Urs Winter-Pfändler hat das Vertrauen in die Kirche untersucht.
Schweiz

Urs Winter: «Wir gehen davon aus, dass die Austrittszahlen weiter steigen»

Wie gross ist das Vertrauen in die katholische Kirche? Diese Frage hat sich das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut in St. Gallen gestellt – angesichts der erschütternden Erkenntnisse der Pilotstudie zum Missbrauch. Es sinke, entnimmt er Umfrage-Daten und Kirchenaustrittszahlen. Und plädiert auf aktive Gegensteuer.

Regula Pfeifer

«Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind für die Kirche von enorm wichtiger Bedeutung», schreibt der wissenschaftliche Projektleiter des SPI, Urs Winter-Pfändler. Und diese seien in den letzten Wochen arg auf die Probe gestellt worden. Er hat dazu eine Studie publiziert.

Erschütterung durch Missbrauchsstudie

Die Pilotstudie zur Geschichte des Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche der Schweiz habe Erschütterndes zutage gebracht, sagt Winter-Pfändler. Die Übergriffe selbst, aber auch die systematische Vertuschung und der Schutz der Täter anstatt der Opfer – das seien Tatsachen, welche an der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche zehrten und das Vertrauen schmälerten. Dieser Effekt zeige sich erst teilweise in den Austrittzahlen 2022 – und erst im nächsten Jahr werde das wahrscheinlich weiter sichtbar werden.

«Wir gehen davon aus, dass die Austrittszahlen 2023 weiter ansteigen», prognostiziert Urs Winter-Pfändler. Das liest er aus den verschiedenen lokalen und regionalen Medienberichten, die in den vergangenen Monaten bei punktuell angefragten Kirchgemeinden ein Vielfaches an Austritten im September ausmachten, im Vergleich mit dem September des Vorjahres. Ausserdem habe es auch in Deutschland nach den Publikationen von Missbrauchsstudien deutlich mehr Kirchenaustritte gegeben.

Vertrauen in die gesellschaftlichen Player - gemäss einer Fors-Studie: Die Kirche fällt ab.
Vertrauen in die gesellschaftlichen Player - gemäss einer Fors-Studie: Die Kirche fällt ab.

Entwicklung über die letzten 20 Jahre

Die Vertrauensproblematik ist für die Kirche nichts Neues. Das zeigt Urs Winter-Pfändler in seiner neuen Publikation auf. Er hat Grafiken erstellt, in denen das Vertrauen der Bevölkerung in wichtige gesellschaftliche Instanzen aufgezeigt wird. Die Daten beruhen auf Umfragen von Fors, dem Schweizer Kompetenzzentrum für Sozialwissenschaften.

Bei den Umfragen wurden das Bildungssystem, die Gerichte, das Parlament, das Rechtssystem, Handel und Industrie sowie auch die Kirchen und religiösen Gemeinschaften erfragt. Der Theologe und Psychologe Urs Winter-Pfändler schlüsselte diese Daten auf, und zwar nach den römisch-katholischen und evangelisch-reformierten Kirchenmitgliedern sowie der Gruppe der Konfessionslosen.

Bildung und Recht geniessen wachsendes Vertrauen

Dabei stellte er fest, dass in den letzten zwanzig Jahren besonders die Schulen und das Bildungssystem sowie die Gerichte und das Rechtssystem von einem wachsenden Vertrauen durch alle drei Gruppierungen profitierten.

«Die Kirchen dagegen haben in dieser Zeit eher Vertrauen verloren, insbesondere in den Augen der Konfessionslosen», schreibt der SPI-Projektleiter. Bei dieser gesellschaftlichen Gruppe sackte der Vertrauensbonus vom bereits auffallend geringen Niveau von 2,3 im Jahr 1998 auf 1,8 im Jahr 2018 ab.

«Die Kirche ist das Schlusslicht in Sachen Vertrauen bei allen gesellschaftlichen Akteuren.»

Urs Winter-Pfändler

Von 2018 stammen die neusten Daten, welche Winter-Pfändler für die aktuelle Studie verwendete. Für jenes Jahr errichtete er eine separate Vertrauens-Grafik. Dabei zeigte sich: «Die Kirche ist das Schlusslicht in Sachen Vertrauen bei allen gesellschaftlichen Akteuren.»

Der Vertrauensvergleich im Jahr 2018
Der Vertrauensvergleich im Jahr 2018

Dieses Resultat zeige sich auch bei anderen Umfragen, bestärkt der Wissenschaftler. Etwa beim sogenannten Sorgenbarometer, welche das Institut GfS Bern gemeinsam mit der Credit Suisse herausgaben, sei «die Kirche betreffend Vertrauen in den letzten Jahren immer mehr abgefallen». Auch da hätte sie sich in den vergangenen Jahren am hinteren Ende der Liste der gesellschaftlichen Akteure befunden.

Vom Vertrauensverlust zum Kirchenaustritt

«Vertrauensverlust geht mit persönlicher Distanzierung einher, und die Austrittsneigung steigt langsam an», heisst es weiter. So wurde in einer Fors-Umfrage im Jahr 2018 gefragt, ob die Teilnehmenden bereits einmal daran gedacht hätten, aus der Kirche auszutreten. Dies war bei rund einem Drittel tatsächlich der Fall. Doch es bleibt nicht nur beim Gedanken an einen Kirchenaustritt, es kommt auch zu Austritten.

Austritt aus der Kirche
Austritt aus der Kirche

So traten laut der SPI-Studie im Jahr 2022 34’561 Personen aus der katholischen Kirche der Schweiz aus, fast gleich viel wie im Jahr zuvor. Die Austrittsrate lag schweizweit auf durchschnittlich 1,3 Prozent. Ende 2022 zählte die katholische Kirche noch 2,89 Millionen Mitglieder.

Sinn wird erwartet

«Vertrauen ist ein Schlüsselelement einer Organisation oder Institution», betont Winter-Pfändler. Das gelte insbesondere für kirchliche und Nonprofit-Organisationen, welche die Menschen mit Zeit (Freiwilligenengagement) und Geld (Kollekten, Kirchensteuern) unterstützten. Und von denen sie einen Einsatz in ihrem Sinn erwarteten. Der Wissenschaftler findet, die Kirche sollte sich aktuell sehr um vertrauensbildende Massnahmen bemühen.

Da könne aber eine Image-Kampagne allein nicht helfen. Vielmehr müsse die Vertrauensbildung in kleinen Schritten geschehen. Es gehe darum, Fehler einzugestehen und sich ehrlich zu bemühen, diese zu beheben. Und die Kirchenvertretenden müssten von der Spitze bis zur Basis als «authentisch, zugewandt, empathisch, solidarisch und spirituell glaubwürdig» erlebt werden.

Die Wichtigkeit der Kirche: Der Einsatz für sozial Benachteiligte ist unbestritten.
Die Wichtigkeit der Kirche: Der Einsatz für sozial Benachteiligte ist unbestritten.

Diakonie als Hoffnungsschimmer

Ein Hoffnungsschimmer macht der Forscher dennoch aus. Der diakonische Bereich der Kirche geniesst weiterhin einen Vertrauensvorschuss. Urs Winter-Pfändler sagt es so: «Sogar die Konfessionslosen, also die aus der Kirche Ausgetretenen, finden: ‹Für mich spielt Religion keine Rolle und für die Gesellschaft ist sie auch nicht wichtig. Aber für die sozial Schwachen und Bedrängten ist die Kirche gut.›» Fazit des Wissenschaftlers: «Da gibt es noch Vertrauen in die gute Arbeit der Kirche. Dem gilt es Sorge zu tragen.»


Urs Winter-Pfändler hat das Vertrauen in die Kirche untersucht. | © zVg
29. Oktober 2023 | 10:40
Lesezeit : ca. 3  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!