Unterwegs mit Jürg F. Wyrsch in der Sakrallandschaft Ausserschwyz
Im Jahr 611 verjagten die Tuggener den irischen Mönch Columban, der ihnen das Christentum bringen wollte. Heute finden sich rund um Tuggen im Kanton Schwyz geschichtsträchtige Kirchen und Kapellen.
Vera Rüttimann
Von seinem Arbeitszimmer im Wohnhaus am Quellenweg 10 in Tuggen sieht Jürg F. Wyrsch durch ein grosses Fenster auf das Glarnerland mit mächtigen Bergen wie den Mürtschenstock. Auf seinem Arbeitstisch türmen sich Papierberge.
Der gebürtige Küssnachter aus dem Kanton Schwyz kennt Tuggen wie nur wenige. 1979 kam er nach Tuggen, um eine Hausarztpraxis zu eröffnen. Bei seinen Hausbesuchen lernte er Land und Leute kennen. Dreissig Jahre bekleidete der hochgewachsene Mann diverse öffentliche Ämter in Tuggen. So war er etwa Schulpräsident und Gemeindepräsident. Im Verein Marchring, der kulturhistorischen Gesellschaft mit eigenem Museum, war er ebenfalls aktiv.
Pfarrei Tuggen mit bewegter Geschichte
Jürg F. Wyrsch hat auch zwölf Jahre als Kirchenratspräsident der römisch-katholischen Kirchgemeinde Tuggen gewirkt. Er ist buchstäblich der Chronist dieser Pfarrei. In den Händen hält er sein Buch «Kirchen, Ketzer, Kleriker. Von der Grosspfarrei zur Pfarrei Tuggen».
Wir machen uns auf den Weg und besuchen eine Handvoll Kirchen und Kapellen in und um Tuggen. Die erste Station ist die römisch-katholische Kirche St. Erhard und Viktor. Wir treten ein und sehen ein vierjochiges Kirchenschiff. Der Blick schweift zur Decke, dort sehen wir Darstellungen von Verkündigung, Mariä Heimsuchung und Christi Geburt. Der pensionierte Arzt verfügt über ein immenses Fachwissen, seine Erklärungen sprudeln nur so aus ihm heraus.
«Tuggen ist die älteste Pfarrei mit der ältesten Kirche im Kanton Schwyz», sagt der 76-Jährige. Im Jahr 591 brach der irische Mönch Columban mit seinen Geführten nach Europa auf, um das Christentum zu verbreiten. So kam er 611 auch nach Tuggen. Die Tuggener jedoch wollten von seinen Bekehrungen nichts wissen. Sie jagten ihn fort. Die Mönche zogen weiter über den Rickenpass.
Missionierung missglückt
Rund zwanzig Jahre nach der missglückten Missionierung durch die irischen Mönche bauten die Tuggener dennoch ihre erste Kirche. Sie wurde auf dem Felssporn über dem Tuggenersee errichtet. Um die Jahre 842/843 unterstand das Gebiet um die Pfarrei dem Kloster Pfäfers. 1652 konnten sich die Tuggener vom übermächtigen Kloster loskaufen.
Während der Reformation um 1530 predigte in Tuggen der Reformator Jakob Kaiser. Er endete nach kurzem Prozess in Schwyz auf dem Scheiterhaufen. «Das ist einer der Gründe, der zum Ausbruch des Ersten Kappeler Krieges führte», sagt Jürg F. Wyrsch.
Beim Umbau der Kirche in Tuggen in den Jahren 1958/1959 sei es zu einer grossen Entdeckung gekommen: «Bei archäologischen Grabungen wurde festgestellt, dass es bereits drei Vorgängerbauten gab.» Auf die erste Kirche sei um 1116 eine romanische gefolgt, um 1345 eine gotische und 1733 die heutige barocke Kirche.
Das Wunder des Linthbord-Anneli
Die erste Kapelle, die Jürg F. Wyrsch in seinem Auto ansteuert, ist ein Schmuckstück. Heilige Dreifaltigkeit Linthbord heisst sie. «Diese Kapelle ist ein Kraftort», sagt der Tuggner. Er schwärmt von den schönen Abendstimmungen, die er hier schon erlebt hat. Viele Brautpaare lassen sich hier trauen. Aber nicht nur wegen ihrer äusseren Reize ist diese Kapelle ein Anziehungspunkt, sondern auch wegen eines Wunders, das sich in der Nähe ereignet hat.
Acht Wandgemälde erzählen die Geschichte des Linthbord-Anneli. Die junge Frau habe zwei gelähmte Beine gehabt. Auf den Knien habe sie sich von Uznach auf nach Einsiedeln gemacht, um dort die Muttergottes um Beistand zu bitten. In der Nähe der heutigen Linthbord-Kapelle soll sie am 10. April 1580 von Jesus geheilt worden sein. «Noch heute pilgern Leute mit Beinleiden hierher», sagt Jürg F. Wyrsch und weisst auf eine kleine schwarze Madonna hin, die sich im Chor befindet.
Volksfrömmigkeit
Unweit der Linthbord-Kapelle ist ein Kreuzweg zu sehen. Vierzehn Stationen sind es, die entlang des Buechbergs zu bestaunen sind. «Sie sind ein Zeichen der tiefen Volksfrömmigkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts», sagt der March-Kenner. Die Bildstöcke, in denen reliefartige Darstellungen von Bibel-Szenen zu sehen sind, wurden aufwändig restauriert.
Der erste Bildstock steht bei der Unterführung unter der Autobahn. Die 14. Station befindet sich bei der Linthbordkapelle. Der rund 600 Meter lange Weg ist Teil des Jakobswegs von Schmerikon nach Tuggen.
Muggen in Tuggen
Wer dem Kreuzweg entlang geht, hat vor sich einen prächtigen Blick auf das Naturschutzgebiet der Linthebene Noch heute ist zu erahnen, wie sich hier einst der Linthgletscher hindurchwälzte. Hinterlassenschaften der späteren Sumpflandschaft sind unter anderem die typischen Senken im Gras. Der Ausspruch «Tuggen und Muggen», so Jürg F. Wyrsch, sei hier ein bekanntes Bonmot. Noch im 18. Jahrhundert grassierte in der Linthebene die Malaria, die von den «Muggen» – den Mücken übertragen wurde. «Man musste hier viele Pumpstationen und Röhren einbauen, um die Sümpfe trockenzulegen», erklärt Jürg F. Wyrsch.
Als nächstes fahren wir zum Schloss Grynau. Das dortige Restaurant wird heute von Freizeitsportlern rege besucht. Das geschichtsträchtige Gebäude steht an der Linth und war einst Zollstätte, Brückenkopf, Herrschaftssitz und Kriegsschauplatz.
Im Kellergeschoss des 1650 errichteten Gebäudes befindet sich die Kapelle Vierzehn Nothelfer. «In diese Kapelle kommen Menschen, die Stille suchen», sagt Jürg F. Wyrsch. Zu bestaunen gibt es hier ein eindrückliches Wandbild, das die Krönung von Maria darstellt.
Beim Verlassen der Kapelle fällt der Blick auf den alten Befestigungsturm aus dem Jahr 1250. «Für die Schifffahrt war er wichtig, er diente der Sicherung des Übergangs über den Fluss Linth zwischen ihren Gebieten um Uznach und in der March», sagt Jürg F. Wyrsch.
Loreto-Kapelle der Bauern und Pilger
Zu Tuggen gehört auch die Loretto-Kapelle Chromen. Sie liegt in der Nähe der Autobahn, an der Grenze zu Wangen und Schübelbach. Unweit von der Kapelle liegt auch der Hof des ehemaligen Bauherrn, Landammann Johann Krieg, der die Kapelle 1693 errichten liess.
Die kleine Kapelle werde oft von Bauern aufgesucht, sagt Jürg F. Wyrsch. Oder von Pilgern auf dem Jakobsweg. Wer das kleine, rechteckige Gebäude mit der Pyramidenspitze betritt, ist vorerst irritiert. Anstelle eines Chores verfügt die Kapelle über ein sogenanntes Verkündigungsfenster. Das Fenster solle an das Haus in Bethlehem erinnern, durch welches der Engel Maria die Schwangerschaft mit Jesus verkündete, sagt Jürg F. Wyrsch. «Mystisch anmutend fällt das Licht hier manchmal durch das schmale Fenster.»
Eine Barockgitterschranke trennt die Sakristei vom Altarraum ab. In der Kapelle befinden sich Wandmalereien, die 1986 freigelegt wurden. So sieht man in der Südwand den heiligen Georg zu Pferd und an der Westwand eine Madonna und ein Giotto Kreuz. «Immer im März findet hier das Chromen-Fest mit einem Feldgottesdienst statt», sagt Jürg F. Wyrsch beim Verlassen der Kapelle.
Unsere Kapellen-Tour endet hier. Obwohl die Tuggener die irischen Mönche vorerst vertrieben haben, konnte sich das Christentum auch in der March ausbreiten und eine reiche Sakrallandschaft ist entstanden. «Viele Kirchen, Kapellen und Wegkreuze warten hier auf ihre Wieder-Entdeckung», sagt Jürg F. Wyrsch.
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