Thomas Wallimann zur Bürgenstock-Konferenz: «Es wäre zu billig, die Friedensarbeit nur den Politikern zu überlassen»
Die Kommission «Justitia et Pax» will anlässlich der Ukraine-Konferenz auf dem Bürgenstock die Menschen einladen, über Frieden und Gerechtigkeit nachdenken. Dazu stellt sie den Pfarreien einen Predigt-Impuls zu Verfügung. «Das Handwerk des Friedens beginnt im Kleinen», sagt Kommissionspräsident Thomas Wallimann (59).
Barbara Ludwig
Warum hat sich die bischöfliche Kommission «Justitia et Pax» entschieden, für das kommende Wochenende, an dem die Ukraine-Konferenz auf dem Bürgenstock stattfindet, einen Predigt-Impuls anzubieten?
Thomas Wallimann*: Frieden ist ein Thema, das die Gesellschaft zurzeit sehr beschäftigt. Die Schweiz hat die Initiative für die Friedenskonferenz auf dem Bürgenstock ergriffen. Wir finden: Das diplomatische Bemühen, einen Friedensprozess in Gang zu bringen, soll aus einem guten Geist heraus begleitet werden. Das passt zum Namen unserer Kommission «Frieden und Gerechtigkeit».
«Angesichts der strikten Sicherheitsvorkehrungen auf dem Bürgenstock haben wir keine Chance, dort präsent zu sein.»
Was kann eine Kommission wie die Ihre denn unternehmen?
Wallimann: Das haben wir uns auch gefragt. Angesichts der strikten Sicherheitsvorkehrungen auf dem Bürgenstock haben wir keine Chance, dort präsent zu sein. Wir haben also kaum Einflussmöglichkeiten auf die Politikerinnen und Politiker, die sich am Konferenzort treffen. Aber wir können die Menschen einladen, über Frieden und Gerechtigkeit nachzudenken. Als Organisation der Schweizer Bischofskonferenz haben wir uns entschieden, den Pfarreien einen Gedankenanstoss zur Verfügung zu stellen – eben diesen Predigt-Impuls. Die Seelsorgenden kriegen eine Menü-Idee für den Sonntag vom 15. Juni. Wer sich von unseren Gedanken angesprochen fühlt, darf sich da bedienen.
Ihre Aktion richtet sich nur an die katholische Pfarreien, aber nicht an reformierte Kirchgemeinden. Wieso?
Wallimann: Wir haben uns ziemlich kurzfristig, vor rund zwei Wochen, für die Aktion entschieden. Für einen Einbezug der reformierten Kirchgemeinden hätte es eine längere Vorlaufzeit und Absprachen mit der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz gebraucht. Der Predigt-Impuls wird als PDF-Dokument über die Generalvikariate der verschiedenen Bistümer an die Pfarreileitenden geschickt – in deutscher, französischer und italienischer Sprache. Das ist ein einfacher Kanal, der uns als Kommission der katholischen Kirche zur Verfügung steht.
«Die Gläubigen können die Anliegen von Akteuren mittragen, die für den Frieden arbeiten.»
Sind die Gläubigen im Gottesdienst wirklich die richtigen Adressaten? Sie sind ja nicht die Akteure auf der Weltbühne, die über Krieg und Frieden entscheiden.
Wallimann: Das stimmt. Aber sie können die Anliegen von Akteuren mittragen, die für den Frieden arbeiten. Wir haben in unseren Text Überlegungen von Papst Franziskus übernommen, die er in seiner Enzyklika «Fratelli tutti» ausführt. Er unterscheidet dort das «Handwerk des Friedens» – das persönliche Engagement – von der «Architektur des Friedens», also den strukturellen und politischen Massnahmen. Beides kann man mit Gebeten und guten Gedanken unterstützen. Das Handwerk des Friedens beginnt im Kleinen.
Zum Beispiel?
Wallimann: Wir können eine Kerze anzünden für den Frieden in der Ukraine oder im Sudan. Wir wissen als Christinnen und Christen, dass wir dort für Hoffnung einstehen können, wo scheinbar niemand etwas unternimmt. Es wäre auch etwas zu billig, diese Arbeit nur den Politikern und Politikerinnen zu überlassen. Wir sind alle Mittragende – auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Unsere Hauptbotschaft ist: Wir alle können zu einem künftigen Frieden in der Welt beitragen. Und sei es nur durch einen Moment des Innehaltens, das Anzünden eines Kerzleins oder das Nachdenken über die Bedeutung eines sonntäglichen Bibeltextes.
A propos Bibeltext: Ihr Predigt-Impuls geht von den biblischen Lesungen des 11. Sonntags im Jahreskreis aus (15. Juni). Interessant ist, dass Sie bei allen drei Lesungen einen Bezug zur aktuellen Situation herstellen können. Ist das eine glückliche Fügung?
Wallimann: Wir wussten das zunächst nicht. Als wir dann die Texte anschauten, stellten wir fest: Damit lässt sich etwas machen. Das war wirklich eine glückliche Fügung.
«Auch wir beginnen zu säen, indem wir uns in diese Konferenz einklinken.»
Welchen der Texte finden Sie am wichtigsten?
Wallimann: Schwierig. Mir gefällt auf jeden Fall die Passage aus dem Markus-Evangelium sehr gut. Er bringt zum Ausdruck, dass man etwas versuchen muss, ohne bereits auf das Resultat zu schielen. Man nimmt das Senfkorn, das kleinste von allen Samenkörnern, und sät es in der Hoffnung, es wächst etwas. Der Text gibt einem Mut. Auch wir beginnen zu säen, indem wir uns in diese Konferenz einklinken: wenn wir für einen guten Ausgang beten, wenn wir gute Gedanken auf den Bürgenstock schicken und das Wirken der Politikerinnen und Politiker unter den Segen Gottes stellen.
*Thomas Wallimann (59) ist Theologe und Sozialethiker. Er leitet die Kommission «Justitia et Pax» der Schweizer Bischofskonferenz. Das ist eine Laienkommission der Katholischen Kirche. Sie beschäftigt sich schwerpunktmässig mit sozialen, gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Fragen und macht dies aus einer sozialethischen Perspektive. Wallimann ist zudem Mitglied im Landrat (Parlament) des Kantons Nidwalden, wo er die grüne Partei vertritt.
Perspektiven – Hoffnung – Mitwirkung
Der Predigt-Impuls der bischöflichen Kommission «Justitia et Pax» inspiriert sich an den biblischen Lesungen des 11. Sonntag im Jahreskreis. Das ist der 15. Juni. Die Erste Lesung aus dem Buch des Propheten Ezechiel (Ez 17,22-24) erzählt demnach die Geschichte von einem neuen Anfang, mit Bildern, die über sich hinauswachsen. «Es sind Bilder, die in einer ausweglosen und verunsichernden Situation eine Perspektive eröffnen», schreibt die Kommission. Das Thema der Zweiten Lesung, aus dem Brief von Paulus an die Korinther (2 Kor, 5, 6-10), ist die Hoffnung von Christinnen und Christen. Den Text aus dem Evangelium (Mk 4, 26-34) schliesslich setzt die Kommission unter das Leitwort «Mitwirken». Aus kleinsten Anfängen – wie dem Senfkorn – könne etwas Grosses erwachsen. Doch die Voraussetzung sei, dass «wir den guten Samen aussäen». Immer wieder brauche es den ersten Schritt. «Es braucht jemand, der oder die den guten Samen aussäet, damit Frieden und Gerechtigkeit wachsen und reifen können.» An dieser Stelle verweist die Kommission zudem auf Überlegungen von Papst Franziskus zum Frieden in dessen Enzyklika «Fratelli tutti». (bal)
Bürgenstock im Podcast «Laut + Leis»
Die Ukraine-Konferenz auf dem Bürgenstock ist auch Thema im kath.ch-Podcast «Laut + Leis». Zu Gast werden sein: Monika Stocker, ehemalige Nationalrätin der Grünen und Zürcher Stadträtin. Sie steht Waffenlieferungen kritisch gegenüber. Und: Felix Münger. Er ist Historiker und Kenner der russischen Literatur. Bei SRF arbeitet er als Redaktor für Literatur und Zeitfragen. Er sagt: «Ohne Waffen ist das Recht auf Selbstverteidigung rasch verspielt.»
Der Podcast ist ab 21. Juni verfügbar auf kath.ch/podcast/ und überall dort, wo’s Podcasts gibt.
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