Tatjana Disteli: «Das Kloster Olten ist ein Mahnmal der Freundlichkeit und Nächstenliebe»
Für Tatjana Disteli hinterlässt der Weggang der Kapuziner ein Vakuum, das für «Katholisch Olten existenziell sein wird – besonders in Zeiten des kirchlichen Personalmangels.» Die Generalsekretärin der Katholischen Kirche im Aargau erinnert an die vielen Momente, in denen die «Patres» in ihrem Leben und dem vieler Oltner präsent waren.
Tatjana Disteli*
Das Kapuzinerkloster in Olten besteht seit knapp 400 Jahren. Generationen von Familien und Einzelpersonen haben hier spirituelle Erfahrungen gemacht, gefördert durch die menschliche Nähe der Klostergemeinschaft zur Bevölkerung, durch die geistliche Weite ihrer franziskanischen Spiritualität und ihre damit verbundene Herzlichkeit. Über Jahrhunderte hinweg haben hier Menschen von der Grosszügigkeit einer Armensuppe profitiert: «Klopft an, und es wird Euch gegeben werden». Die, die in selbstgewählter Armut leben, teilen mit den Ärmsten. Das sind starke christliche Zeichen, damals und heute.
Kaum zu schliessendes Vakuum
Die Bedeutung des Kapuzinerklosters in seiner Vorbildfunktion, weit über die Oltner Stadtgemeinschaft in die ganze Region hinaus, ist beträchtlich – und zwar ungeachtet der individuellen Verortung in einer religiösen, distanzierten oder kirchenfernen Gruppierung. Für Katholisch Olten jedoch wird das Vakuum, das aus dem Weggang des Ordens entsteht, schmerzlich und kaum wieder zu schliessen sein.
Wie bei vielen Oltnerinnen und Oltnern waren die «Patres» auch in der Biografie meiner Familie präsent: Als Kind wusste ich, dass mein Grossvater die braunen Hemden unter ihrer Armenkutte produzierte und spendete. Die mystische Stimmung und die warme, weite, geistliche Atmosphäre ihrer Gottesdienste und Gebete waren prägend für mich. Als Jugendliche merkte ich: Im Klösterchen hört man die besten Predigten: Diese Worte waren anschlussfähig an unser Leben. Sie waren nährend – bis zum heutigen Tag.
Treffpunkt Klostergarten
Alle kannten den Spitalbruder, den Bauernbruder, den Guardian, den Stadtpfarrer zu St. Martin, den besten Prediger – und, und, und. Die geführten Fasten- und Meditationswochen waren beliebt, allerlei Leute trafen sich zu Besinnung und Austausch. Hatte jemand etwas auf dem Herzen, konnte man für ein spontanes Seelsorgegespräch an die Klostertür klopfen. Nie wurde das Kloster als Konkurrenz zur Pfarreipastoral empfunden, sondern als Ergänzung des geistlichen Lebens.
Vor einigen Jahren öffneten die Brüder den Klostergarten. Er wurde zum Treffpunkt mitten in der Stadt mit seinen Veranstaltungen, der Musik und den herzlichen Begegnungen mit der Bevölkerung. Zunehmend wurde auch das Refektorium zu einem Ort gemeinsamen Essens, Betens und Redens. So manche Problemlösung wurde da ganz nebenbei gefunden, im Gespräch über Gott und die Welt.
Die Gemeinschaft wird getrennt
Alle hatten gehofft, für ewig würde alles so weitergehen. Die Brüder sollten mindestens noch ein paar Jährchen bleiben, um weiter als Mahnmal der Menschlichkeit und Spiritualität zu leben und zu wirken: in der Pfarreiseelsorge, in ihrer Begegnung mit der Stadtpolitik, für die Gottesdienste im Klösterchen und die vielen gewünschten Auferstehungsfeiern.
«Die Brüder werden einzeln entwurzelt und versetzt.»
Es kann nicht verborgen bleiben, dass diese eher autoritär anmutende Entscheidung aus längst vergangenen Zeiten Stadtgespräch ist: Ja, die Gemeinschaft wird getrennt. Die Brüder werden einzeln entwurzelt und versetzt.
Weggang für Katholisch Olten existenziell
Das Vakuum, das durch den Weggang «unserer» Klostergemeinschaft mit all ihren Charakterköpfen entsteht, wird für Katholisch Olten existenziell sein – besonders in Zeiten des kirchlichen Personalmangels. Wir werden jeden einzelnen Klosterbruder vermissen – aber auch das Symbolbild des Mannes in brauner Kutte, der in der Oltner Altstadt im Jahr 2024 mit einem zerfurchten, herzlichen Gesicht mit fliegendem Strick und seinen drei Knöpfen der Armut, Enthaltsamkeit und Gehorsam um die Ecke huscht. Er bezeichnet ein unglaublich wohltuendes Gegenbild zu unserer Leistungsgesellschaft.
Welche Möglichkeiten bestehen, ein solches Vakuum zu füllen? Wenigstens einen Teil dieser gelebten Spiritualität weiterhin zu erhalten und der jahrhundertealten Gemeinschaft ein ehrendes Andenken zu bewahren?
Das Kapuzinerkloster wird immer ein wichtiger Teil der lebendigen Gemeinschaft der Oltner Bevölkerung und der regionalen Geschichte bleiben. Der neue Verein Kapuzinerkloster Olten will «das Klosterareal als Ort der Spiritualität, des sozialen Engagements und des kulturellen Erbes pflegen und weiterentwickeln.» Danke vielmals, und Vergelt’s Gott – liebe Kapuzinergemeinschaft von Olten – für alles, was Ihr im Namen des liebenden Gottes Gutes getan habt!
*Die Theologin Tatjana Disteli ist Generalsekretärin der Katholischen Kirche im Aargau und engagiert sich auf verschiedenen Ebenen im synodalen Prozess der katholischen Kirche.
Serie: Oltner nehmen Abschied von ihren Kapuzinern
24.01. Pedro Lenz: «Ich werde jeden einzelnen Kapuziner vermissen, wenn sie nicht mehr da sind»
25.01. Werner de Schepper: «Das Kloster war eine Oase mitten in der Stadt»
26.01. Tatjana Disteli: «Das Kloster Olten ist ein Mahnmal der Freundlichkeit und Nächstenliebe»
27.01. Roger Lang: «Ein unvorstellbarer Verlust, dass das Kloster Olten ohne die Kapuziner sein wird»
28.01. Martin Wey: «Kapuzinerkloster Olten – der Kraftort unserer Stadt!»
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