Filmausschnitt «Terror – Ihr Urteil»: Die Beweisaufnahme | © SRF/ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung
Schweiz
Filmausschnitt «Terror – Ihr Urteil»: Die Beweisaufnahme | © SRF/ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung

Terror, Recht und Moral in der Arena

Zürich, 18.10.16 (kath.ch) Mit dem Gerichtsfilm «Terror – Ihr Urteil» hat sich SRF an einer Eurovisions-Sendung beteiligt, die wichtige Fragen über Recht und Moral in Zeiten der Terrorbekämpfung aufwirft. Darf man 164 Menschen töten, um 70’000 zu retten? Durfte der Kampfpilot Lars Koch ein Passagierflugzeug abschiessen, um zu verhindern, dass ein Terrorist dieses auf ein vollbesetztes Fussballstadion stürzen lässt? Das direkt anschliessende «Arena Spezial» leistete einen wichtigen Beitrag zur ethischen Diskussion. «Das ist Service public – bitte mehr davon, viel mehr!», meint Charles Martig in seiner TV-Kritik.

Darf man Menschenleben gegeneinander aufrechnen? Diese schwierige Frage hat der Film «Terror – Ihr Urteil» aufgeworfen. Er wurde am 17.10. in der TV-Prime-Time gleichzeitig auf ARD, ORF und SRF ausgestrahlt und beim Schweizer Fernsehen in eine Arena-Sendung eingebettet. Der ruhige Erzählrhythmus der Gerichtsverhandlung rund um den Fall des Luftwaffenmajors Lars Koch (Florian David Fitz) hat es in sich. Ohne die übliche Dramatisierung wird hier einfach und linear erzählt, was sich im Gerichtssaal in Berlin abspielt. Es handelt sich um Fiktion, doch ist die ruhige Kameraführung und die stringente Erzählung so stark, dass beim Schauen das experimentelle Umfeld vergessen geht.

Ethisches Dilemma in der Terrorbekämpfung

Es geht um den Abschuss eines Passagierflugzeugs durch die Luftwaffe. Der Armeepilot Koch steht vor der schwierigen Entscheidung, ob er 164 Flugpassagiere opfert oder 70’000 Menschen bei einem Terrorangriff auf eine Fussballstadium in München ums Leben kommen. Diese Konstellation ist ein klassisches, ethisches Dilemma. Beide Handlungsweisen führen zu Schuld und Unrecht. Der Film thematisiert, ob in dieser Situation der Pilot schuldig wird, weil er gegen einen ausdrücklichen Befehl gehandelt hat. Soll er verurteilt oder freigesprochen werden?

Die Staatanwältin Nelson (Martina Gedeck) hält ein starkes Plädoyer für die menschliche Würde, die nicht angetastet werden darf, insbesondere nicht durch Staatsgewalt. Der Verteidiger (Lars Eidinger) argumentiert, dass es eine Rechtstradition des «kleineren Übels» gebe, die den Angeschuldigten entlaste. Es handle sich um einen «übergesetztlichen Notstand» und deshalb sei Lars Koch freizusprechen.

Das Publikum entscheidet und wird zum Denken angeregt

Der Richter (Burghart Klaußner) schaut am Schluss der Verhandlung direkt in die Kamera und fordert das Publikum auf, als Laienrichter zu entscheiden. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Schuldig mit lebenlänglicher Haft oder Freispruch. Je nachdem wie das Publikum entscheidet, gibt es einen anderen Schluss für den Film.

Die Schweiz entscheidet sich mit 84 Prozent für Freispruch. Die Identifikation mit der Lage des Piloten scheint derart stark zu sein, dass ein Freispruch unserem moralischen Urteil in Zeiten des Terrors entspricht. In Deutschland und Österreich ist die Abstimmung noch etwas deutlicher mit rund 86 Prozent für den Freispruch. Während in Deutschland darüber diskutiert wird, ob das Volk über die gestellte Frage abstimmen darf, ist dies in der Schweiz überhaupt kein Thema. Der entscheidende Punkt dabei ist, dass das Publikum in die Güterabwägung einbezogen wird. Denn hier stellen sich die heiklen rechtlichen und moralischen Fragen. Die erste wichtige Erkenntnis lautet: Recht ist nicht dasselbe wie Moral.

«Arena Spezial» ist gelungen

Das «Arena Spezial» im Anschluss an den Film geht eine entscheidende Stufe weiter und versucht die Frage mit Experten zu diskutieren. Der Moderator Jonas Projer führt souverän durch die Sendung. Seine Gäste SVP-Nationalrat Thomas Hurter, FDP-Ständerat Philipp Müller, Josef Lang, alt Nationalrat Grüne und Vorstand der  Gruppe Schweiz ohne Armee, sowie Chantal Galladé, SP-Nationalrätin, diskutierten mit dem Rechts-Experten Marcel Niggli und dem Terror-Experten Jean-Paul Rouiller, wie der Fall ihrer Ansicht nach hätte entschieden werden müssen. Diese Reflexion ergibt eine weitere Erkenntnis: Obwohl ein grosser Teil des Publikums sowie Hurter und Müller für den Freispruch votieren, wäre eine Verurteilung aus rechtlicher Sicht angemessen. Marcel Niggli von der Universität Freiburg i.Ü. betont, dass der Pilot schuldig sei, jedoch könne das Strafmass angepasst werden. Dabei wird er von Galladé und Lang unterstützt.

Insgesamt ist dieser Abend sehr gelungen. Ohne belehrend zu sein, geben der Film und das «Arena Spezial» wichtige Impulse für die Diskussion rund um die Terrorbekämpfung im Spannungsfeld von Recht und Moral. Bildung, Unterhaltung und politische Debatte finden hier zusammen. Das ist Service public – bitte mehr davon, viel mehr!

Fernsehen SRF «Terror – Ihr Urteil»


 

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