozierenden unserer Fakultät haben eine Überzeugung und sie leben diese Überzeugung und gleichzeitig betreiben sie ordentliche, methodisch saubere, reflektierte Wissenschaft. Das widerspricht sich nicht. Und dazu kommt dann noch Neugierde, die Offenheit, mit anderen Sichtweisen im Gespräch zu sein.
«Wissenschaft, Glaube und Offenheit gegenüber Andersdenkenden bilden einen Dreiklang.»
Ich bin mit Musik gross geworden, deshalb möchte ich hier einen Vergleich aus der Musik wählen. Ich höre hier einen Dreiklang: Streng wissenschaftliche Methodik und wissenschaftliche Reflexion zum einen, weiter eine eigene Überzeugung, zu der man steht, und schliesslich die Neugierde und die Offenheit gegenüber Andersdenkenden. Das ergibt für mich einen Dreiklang. Und jeder von uns in der Fakultät, jeder Lehrende und jeder Studierende, musiziert diesen Dreiklang unterschiedlich und setzt andere Akzente. Aber es ist schön, wenn diese verschiedenen Stimmen zusammenkommen. Das ist es, so glaube ich, was uns ausmacht, das ist es, was Studierende zu uns bringt, gerade auch aus dem nicht-katholischen Umfeld. Und da habe ich Hoffnung – nein: da bin ich überzeugt, dass auch das unser Online-Angebot attraktiv macht.
Sie haben gesellschaftliche Trends für die sinkenden Studierendenzahlen verantwortlich gemacht. Sehen Sie Möglichkeiten, als Dekanin auf die Öffentlichkeit einzuwirken? Werden Sie sich dem Dialog mit der Öffentlichkeit stellen?
Hoffmann: Gute Wissenschaft ist gute Wissenschaft. Man muss nicht bei jedem Aufsatz, den man schreibt, auch noch erklären, wie das pastoral anwendbar und gesellschaftlich verwertbar ist. Wir können keine schnelle Rendite versprechen, man muss langfristig denken. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass wir offensichtlich noch besser erklären müssen, was Theologie ist, was Theologie macht und wofür man sie braucht.
Warum braucht es Theologie?
Hoffmann: Es braucht Theologie aus mehreren Gründen. Zum einen braucht es sie, weil unsere Gesellschaft im Christentum verwurzelt ist. Und diese Wurzeln sollte man kennen. Und dann beschäftigt sich die Theologie mit den grossen Fragen: Woher wir kommen, wohin wir gehen, was der Sinn unseres Lebens ist, wofür wir da sind, wie eine gute Gesellschaft aussieht und so weiter. Die Theologie hält diese Fragen wach, sie hält auch die Antworten wach, die schon gegeben worden sind.
Wenn sich nun jemand entschieden hat, Theologie zu studieren, warum sollte er das in Freiburg i.Ü. machen und nicht zum Beispiel in München oder Erfurt oder Oberursel? Was macht Freiburg speziell?
Hoffmann: Was uns speziell macht, ist, denke ich, zum einen das Profil, das ich schon skizziert habe, also der Versuch, Glauben und Denken und Offenheit für die anderen zusammenzubringen. Was uns auch auszeichnet, ist natürlich die Zweisprachigkeit. Ich habe das jetzt bewusst nicht als erstes gesagt, weil es hier immer auch wieder ein Missverständnis gibt: Zweisprachigkeit heisst bei uns nicht, dass man beide Sprachen können muss. Sie können komplett auf Deutsch studieren, Sie können komplett auf Französisch studieren. Wenn sie aber beide Sprachen verstehen, können sie in andere Bereiche hineinschauen.
«Es gibt verschiedene theologische Kulturen.»
Die französischsprachige und die deutschsprachige Theologie benutzen nicht nur verschiedene Sprachen, sie sind auch verschiedene theologische Kulturen. Das ist sehr aufregend. Und selbst wenn man bei uns an der Fakultät nur in einer Sprache studiert, merkt man an dem Klima, dass wir sehr international ausgerichtet sind. Es gibt hier bei uns eine gewisse Offenheit und eine Weite.
Ist Ihnen das internationale Renommee wichtig? Möchten Sie international wahrgenommen werden?
Hoffmann: Ja, das internationale Renommee ist uns wichtig. Wir sind in der Schweiz und wollen für die Schweiz und für die Schweizer Kirche und die Schweizer kirchlichen Gemeinschaften da sein, aber wir suchen darüber hinaus einen weiteren Horizont. Diese Weite lässt einen erkennen, dass es mehr als nur eine Perspektive gibt, diese Erkenntnis halte ich für sehr wichtig.
Wie sehen Sie das Verhältnis von Theologie und Kirche?
Hoffmann: Unterschiedlich. Es haben mich aus der Pastoral auch schon Signale erreicht, die ich so verstehe, dass da Leute finden, sie bräuchten Theologie nicht. Da gibt es sicher Gesprächsbedarf. Zugleich gibt es aber auch sehr ermutigende Signale, was eine gute Zusammenarbeit angeht, beispielsweise die schon genannte Initiative des «Dualen Studiengangs Seelsorge».
«Die universitäre Theologie hat ein sehr starkes Bewusstsein ausgebildet, dass sie im Dienst der Kirchen steht.»
Was die Theologie betrifft, so habe ich den Eindruck, dass die universitäre Theologie ein sehr starkes Bewusstsein ausgebildet hat, dass sie im Dienst der Kirchen steht. Sie ist eine Wissenschaft, die mit den anderen Wissenschaften im Gespräch ist, aber sie hat auch den Auftrag, Personen auszubilden, die dann im kirchlichen Umfeld tätig sind. Also Sie merken, ich antworte mit einem einerseits-andererseits: Es gibt ein deutlicheres Bewusstsein dafür, dass wir zusammengehören und es gibt zugleich auch Stellen, wo es fremdelt. Und das ist schade. Und ja, es gibt natürlich tatsächlich Kirchenleute, denen eine Theologie, die nach Wissenschaftlichkeit strebt, verdächtig vorkommt. Da gibt es Gesprächsbedarf. Aber man sollte man sich schon finden können irgendwie.
Als Chefredaktor von kath.ch ist es mir ein Anliegen, Brücken zu bauen zwischen Theologie und Kirche, zwischen Theorie und Praxis.
Hoffmann: Das wäre wunderbar. Ich glaube, dass nur jene Menschen befürchten müssen, bei der Beschäftigung mit Theologie ihren Glauben zu verlieren, deren Glaube eng und ängstlich ist. Wenn jede Rückfrage sofort dazu führt, dass das Kartenhaus zusammenbricht, dann wird es tatsächlich schwierig. Es gab aber auch schon Theologieprofessoren, die es als ihre vordringliche Aufgabe betrachteten, den Studierenden den Kinderglauben kaputt zu schlagen. Ich glaube, dass kath.ch eine gute Plattform ist, um beiden Seiten eine Annäherung zu ermöglichen.
Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Arbeit? Was sind die Kriterien, auf die Sie sich in zwei, drei Jahren berufen können, um Ihre Arbeit zu beurteilen?
Hoffmann: Die Dekanin hat gut gearbeitet, wenn sie der Fakultät geholfen hat, gut zu arbeiten. Wenn wir ein Online-Studium auf die Beine gestellt haben, das qualitativ hochwertig ist, das gut genutzt wird und wenn wir alle trotz dieses Arbeitsaufwandes nicht im Burnout gelandet sind, dann haben wir gute Arbeit geleistet. Ein zweites Ziel muss sein, dass die Fakultät langfristig auf stabilen finanziellen Füssen steht.
«Wir werden auf private Gönnerinnen und Gönner angewiesen sein.»
Wir werden in Zukunft vermehrt auf private Gönnerinnen und Gönner angewiesen sein. Auch das ist ein grosses Projekt. Wenn diese beiden Dinge umgesetzt werden können, dann gehe ich sehr zufrieden nach dem Dekanat in mein Forschungssemester.
Sie werden vermutlich wegen Ihrer Arbeit als Dekanin die Forschung und die Lehre vernachlässigen müssen. Sehe ich das richtig?
Hoffmann: Ja, zuerst trifft es die Forschung. Auch bei der Lehre werde ich etwas zurückstecken müssen, aber das sollten die Studierenden nicht merken. Aber meine Forschungsprogramme für die nächsten drei Jahre habe ich tatsächlich sehr weit zurückgefahren.
Braucht die Dogmatik weitere Forschung? Wir haben ja die Bibel und wir haben den Denzinger, ein Buch, das lehramtliche Entscheidungen sammelt. Was wollen Sie denn da noch erfinden?
Hoffmann: Ich glaube nicht, dass man in der Dogmatik etwas vollkommen Neues erfinden kann oder erfinden muss. Wir haben die kirchlichen Vorgaben, wir haben die Geschichte, wir haben unglaublich viele gescheite Leute, die über die wesentlichen Grundfragen nachgedacht haben. Aber wir haben auch eine konkrete Situation, in die wir hineinsprechen, und das führt dazu, dass wir gewisse Dinge anders ausformulieren müssen als früher. Wenn man in der Dogmatik von Fortschritt sprechen will, dann wäre der Fortschritt das Neu-Sprechen und Neu-Verstehen in die jeweilige Zeit hinein. Dabei geht es nicht allein um eine sprachliche Neufassung. Es geht darum, in dem Glauben, der für uns alle unausschöpfbar ist, neue Facetten anzuleuchten, und so bei den Menschen von heute etwas zum Klingen zu bringen.
* Veronika Hoffmann ist eine römisch-katholische Theologin und Hochschullehrerin. Sie wurde 1974 in Darmstadt geboren und arbeitete nach dem Theologiestudium zunächst in der Pastoral. Ab 2013 war sie Professorin für Systematische Theologie an der Universität Siegen in Deutschland. Seit 2018 ist sie Professorin für Dogmatik an der Universität Freiburg (Schweiz). Ihre Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Frage nach Zweifel und Verunsicherung im Glauben, metaphorische Gottesrede und die theologische Auseinandersetzung mit religiöser Indifferenz.
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