Trotz COVID-19 die Würde der Toten wahren

Die WHO hat Richtlinien zum Umgang mit Toten infolge von COVID-19 verabschiedet. Demnach ist es nicht notwendig, Tote in Plastiksäcke zu packen oder einzuäschern. Ein Gastkommentar von Simon Peng-Keller*.

Die Berichte und Bilder aus Bergamo alarmieren: An COVID-19 erkrankte Menschen verschwinden in Intensivstationen, um dort einen einsamen Tod zu sterben, ohne seelsorgliche Begleitung, ohne sich von den Menschen, die ihnen lieb waren, verabschieden zu können.

Ihre Leichen werden in schwarze Plastiksäcke gepackt, ohne dass ihre Angehörigen sie nochmals sehen können. Sie kommen in anonyme Aufbahrungshallen, bis sie in Militärlastwagen in ein fernes Krematorium überführt werden. Die Urnenbestattung erfolgt oft anonym, ohne Anwesenheit der Familie, ohne religiöses Begräbnis, ohne Segen.

«Die WHO-Richtlinien bringen Klarheit.»

Bergamo ist nicht weit entfernt. Das Virus verbreitet sich rasch. Werden bald ähnliche Bilder in hiesigen Spitälern entstehen? Trifft es bald auch uns, unsere Eltern und Lebenspartner?

Simon Peng-Keller, Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich

Ist all das nicht zu verhindern, wenn die Zahl der Toten in den nächsten Wochen steigt? Müssen wir auf einen würdigen Abschied, auf den letzten Segen verzichten, um die Lebenden vor den Toten zu schützen?

Unmissverständliche Aussage

Die am 24. März approbierten WHO-Richtlinien zum Umgang mit dem Leichnam im Kontext von COVID-19 bringen die Klarheit, die man sich von einer Weltgesundheitsorganisation in Zeiten der Krise wünscht.

«Der Leichnam eines an COVID-19 verstorbenen Menschen ist nicht infektiös.»

Bei allen technischen Details spricht der Text eine unmissverständliche Sprache. Er spricht gegen Mythen an. Nach dem aktuellen Wissenstand ist der Leichnam eines an COVID-19 verstorbenen Menschen nicht infektiös.

Leichen wie üblich waschen

Bislang ist kein Fall einer Ansteckung bekannt, die durch den Kontakt mit einem Leichnam geschehen wäre. So sehr Vorsicht und Schutzmassnahmen geboten sind, so wenig Grund gibt es, die üblichen Formen des würdigen Abschieds ausser Kraft zu setzen. Die WHO benennt dies in aller Deutlichkeit:

  • «Die Würde der Verstorbenen, ihre kulturellen und religiösen Traditionen sowie ihre Familien sollten durchgängig respektiert und geschützt werden.»
  • «Eine übereilte Überführung von an COVID-19 Verstorbenen sollte vermieden werden.»

Weder ist es nach der WHO nötig, Tote in Plastiksäcke zu packen, noch ist eine Kremation zwingend. Die Leichen müssen auch nicht desinfiziert werden. Sie sollen wie üblich gewaschen, angekleidet und aufgebahrt werden.

«Vermieden werden sollte einzig, den Leichnam zu berühren oder zu küssen.»

Familien sollen die Möglichkeit haben, sich von Verstorbenen zu verabschieden, sie in Würde zu beerdigen, so wie es ihrer kulturellen und religiösen Tradition entspricht. Vermieden werden sollte einzig, den Leichnam zu berühren oder zu küssen.

Die Würde der Toten

Die Leitlinien kommen zur rechten Zeit. Sie stellen klar: Es ist aus medizinischer Perspektive irrational, aus Angst vor Ansteckung die Würde der Toten zu verletzen und die seelische Gesundheit der Hinterbliebenen zu riskieren.

«Die Herausforderungen sind organisatorischer Art.»

Die WHO stellt klar: Es gibt auch im Kontext von COVID-19 keinen Grund dafür, in Frage zu stellen, was uns religiös und kulturell im Umgang mit Sterben und Tod am Herzen liegt.

Die Herausforderungen, die diesbezüglich auf uns zukommen, sind nicht medizinischer, sondern organisatorischer Art. Sich jetzt darauf vorzubereiten, ist das Gebot der Stunde.

* Simon Peng-Keller ist Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich. Mit anderen Forscherinnen und Forschern hat er ein Internet-Portal zur seelsorglichen Arbeit im Kontext von COVID-19 lanciert.

Eine würdige Beerdigung verdient jeder Tote | © pixabay/geralt, Pixabay License
27. März 2020 | 16:15
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