Vera Rüttimann mit Hans Modrow
International

Vera Rüttimann berichtet über ihre Freundschaft zu Hans Modrow

Der DDR-Politiker Hans Modrow ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Er war Teil des SED-Regimes, wenngleich auch kein Hardliner. kath.ch-Mitarbeiterin Vera Rüttimann verband mit ihm eine 32-jährige Freundschaft: «Hans Modrow ist der ungewöhnlichste Mensch, den ich in meinem Leben bislang kennen lernen konnte.»

Vera Rüttimann 

«Breaking News» hiess es am Samstag um 10 Uhr. «Hans Modrow gestorben», poppte es auf dem Handy auf. Wenige Tage nach seinem 95. Geburtstag. Diese Nachricht traf mich tief. Ich wollte ihn eigentlich im neuen Jahr wiedersehen. Ich sah ihn gedanklich schon über die Karl-Marx-Allee in Berlin-Friedrichshain schlendern, mit seinem typisch wiegenden Gang. Auf dem Weg zum Café Sibylle, das er oft anpeilte und mit Leuten diskutierte.

Er joggte noch immer auf dem Laufband

Bis zu seinem Tod blieb Hans Modrow wach. Es sah nicht so aus, als würde dieser Mann genug haben von der Welt. Er stand noch immer jeden Tag um 8.30 Uhr auf. Er joggte noch immer auf dem Laufband. In seinem Arbeitszimmer seiner Wohnung in der Karl-Marx-Allee in Berlin-Friedrichshain lagen stets Stapel von Büchern und Zeitungen. Und lauter spannende Dinge. Neben den Klassikern des Marxismus-Leninismus sah ich einmal ein Fähnchen des 1. FC Union, den er als SED-Jugendfunktionär mitgegründet hatte.

Vera Rüttimann im Jahr 1990 mit DDR-Fahne an der Berliner Mauer
Vera Rüttimann im Jahr 1990 mit DDR-Fahne an der Berliner Mauer

Wir lernten uns im September 1990 bei einem Interview für eine Schweizer Zeitung kennen. Mich trieb die Neugier «zur anderen Seite», zum Osten, in die Noch-DDR. Zur «Rückseite des Mondes». So weit weg war das von meiner damaligen Welt.

Ein fast irreales «Alles ist möglich»

Die Stimmung in diesen Tagen war erfüllt von einem aus heutiger Sicht fast irrealen «Alles ist möglich». So lief ich zu Modrows Büro, das sich im «Grossen Haus» befand, dem früheren Sitz des Zentralkomitees der SED. Ich bat um ein Interview mit Hans Modrow. Und bekam es prompt. Ich war 21, besetzte im Prenzlauer Berg leerstehende Häuser. Und nun traf ich auf den ehemaligen DDR-Staatschef, der weiterhin an die SED-Ideologie glaubte. 

Mit Hans Modrow verstand ich mich auf Anhieb. Er hatte nichts Distanziertes an sich. Ich war überrascht von seiner unerwarteten Spontaneität und Herzlichkeit.

Geschichtsunterricht live 

Für eine Reportage durfte ich ihn dann sogar durch seinen Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern begleiten. Am 2. Dezember 1990 standen die ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen an. Auf einmal war ich mittendrin in einer historischen Transformation – auf Wahltour mit der SED-Nachfolgepartei PDS. Nur er, sein Fahrer und ich. Mehrere Tage im Zeitraum von drei Wochen. Wir erzählten uns aus unseren Leben. In diesen Tagen freundeten wir uns an. 

Wahlplakat von Hans Modrow in einer Berliner Plattenbau-Siedlung.
Wahlplakat von Hans Modrow in einer Berliner Plattenbau-Siedlung.

Ich brannte vor Neugier, rasch wurde mir seine Partei, die PDS, für eine gewisse Zeit eine Art Heimat – auch wenn sie damals noch umstrittener war als heute die Partei «Die Linke». Mein Interesse hing nicht nur mit Hans Modrow zusammen. Die Debatten an Parteitagen waren für mich Geschichtsstunden. Ich tauchte mit Anfang 20 in eine Geschichte ein, die ich als Schweizerin nicht kannte.

Prozess in Dresden

Modrow gab mir Bücher von DDR-Autoren wie Christa Wolf, Konrad Wolf und Erik Neutsch. Er erklärte mir, wofür welche Denkmäler standen und wer auf dem Sockel steht. Dazu folgten unzählige PDS-Veranstaltungen und Parteitage, wo wir uns sahen. Ich sog alles auf auf diesem neuen Planeten. Es war, als bekäme ich ein zweites Land geschenkt. 

Vera Rüttimann mit Hans Modrow.
Vera Rüttimann mit Hans Modrow.

1993 wurde Modrow in Dresden angeklagt und rechtskräftig zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Unter anderem wegen Wahlfälschung. Viele Wochen sass ich als Prozessbeobachterin für ein Buch im Dresdner Landgericht. Hörte zu, notierte viel und versuchte, zu verstehen. 

Persona non grata

Plötzlich war Hans Modrow eine Unperson. Ich versuchte diesen Hass zu verstehen. Tauchte tief, sehr tief, in die deutsch-deutsche Geschichte ein. Während des Prozesses in Dresden begann für mich die eigene, persönliche Aufarbeitung von Modrows Vergangenheit.

Prozess gegen Hans Modrow in Dresden.
Prozess gegen Hans Modrow in Dresden.

Warum verteidigst du den Bau der Berliner Mauer? Warum wurden so viele Stasi-Akten zerschreddert? Und: Wie hast du dich zum Einmarsch russischer Panzer in Prag 1968 verhalten? Nach dem «Wahlfälscher»-Prozess veränderte sich Modrow. Er machte ihn verschlossener und härter. 

Er läutete die Kirchenglocken

Ich hätte noch viele Fragen an ihn gehabt. Auch, was eine weniger bekannte Seite betrifft. 2014 kam es zu einem speziellen Treffen. Wir trafen uns vor dem Eingang der Zionskirche in Berlin-Mitte. Jener Kirche, wo ich gerade eine Fotoausstellung am Laufen hatte. Wir standen vor einem Bild, das den entkernten Palast der Republik zeigte, der wie ein Techno-Schuppen innen rot ausgeleuchtet war. «Sieh mal», sagte ich zu ihm, «dein altes Parlament». Er sah es still an. 

Gregor Gysi (links) und Hans Modrow
Gregor Gysi (links) und Hans Modrow

Einige Kirchgänger sahen uns und fragten mit halb verärgertem Unterton: «Was macht der denn hier?» Andere waren erfreut. Das erstaunt nicht: Modrow, der Atheist, hatte einen Zugang zur Kirche. Er wuchs in einer kinderreichen Familie in einem Schloss auf, wurde sogar getauft. Als Jugendlicher, sagte er mir mal, habe er die Kirchenglocke in seiner Dorfkirche geläutet und beim Gottesdienst Orgel-Blasebalg getreten. Erst die Antifaschule in sowjetischer Kriegsgefangenschaft habe ihn auf eine «andere Schiene» gebracht, als er dort erstmals von Karl Marx hörte. 

Querelen mit der «Linken»

In den letzten Monaten wurde es ruhig um Hans Modrow. Die Beine mochten ihn nicht mehr so weit tragen. Und die Querelen mit seiner Partei «Die Linke», das wusste ich, setzten ihm seelisch zu.  

Hans Modrow
Hans Modrow

Hans Modrow hat mein Leben auf vielfache Weise stark geprägt. Meinen Horizont gesprengt. Nach der Begegnung mit ihm auf der PDS-Wahl-Tour im November 1990 gab es ein Vorher und ein Danach. Ich habe durch ihn (und andere) eine deutsche Geschichte. Mit einer starken Ost-Streifung. Eine richtig greifbare. Dresden und Berlin sind mir genauso nahe wie Bern.

Danke, Hans Modrow!

Ich weiss um die vielen Schattenseiten seines Lebens. Trotzdem: Hans Modrow ist der ungewöhnlichste Mensch, den ich in meinem Leben bislang kennen lernen konnte.

Hans Modrow: Ein deutsches Leben

Der langjährige SED-Funktionär und spätere PDS- und Linke-Politiker Hans Modrow galt als überzeugter Sozialist, der sich zu DDR-Zeiten ein kleines Stück kritische Distanz zur allmächtigen SED bewahrt hatte. In den 1970er-Jahren wurde Modrow deshalb aus der Machtzentrale Berlin weg als 1. Bezirkssekretär in die Provinz nach Dresden geschickt. Nach dem Fall der Mauer qualifizierte ihn das für Führungsaufgaben in der sich erneuernden SED. Nur vier Tage danach wurde Modrow am 13. November 1989 zum Vorsitzenden des Ministerrates der DDR als Nachfolger von Willi Stoph gewählt – für rund 150 Tage.

Hans Modrow
Hans Modrow

In seiner fünfmonatigen Amtszeit versuchte Modrow mit seinem Drei-Stufen-Plan noch, ein Stück DDR zu retten. Als Preis für die deutsche Einheit forderte er eine militärische Neutralität des neuen Staates. Im März 1990 gründete seine Regierung die Treuhandanstalt, die den Übergang von der Plan- in die Marktwirtschaft organisieren sollte. Mit dem sogenannten Modrow-Gesetz ermöglichte der DDR-Ministerpräsident zahlreichen Haus- und Hof-Besitzern, die Grundstücke, auf denen ihre Häuser standen und die oft nach dem Krieg enteignet worden waren, sehr preiswert zu kaufen.

Gregor Gysi (links) und Hans Modrow
Gregor Gysi (links) und Hans Modrow

«Der gesamte friedliche Verlauf der Herstellung der Deutschen Einheit war gerade ein besonderes Verdienst von ihm. Das wird sein politisches Vermächtnis bleiben», schrieben Bartsch und Gysi in ihrem Nachruf. «Massgeblich prägte er auch die Geschichte unserer Partei», ergänzten Wissler und Schirdewan. «Internationale Solidarität und der Einsatz für Frieden leiteten ihn.»

Thüringens frühere Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) würdigte den Verstorbenen kritisch: «Als es darauf ankam, den friedlichen Übergang von der DDR-Diktatur in ein freies Land abzusichern, übernahm er diese Aufgabe. Das ist sein bleibendes politisches Verdienst», schrieb sie in einem Gastbeitrag für die «Bild am Sonntag». Er habe aber auch dafür gesorgt, «dass die alten SED-Kader ihre Schäfchen ins Trockene brachten».

Hans Modrow
Hans Modrow

Nach der Wiedervereinigung sass Modrow von 1990 bis 1994 für die PDS im Bundestag und von 1999 bis 2004 im Europaparlament. Den neuen Staat sah der Sozialist kritisch. Zu schnell sei die deutsche Einheit vollzogen worden, zu bedingungslos sei die DDR untergegangen, und zu einseitig sei sie als «Unrechtsstaat» verdammt worden, rügte Modrow in vielen Interviews. Als Mann der alten Garde trauerte er den einstigen kommunistischen Idealen der DDR hinterher. Bis ins hohe Alter beriet er die Linke als Vorsitzender deren Ältestenrats. (sda)


Vera Rüttimann mit Hans Modrow | © zVg
15. Februar 2023 | 07:53
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