Vatikan: Neue Ermittlungen nach Missbrauchsvorwurf

Rom, 19.11.17 (kath.ch) Nach Medienberichten über sexuellen Missbrauch im vatikanischen «Preseminario San Pio X» hat der Vatikan Ermittlungen aufgenommen. Hintergrund sind Vorwürfe, die der Autor Gianluigi Nuzzi in einem Enthüllungsbuch publik gemacht hatte.

«Unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse, die sich jüngst ergaben, ist eine neue Untersuchung im Gang, um völliges Licht in die tatsächlich vorgefallenen Ereignisse zu bringen», heisst es in einer am Samstag veröffentlichten Mitteilung des vatikanischen Presseamtes. Zuvor hatten bereits italienische Medien berichtet, der Vatikan habe Ermittlungen aufgenommen und diese bestätigten die Verdachtsfälle.

Bischof von Como mahnt zu Ehrlichkeit

Der Bischof von Como, Oscar Cantoni, hat in der Sache zu Ehrlichkeit gemahnt. Es gehe darum, «die Realität zu sehen, ohne auf den aussichtslosen Versuch, irgendetwas verheimlichen zu wollen, zurückzugreifen», schrieb er am Wochenende in einem Brief an seine Diözese. Aus dem Schreiben zitierte die italienische Tageszeitung «Avvenire» am Sonntag. Cantonis norditalienisches Bistum ist für die Ausbilder des Seminars verantwortlich. Der Bischof mahnte zugleich, keine Gefühle von Verdacht zu nähren, solange «die sichere Wahrheit» nicht herausgefunden worden sei.

Der italienische Autor Gianluigi Nuzzi hatte in einem neuen «Enthüllungsbuch» Berichte über mutmasslichen Missbrauch Minderjähriger im Vatikan öffentlich gemacht. Der italienische Sender «Italia 1» griff diese Vorwürfe vergangenes Wochenende in der Sendung «Le Iene» (»Die Hyänen») auf.

Vorwürfe bekannt

In dem TV-Beitrag sagte ein ehemaliger Ministrant, sein Zimmernachbar im vatikanischen «Preseminario San Pio X» sei vor seinen Augen mehrfach von einem Seminaristen sexuell missbraucht worden. Die Ereignisse sollen sich vor etwa zehn Jahren zugetragen haben, er habe diese später beim geistlichen Leiter angezeigt und sei daraufhin der Bildungseinrichtung für angehende Seminaristen verwiesen worden. Der mutmassliche Täter sei 2017 zum Priester geweiht worden, obwohl die Vorwürfe gegen ihn bekannt gewesen seien.

Dazu heisst es in der Vatikanmitteilung, im Jahr 2013 seien nach dem Eingang anonymer wie nicht anonymer Hinweise mehrfach Untersuchungen zu dem Fall aufgenommen worden, sowohl durch die Leitung des Seminars, als auch durch den Bischof von Como.

«Keine entsprechenden Bestätigungen»

Zum Zeitpunkt der damaligen Untersuchungen seien keine «entsprechenden Bestätigungen» gefunden worden. Die angezeigten Taten hätten sich auf vergangene Jahre bezogen und Schüler betroffen, von denen einige zum Zeitpunkt der damaligen Untersuchungen nicht mehr am Institut waren. verantwortlich.

In seinem «Enthüllungsbuch» mit dem Titel «Peccato originale» (dt. Sündenfall) zitiert Nuzzi unter anderem aus Briefen des Zeugen Kamil Tadeusz Jarzembowski an kirchliche Verantwortungsträger, in denen dieser über die Vorwürfe berichtet, sowie aus einigen Antwortschreiben.

Schüler als Messdiener im Petersdom

Das «Preseminario San Pio X» ist ein 1956 gegründetes Konvikt mit Sitz im Vatikan, unweit des Vatikangästehauses Santa Marta. Es nimmt Mittelschüler auf, die am Beruf des Priesters interessiert sind. Laut eigenen Angaben wurden mehr als 80 Besucher der Einrichtung später Priester oder Ordensleute. Eine Besonderheit ist, dass die Schüler als Messdiener im Petersdom eingesetzt werden. (cic)


Vatikan zu Missbrauchsvorwurf: Kein Opfer oder Zeuge traf Papst

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