«Brillenwechsel tut gut» pixabay.com CC0
Schweiz
«Brillenwechsel tut gut» pixabay.com CC0

«Wir Theologen glauben, eine Brille reicht»

Zürich, 6.10.17 (kath.ch) Eine Konferenz über besondere Kirchen in den Städten: die Citykirchen. Zwischen dem 1. und 4. Oktober trafen sich holländische, deutsche, österreichische und Schweizer Citykirchen-Verantwortliche und Mitarbeiter in Zürich. Das Thema war so städtisch, wie es nur sein kann: Geld. Thomas Münch, Seelsorger in der Zürcher Sihlcity-Kirche, sprach mit kath.ch über Geld, Banken und Brillen.

Francesca Trento

Die diesjährige europäische Citykirchen-Konferenz hatte ihren Fokus auf dem Geld. Gar nicht christlich. Warum?

Thomas Münch: Die Vorbereitungsgruppe für die Konferenz legte zwei Ebenen fest: Einerseits haben Citykirchen oft Schwierigkeiten, ihre Projekte finanziell zu sichern, da ihre Finanzierung oft ausserhalb der kirchgemeindlichen Strukturen liegt.

Andererseits ist die Frage wichtig: Wie sollen Kirchen mit dem Geld, das sie haben oder ihnen anvertraut wird, umgehen?

Was ist nun das Resultat?

Münch: Die Konferenz war nicht auf Resultate ausgerichtet. Die Konferenz ist da, um sich auszutauschen – über die Landesgrenzen hinaus. In den unterschiedlichen Ländern gibt es unterschiedliche Gegebenheiten und Strukturen. Was verschiedene Zugänge verlangt. Ein solcher Austausch ist wertvoll.

Sind denn Citykirchen in Deutschland gleich wie in der Schweiz?

Münch: Ganz und gar nicht. Citykirchen sind ursprünglich ein protestantisches Phänomen, was in Deutschland sehr ausgeprägt zu sehen ist. Katholische Citykirchen haben dort ein anderes Ziel. Bei uns in Zürich werden Projekte oft ökumenisch angegangen, zum Beispiel die Sihlcity-Kirche, das Flughafenpfarramt oder die Bahnhofskirche. Das gibt’s in Deutschland so nicht.

Als einen katholischen Ansatz könnte man auch die Urbane Kirche Zürich sehen, für die ich verantwortlich bin. Dahinter stehen andere Ansätze als bei den Citykirchen.

Eine Konferenz um Tipps und Tricks auszutauschen.

Inwiefern?

Münch: Die Citykirchen sind vorhandene Kirchengebäude im Zentrum von Städten. Sie nehmen die Bedürfnisse der Anwohner in den Blick, die rund um das Zentrum wohnen. In Berlin zum Beispiel können die Citykirchen sehr touristisch besuchte Kirchen sein, ohne liturgische Schwerpunkte.

Und die Urbane Kirche Zürich passt sich nicht den Bedürfnissen an?

Münch: Doch, sehr wohl. Sie ist jedoch nicht an ein Gotteshaus gebunden, sondern geht aktiv auf die Menschen zu, die sich nicht (mehr) in Pfarreien beheimatet fühlen. Wir versuchen dann mit den Menschen zusammen Angebote und Projekte zu entwickeln.

Und dafür braucht es Geld. Woher nehmen Sie dieses?

Münch: Das ist natürlich von Kirche zu Kirche und von Kanton zu Kanton anders. Stellen Sie sich vor, wie unterschiedlich das im Vergleich von Land zu Land aussieht? Deshalb auch diese Konferenz: Um Tipps und Tricks auszutauschen, für die, die keine finanzielle Sicherheit haben. Die Urbane Kirche Zürich hat hier einen Vorteil. Sie wird vom katholischen Stadtverband, dem 23 Kirchgemeinden angehören, finanziell getragen.

Geld und Kirche – diese Begriffe beissen sich doch.

Münch: Wir Theologinnen und Theologen tendieren leider zu dieser Ansicht. Wir glauben, je ökonomischer jemand denkt, desto unmoralischer sei er.

Ihr hattet mit dem Bankier Konrad Hummler als Referenten also einen grossen Sündenbock dabei.

Münch: Genau. Das war auch unsere Überlegung, ihn mit der feministischen Theologin Ina Praetorius über das Thema «Tanz um das Kalb: Geld in Zürich» referieren zu lassen.

Das gab wohl Streit…

Münch: Nein, ganz und gar nicht. Hummler, von Kopf bis Fuss Ökonom, einer Frau wie Praetorius gegenüber zu stellen, gehört zu unserer Schweizer Diskussionskultur. Zwei so entgegengesetzte Meinungen miteinander debattieren zu lassen – das bringt die interessantesten Resultate.

Er ist der Sündenbock und sie ist die Gute – das ist zu einfach.

Was nehmen Sie mit?

Münch: Mich hat vor allem eine Auslegung Hummlers der Geschichte vom goldenen Kalb fasziniert. Man sollte Dinge nicht als Theologin, als Ethiker, als Bankier oder als Ärztin erklären. Sondern immer verschiedene Brillen anziehen – unsere Welt ist nicht eindimensional.

Warum reicht es nicht, Dinge als Theologe zu betrachten? Das ist ja ein sehr vielseitiges Studium.

Münch: Ich muss ein Thema durch verschiedene Brillen betrachten, um erst einmal die verschiedenen Aspekte eines Problems zu erkennen. Nur so kann man der Lösung eines Problems näher kommen.

Wir Theologen und Theologinnen tendieren oft dazu, nur eine Brille zu tragen. So kommen wir schnell einmal zum Ergebnis: Der oder die sind die Sündenböcke und die da sind die Guten. Das ist zu einfach. Kirchen können aber einen Raum des Gespräches über die Disziplinen hinaus zur Verfügung stellen.

Wie kann eine Theologin wie Ina Praetorius über Ökonomie sprechen?

Münch: Praetorius beschäftigt sich als feministische Theologin schon lange intensiv mit diesem Thema. Ihr Ansatz ist eine Care-Ökonomie. Diese Art des ökonomischen Denkens schliesst nicht nur die finanziell bezifferbaren Anteile unserer Wirtschaft mit ein. Sondern auch die Arbeit, die nicht bezahlt wird, aber elementar für unser Zusammenleben ist – wie die Betreuung von Familienangehörigen oder die Erziehung von Kindern.

Das bedingungslose Grundeinkommen kann eine Lösung sein.

Hummler hingegen spricht von der Ökonomie der bezahlten Arbeit.

Hummler als grosser Sündenbock also.

Münch: (lacht) Ja, kann man so sagen. Aber: Diese Brille brauchts eben auch. Im Laufe des Gesprächs fanden beide ein Thema, indem sie – trotz verschiedener Brillen – gemeinsame Ansatzpunkte fanden: Das bedingungslose Grundeinkommen.

Hummler ist dafür?

Münch: Ja, aber aus anderen, natürlich ökonomischen Gründen: Er sieht die Zukunft von bezahlter Arbeit als gefährdet. Denn durch die Fortschritte der Digitalisierung sollen immer mehr Jobs auch ohne Menschenhand funktionieren.

So muss überlegt werden, wie die Grundbedürfnisse der Bevölkerung gedeckt werden können. Das bedingungsloses Grundeinkommen kann eine Möglichkeit sein. Im Gespräch wurde deutlich, dass man Lösungsansätze finden kann, wenn man bereit ist, Dinge mit unterschiedlichen Brillen zu sehen und aufeinander zuzugehen.

 

Arbeitnehmer und Einkaufskunden zeigten Sihlcity-Kirche die kalte Schulter

Offene Kirchen öffnen auch  | © Annina Policante
Offene Kirchen öffnen auch | © Annina Policante
In Citykirchen wird auch getanzt | © Tine Edel
In Citykirchen wird auch getanzt | © Tine Edel
Citykirchen bieten auch kulinarischen Genuss - hier aus Afghanistan  | © Theodor Pindl
Citykirchen bieten auch kulinarischen Genuss - hier aus Afghanistan | © Theodor Pindl
Citykirchen bieten Raum für Ausstellungen - in der "WirkRaumKirche"  | © Theodor Pindl
Citykirchen bieten Raum für Ausstellungen - in der "WirkRaumKirche" | © Theodor Pindl

Citykirchen

Die Europäische City-Kirchen-Konferenz fand dieses Jahr zwischen dem 1. und 4. Oktober in Zürich statt. Das Thema «Geld und Geist» wurde mit verschiedenen Referaten, Debatten und mit einem Besuch bei der Nationalbank auf verschiedene Art und Weisen behandelt.

Citykirchen sind Kirchen in den Innenstädten, die Angebote für alle bereithalten wollen: für Religiöse wie Kirchenferne, für Gläubige und Enttäuschte, Ausgetretene und  Interessierte. Das schreibt auch die Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich in einer Mitteilung zur Konferenz. Citykirchen böten «ungewöhnliche Gottesdienste, Meditationsformen, Heilungsfeiern oder Seelsorge an, aber auch kulturelle Angebote wie Performances, Konzerte, Diskussionen oder Ausstellungen». In Zürich besteht mit dem Offenen St. Jakob am Stauffacher seit vielen Jahren eine Citykirche. Über 100 Projekte von Citykirchen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz sind seit 2004 in der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Netzwerk Citykirchenprojekte zusammengeschlossen. (ft)

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