Schweiz

«Verletzlichkeit ist keine Schande, sondern eine Chance»

Die Corona-Pandemie zeigt, wie verletzlich Gesellschaften und Systeme sind. Plötzlich ist alles anders. Zwei Theologen, zwei Deutungsversuche.

Ines Schaberger

In der gegenwärtigen Situation fragen sich manche: Was hat Gott mit der Corona-Pandemie zu tun?

Simon Peng-Keller, Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich

Simon Peng-Keller*: Gott führt sicher kein Leid des Menschen aktiv herbei. Ich finde die Vorstellung absurd, dass Gott so eine Pandemie dem Menschen auferlegt. Gerade durch seine Verletzlichkeit kann Gott wirksam sein und den Menschen in ihren Nöten und Krisen beistehen. Dass Christus durch sein Leiden die Welt verändert hat, ist der Angelpunkt der Christologie.

Barbara Hallensleben**: Die Frage «Warum?» führt in die Irre. Auch Jesus konnte sie für seinen Leidensweg nicht beantworten. Seine Antwort lautete: «Dein Wille geschehe.» Und Paulus entdeckt gerade in seiner Schwachheit das Einfallstor für die Gnade Gottes, wenn er sagt: «Deshalb bejahe ich meine Ohnmacht… Nöte… Ängste; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.» (2. Korintherbrief 12,10)

Dass wir unsere Verletzlichkeit annehmen müssen, klingt das nicht zynisch angesichts der vielen Toten, aber auch des politischen Versagens vielerorts?

Barbara Hallensleben

Hallensleben: Die politischen Begleitumstände der Pandemie machen mir am meisten Sorgen, darin folge ich den provozierenden Worten des Philosophen Giorgio Agamben. Die Menschheit ist immer in Versuchung, ihre Freiheit zu verkaufen an diejenigen, die Sicherheit versprechen und die deshalb gern die Angst schüren.

«Hier sollten Christen andere Zeichen setzen.»

Barbara Hallensleben

Die «soziale Distanzierung» zerstört fundamentale Werte des Menschseins. Letztlich steht ja nicht jedes einzigartige Individuum im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern das «Betriebskontinuitätsmanagement», wie es in der Universität Fribourg hiess: Der Betrieb soll weitergehen, die Opfer sind in erster Linie statistische Zahlen. Hier sollten Christen mit aller Entschiedenheit andere Zeichen setzen.

Peng-Keller: Das Leiden von Menschen kann man mit einer solchen Deutung nicht wegwischen oder erklärbar machen. Es bleibt schrecklich. Die Frage ist, in welchem Moment wir von einer Theologie der Vulnerabilität sprechen.

«Am Krankenbett sollte man nicht viel sprechen

Simon Peng-Keller

Meine Erfahrung als Seelsorger ist, dass man am Krankenbett nicht mehr viel sprechen sollte, sondern nachfragen, zuhören und wahrnehmen.

Das Gebet ist die beste Weise, in solchen Situationen etwas zur Sprache zu bringen. Die Pfingstsequenz finde ich deshalb so stark, weil sie die Wirklichkeit Gottes mit der Not des Menschen zusammenbringt.

Viele wollen so rasch wie möglich zurück zur Normalität. Ist das überhaupt möglich? Oder sollten wir uns die Erinnerung an die Verletzlichkeit behalten?

Peng-Keller: Es ist eine Illusion, zu glauben, dass wir in ein paar Wochen wieder zur Normalität zurückkehren, so berechtigt dieser Wunsch ist. Alles weist ja darauf hin, dass die Krise nicht in ein paar Wochen wieder vorbei sein wird – weder auf medizinischer, wirtschaftlicher noch auf psychischer Ebene.

«Was ist denn normal?»

Barbara Hallensleben

Hallensleben: Was ist denn normal? Die Welt ist angesichts der Pandemie katholisch geworden. Wir sind zu einer weltweiten, allumfassenden Aufmerksamkeit genötigt und reagieren mit Isolationismus. Aus dieser verhängnisvollen Dialektik sollten wir herausfinden.

Das geht nur, wenn wir – wie Paulus – unsere Schwachheit bejahen und sie in einer neuen Form der Solidarität leben. Der Preis der Freiheit ist die Übernahme von Verantwortung – statt die Opfer der Verletzlichkeit an andere zu delegieren.

* Simon Peng-Keller ist Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich und Seelsorger im Kompetenzzentrum Palliative Care des Universitätsspitals Zürich.

** Barbara Hallensleben ist Professorin für Dogmatik und Theologie der Ökumene in Freiburg.

Sonnenlicht durchbricht den Wald. | © Vera Rüttimann
30. April 2020 | 08:47
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Die Vulnerabilität (von lat. vulnus, Wunde) wurde in den letzten Jahren zu einem Schlüsselbegriff der Theologie. Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass sich Gott in Jesus von Geburt an bis zu seinem gewaltsamen Tod am Kreuz freiwillig der menschlichen Verwundbarkeit aussetzt.

Die Rede von einem «verletzlichen Gott» hat Konsequenzen für die Rede vom Menschen in seiner Endlichkeit und Sterblichkeit: «Wenn Gott verletzlich ist, ist die menschliche Verletzlichkeit keine Schande, sondern eine Chance», sagt Simon Peng-Keller im Gespräch mit kath.ch dazu. (ins)