"Friedvoll, tröstend": Teil des pastellfarbenen Wandgemäldes in der renovierten Friedhofskapelle in Eich LU.
Schweiz

Trauer in Pastell: Warum es in Abdankungshallen immer öfter kein Kreuz mehr gibt

Eine Friedhofskapelle oder eine Abdankungshalle ist ein neutraler Ort, wo Trauernde von ihren Verstorbenen Abschied nehmen können. Neuerdings häufen sich Fälle, wo es in solchen Orten kein Kruzifix mehr gibt. Selbst in urkatholischen Stammlanden. Warum eigentlich?

Wolfgang Holz

«Die Friedhofskapelle erstrahlt in neuem Glanz», ist in der Oktober-Ausgabe des «Eicherbrief» der politischen Gemeinde Eich am Sempachersee zu lesen. «Da der Friedhof und die Friedhofkapelle überkonfessionell sind, wurde das Kruzifix durch ein ansprechendes Wandbild ersetzt. Dieses, in Pastellfarben gehaltene Gemälde, ermöglicht, über die eigenen Vorstellungen zum Tod als Übergang in ein neues Leben nachzudenken.»

«Friedvolle, tröstende Stimmung»

In den aktuellen Nachrichten der katholischen Pfarreien Eich und Sempach tönt es fast gleich. Unter der Überschrift «In neuem Glanz» erfährt man, dass «die Friedhofskapelle nach der Renovation für die Aufbahrung einer Urne oder eines Leichnams wieder zur Verfügung steht. Sie ist ein Ort, an dem Angehörige in den Tagen vor der Beisetzung von ihren Liebsten Abschied nehmen können. Da der Friedhof und die Friedhofkapelle überkonfessionell sind, wurde bei der Sanierung der Wände das Kruzifix entfernt.»

Wandgemälde in der Eicher Friedhofskapelle vom Nottwiler Künstler Gregor Stäuble
Wandgemälde in der Eicher Friedhofskapelle vom Nottwiler Künstler Gregor Stäuble

Der Nottwiler Künstler und Kunstmaler Gregor Stäuble sei beauftragt worden, so weiter im Text, ein Wandbild zu gestalten. «Dieses in Pastellfarben gehaltene, einladende Gemälde ermöglicht, über die eigenen Vorstellungen zum Tod als Übergang in ein neues Leben nachzudenken. Es verleiht der Kapelle eine friedvolle, tröstende Stimmung.» Der Künstler habe sich beim Gestalten des Gemäldes mit dem Thema Sterben, Übergang und Tod auseinandergesetzt.

Einstimmig beschlossen

So weit so gut. Schliesslich ist der Eicher Pfarreileiter Teil der gemeindlichen Friedhofskommission und trägt die Entscheidung des Gemeinderats mit, die einstimmig gefallen ist. Die Pfarrei steht hinter dieser Konzeption, ebenso der Kirchenrat. Nicht zuletzt ist der Gemeinderat für den Unterhalt der restaurierten Friedhofskapelle zuständig, die am 1. November eingeweiht wird.

Repräsentativ und exponiert: Die spätbarock-frühklassizistische Pfarrkirche Sankt Laurentius in Eich am Sempachersee
Repräsentativ und exponiert: Die spätbarock-frühklassizistische Pfarrkirche Sankt Laurentius in Eich am Sempachersee

Der Friedhofskommissionspräsident versichert gegenüber der «Luzerner Zeitung», dass ja auf dem Dach der Friedhofskapelle nach wie vor ein Kreuz zu sehen sei, ebenso wie auf Glasfenstern abstrakte christliche Symbolik. Und falls ein Kruzifix gewünscht werde, könne ein solches ja aus dem Kirchenfundus bereitgestellt werden.

In Sempach und Hochdorf ebenfalls kein Kreuz

Trotzdem – warum sind Kruzifixe in luzernisch-traditionellen Stammlanden neuerdings in Abdankungshallen und Friedhofskapellen plötzlich out?  Ein säkularer Raum ohne religiöse Symbole, überkonfessionell-neutral: Ist das die Zukunft für Aufbahrungsräume katholischer Provenienz? Im Abdankungsraum in Hochdorf und in Sempach wird ebenfalls auf das Aufhängen des Kreuzes verzichtet.

«Das Kreuz weist gerade auf die Auferstehung Christi hin, der Tod wird durch Christus überwunden.»

Die Eicher Theologin und Seelsorgerin Martina Gassert ordnet auf Anfrage von kath.ch ein. «Persönlich halte ich das  Kreuz nach wie vor für ein wichtiges religiös-christliches Zeichen», sagt sie. Es symbolisiere ja nicht nur den Tod von Christus am Kreuz. «Das Kreuz weist gerade auf die Auferstehung Christi hin, der Tod wird durch Christus überwunden.»

Doch zum einen könnten eben viele Menschen heutzutage nicht mehr viel mit der religiösen Symbolik des Kreuzes anfangen – ausser eben mit jener der Assoziation des Todes.

«Kirchenaustritte, andere Religionen, Konfessionslose»

«Zum anderen kann man gar nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, dass die Mehrheit der Verstorbenen konfessionell gläubige Christen sind – angesichts der vielen Kirchenaustritte und der Mehrheit von nichtkonfessionellen Personen in der Schweiz. Und in der Eicher Friedhofskapelle werden auch Gläubige anderer Religionen und Konfessionslose aufgebahrt», erklärt sie.

Die christliche Wandmalerei in der Abdankungshalle Friedental in Luzern kann mit Stoff abgedeckt werden.
Die christliche Wandmalerei in der Abdankungshalle Friedental in Luzern kann mit Stoff abgedeckt werden.

Gleichzeitig versichert sie aber, dass das Kreuz nicht aus dem christlich-katholischen Ritual des Sterbens und Bestattens verschwunden sei. Auch nicht in der Pfarrei Eich.

«Denn in der Friedhofskapelle werden die Verstorbenen zwar für ihre Angehörigen aufgebahrt. Aber es finden dort keine liturgischen Feiern statt.»

«Denn in der Friedhofskapelle werden die Verstorbenen zwar für ihre Angehörigen aufgebahrt. Aber es finden dort keine liturgischen Feiern statt», versichert Gassert. «Die Beerdigungsgottesdienste selbst werden nach wie vor in der Kirche gefeiert, und die Trauernden folgen dem oder der Seelsorgenden danach in der Regel hinter einem Holzkreuz ans Grab, wo dann dieses aufgestellt wird, bis dort später ein Grabstein errichtet wird.»

Hier gibt es noch Kreuze – und Kompromisse

In anderen luzernischen Pfarreien ist das Kruzifix dagegen noch präsent, die christliche Tradition bleibt gewahrt. In den Pastoralräumen Rottal, Surental, Willisau und Michelsamt sind beispielsweise sämtliche Abdankungsräume mit religiösen Symbolen bestückt.

So sieht die neue Abdankungshalle in Unterägeri von aussen aus - eingebettet in einen Ahornhain.
So sieht die neue Abdankungshalle in Unterägeri von aussen aus - eingebettet in einen Ahornhain.

Anderswo wird der Kompromiss gepflegt. In Sursee etwa können seit der Neugestaltung der Abdankungshalle, wie die Luzerner Zeitung herausgefunden hat, religiöse Symbole mit einem Vorhang bedeckt werden. Als Reaktion auf heftige Diskussionen mit Spaltpotential. In der Stadt Luzern in der Abdankungshalle beim Friedental darf seit Jahren nach internen Diskussionen eine Christusfigur auf Wunsch verhüllt werden.

Nobelabdankungshalle in Unterägeri – auch ohne Kreuz

Und doch scheint der Trend zu säkularen, überkonfessionellen und neutralen Abdankungsräumen ungebrochen. In Unterägeri, im früher mehrheitlich katholischen, inzwischen internationalen Steuerparadies Zug, leistet sich die Gemeinde eine neue Abdankungshalle für 2,7 Millionen Franken. Für den Neubau wurde sogar extra ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Im März 2025 soll mit dem Bau begonnen werden.

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Auch hier sind religiöse Symbole – trotz unmittelbarer Nähe zur katholischen Pfarrkirche – nicht mehr en vogue. Zwei Felsen im Inneren der Abdankungshalle sollen die «Kraft und Endlichkeit des Lebens» veranschaulichen. Der Clou des säkularen Trauerambientes ist ein Lichthof.

Der Blick in den Himmel: Natur statt Religion?

Das Innere der Abdankungshalle, die dreiseitig in einen Ahornhain eingebettet ist, mutet nämlich wie ein römisches Atrium oder ein japanischer Meditationstempel an.

Ohne Kreuz: Ein Lichthof mit zwei Findlingen und einem kleinen Wasserteich: So soll das Innere der neuen Abdankungshalle in Unterägeri ZG aussehen.
Ohne Kreuz: Ein Lichthof mit zwei Findlingen und einem kleinen Wasserteich: So soll das Innere der neuen Abdankungshalle in Unterägeri ZG aussehen.

Im O-Ton des Architekten: «Der ausladende, seitliche gefasste Portico empfängt die Trauernden und führt sie gedeckt ins Innere des Gebäudes. Mittig im Gebäude verortet sich ein gegen die Unendlichkeit des Himmels geöffneter Hof und führt Licht in das Haus der Ruhe und Kontemplation.»


«Friedvoll, tröstend»: Teil des pastellfarbenen Wandgemäldes in der renovierten Friedhofskapelle in Eich LU. | © zVg
11. Oktober 2024 | 12:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!