Susan von Sury im Kantonsratssaal Solothurn
Porträt

Trotz väterlichem Verbot: Susan von Sury politisiert – nicht in Indien, in Solothurn

Susan von Sury (59) hat in Indien politisiert und den Sohn einer Solothurner Politikerdynastie geheiratet. Nun engagiert sie sich in Solothurn als CVP-Kantonsrätin und in der Kirchenpolitik. Weihnachten in der Schweiz findet sie zu kommerzialisiert.

Regula Pfeifer

Solothurn ist quasi ihr Dorf. Susan von Sury-Thomas geht durch die Gassen, grüsst hier und dort, bleibt kurz stehen für einen Schwatz. Mit allen ist sie per Du, so scheint es. Auch mit der eleganten älteren Dame, die vorbeigeht – und mit dem Barkeeper, von dem sie wissen will, wie das Geschäft läuft.

Susan ist hier zuhause, ganz offensichtlich. Sie sprüht vor Energie und Lebensfreude. Dabei ist sie nicht in dieser schweizerischen Kleinstadt aufgewachsen, sondern in Indien, genauer im Süden, in der Provinz Kerala. Susan von Sury spricht in einem besonderen Mix aus Hochdeutsch und Solothurner Dialekt. Es überrascht, wenn sie mitten im Satz plötzlich «Meitschi» sagt.

Susan von Sury vor dem Regierungsgebäude des Kantons Solothurn
Susan von Sury vor dem Regierungsgebäude des Kantons Solothurn

Die CVP-Politikerin

Susan von Sury lebt in Feldbrunnen-St. Niklaus bei Solothurn. Ihr Mann, Felix von Sury, entstammt einer alteingesessenen Solothurner CVP-Politikerfamilie. In diese Fussstapfen ist nicht er selbst, sondern seine indischstämmige Frau getreten. Susan von Sury politisiert hier im Kantonsrat und im Gemeinderat ihres Dorfes. Und sie ist im Synodalrat aktiv, der Exekutive der Solothurner Kantonalkirche.

Als Studentin in der Kongresspartei aktiv

Das tut sie nicht, um die Tradition der von Surys zu bewahren. Susan von Sury hat selbst politische Wurzeln. Die Familie mütterlicherseits war und ist in der Kongresspartei des südindischen Bundesstaates aktiv – der Partei Nehrus und Gandhis. Eine Partei, die eine ähnliche Linie fährt wie die CVP, wie Susan von Sury erklärt. Sie sitzt im Kantonsratssaal, den sie extra für das Gespräch reserviert hat.

Susan von Sury führt die politische Tradition der von Surys weiter – links Urs Suri, Schultheiss von Solothurn 1701-1707
Susan von Sury führt die politische Tradition der von Surys weiter – links Urs Suri, Schultheiss von Solothurn 1701-1707

Die Solothurner Politikerin war bereits als Studentin politisch aktiv. Sehr zum Unwillen ihres Vaters. «Indische Eltern wollen nicht, dass ihre Töchter Politik machen. Sie befürchten, sie würden dann keinen Mann zum Heiraten finden.»

Ohne Schmiergeld – keine Ärztin

Susan von Sury tat es doch. Ihr Vater reagierte mit Hausverbot. Allerdings wohnte die junge Frau da schon nicht mehr zuhause. Denn sie studierte an Universitäten, die weitab von ihrem familiären Landwirtschaftsbetrieb lagen. Biologie mit Spezialisierung auf Botanik war es. Ihr Berufswunsch wäre Ärztin gewesen. Trotz bestandener Aufnahmeprüfung wurde sie nicht zum Studium zugelassen. Es hätte Schmiergeld gebraucht. «Das wollte mein Vater nicht», sagt Susan von Sury.

Als Botanikerin konnte sie anschliessend nicht arbeiten. «Es hat in Indien zu viele Menschen und zu wenig Jobs», so Susan von Sury. Dafür stieg sie bei einem Reisebüro ein. Dieses war spezialisiert auf Angebote für Ausländer – unter ihnen der Schweizer Entwicklungsexperte Felix von Sury. An einer Silvesterparty lernten sich die beiden kennen. Fünf Monate später, im Juli 1987, war die Heirat in Kerala.

Susan von Sury vor der Kathedrale St. Ursen, Solothurn
Susan von Sury vor der Kathedrale St. Ursen, Solothurn

Schicksalhafte Silvesterparty

Dass sie an jener schicksalshaften Party teilnehmen durfte, war speziell. Denn die 24-Jährige lebte in einem von Nonnen geführten Frauenheim. Ausgang nach 18 Uhr war verboten. Doch sie konnte eine Ordensfrau um den Finger wickeln. Zur Mitternachtsmesse müsse sie zurück sein, sagte diese.

Heiraten war notwendig. Susan von Sury war nicht frei. Eltern verheiraten in Südindien ihre Kinder nach eigener Wahl. Das hätte wohl auch ihr geblüht. Denn ihr Vater und ein Bruder waren gegen eine Liaison mit einem Ausländer.

Drei Busse voller Verwandter

Susan von Sury zitiert ihre Antwort von damals: «Ich heirate sowieso und ihr seid eingeladen. Ob ihr kommen wollt, müsst ihr selber entscheiden.» Tatsächlich fuhren vor der Kirche dann drei Busse voller Verwandter vor, wie sie mit breitem Strahlen erzählt.

Kurz danach kam Susan von Sury in die Schweiz, erst nach Bern, dann nach Solothurn. Und fünf Jahre lebte sie in Nepal, an der Seite ihres Mannes. Sonst habe dieser oft im Ausland geweilt. «Da war ich praktisch alleinerziehend», sagt Susan von Sury. Sie zog in Solothurn ihre drei Kinder gross und betreute ihre Schwiegereltern.

«Ich habe so viele Katastrophen und Tragödien gesehen.»

2004 wurde sie angefragt, ob man sie auf die CVP-Liste für den Solothurner Gemeinderat setzen dürfe. Gewählt würde sie sowieso nicht, hiess es. Doch das wurde sie. Und auch in den Kantonsrat kam sie später. 2015 zogen die von Surys aus der Stadt – nach Feldbrunnen-St. Niklaus. Da wurde die Politikerin gleich wieder in den Gemeinderat gewählt.  

Seit 2017 präsidiert sie im Kantonsrat die Sozial- und Gesundheitskommission – bis 2021, also bis in die Pandemiezeit hinein. Dabei half ihr ihre breite Lebenserfahrung. «Ich habe so viele Katastrophen und Tragödien gesehen, in Indien ebenso wie in Nepal später», sagt Susan von Sury.

Susan von Sury im Kantonsratssaal Solothurn
Susan von Sury im Kantonsratssaal Solothurn

Krise meistern ohne «Kantönligeist»

In einer solch extremen Krise müsse jemand die politische Führung übernehmen und klare Ansagen machen, meint sie. Das sei in der Schweiz nicht passiert. Die Politikerin setzte sich vehement dafür ein, dass der «Kantönligeist» zurückgebunden wurde. So korrigierte Solothurn im letzten Winter die Zahl der zugelassenen Gottesdienstbesucher von 30 auf 50 – entsprechend der nationalen Vorgabe.

Auch in die Kopftuch-Debatte mischte Susan von Sury sich ein. Sie nervte sich über die Aussagen von Politikern, die «keine Ahnung haben, wovon sie reden», so von Sury. «Das sind Menschen wie du und ich», habe sie ihnen gesagt, erzählt die Politikerin beim Kaffee in der Bar. In Indien ist sie in einer multireligiösen Gesellschaft aufgewachsen – als Katholikin unter Hindus, Muslimen und Menschen anderer Religionen.

Getauft wurde sie übrigens christlich-orthodox. Später wechselte sie mit einem Teil ihrer Familie zum Katholizismus, weil es in dieser Region von Kerala keine orthodoxe Kirche gab.

Susan von Sury blickt zur Kathedrale St. Ursen, Solothurn
Susan von Sury blickt zur Kathedrale St. Ursen, Solothurn

«Wann immer möglich, besuche ich sonntags den Gottesdienst. Ich brauche das.»

Und den lebt sie heute noch. «Wann immer möglich, besuche ich sonntags den Gottesdienst. Ich brauche das», sagt Susan von Sury. Dabei soll es möglichst eine Eucharistiefeier sein. «Ich will das volle Programm, auch die Wandlung», sagt sie.

Austausch mit dem Schwager, Abt Peter von Sury

Das ist wohl auch im Sinn ihres Mannes, der als Kanzler im Malteserorden Schweiz amtet. «Er ist sogar frommer als sein Bruder, der Abt von Mariastein», meint sie mit einem Augenzwinkern. Mit dem Abt tauscht sie sich gerne aus. Er interessiere sich dafür, wie christliche Festtage in anderen Ländern gefeiert würden.

Abt Peter von Sury OSB
Abt Peter von Sury OSB

Susan von Sury findet, Weihnachten sei hierzulande zu sehr kommerzialisiert. «In Indien beschenkten wir Jesus während dem Advent – mit täglichen Gebeten oder anderen Vorsätzen.»

Ihre beiden Kulturen sieht die Indo-Schweizerin pragmatisch: «Wenn ich hier bin, bin ich Schweizerin. In meiner Heimat bin ich Inderin. Ich habe keine Mühe, das voneinander zu trennen.»

Susan von Sury im Kantonsratssaal Solothurn | © Regula Pfeifer
21. Dezember 2021 | 05:00
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