Schwarzes Schaf und weisse Schafe.
Radiopredigt

Tania Oldenhage: Kein Herr und kein Hirte  

Radiopredigerin Tania Oldenhage spricht über einen ungeliebten Psalm: «Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.» Eigentlich war sie fertig mit Herren und Hirten, bis sie eine Entdeckung machte: Da gibt es einen Bruch mitten im Psalm – der Hirten-Herr bleibt zurück.

Tania Oldenhage*

Der Herr ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl

und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Ich wollte kein Schaf sein

Wenn ich ehrlich bin: Ich hab ihn nie sehr gern gehabt, diesen dreiundzwanzigsten Psalm. «Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…» Etwas störte mich, schon als Kind hatte ich Mühe. Ich denke, es lag an der Bilderwelt, in die der Psalm uns führt: «Der Herr ist mein Hirte…» Hirten waren für mich fremde Wesen. Mit eigenen Augen gesehen hatte ich einen Hirten erst ein, zwei Mal. Als 10-Jährige sass ich hinten im Auto und schaute aus dem Fenster und sah eine Schafherde auf dem Feld und davor einen bulligen Kerl, der schaute zu mir herüber, mit wildem Blick wie mir schien. Ich weiss noch, ich dachte: So also sieht ein Hirte aus. Oh nein, ich wollte keinen Hirten, der mich auf rechter Strasse führt. Ich wollte auch definitiv kein Schaf sein auf grüner Au. Ich war ein Stadtkind, ich wollte raus in die Welt.

Schaf
Schaf

Stecken und Stab im Rücken

Im Religionsunterricht ging der Lehrer davon aus, der Psalm eigne sich besonders gut für die Arbeit mit Jugendlichen. Wir lernten ihn auswendig und sprachen ihn oft gemeinsam, was mir manchmal fast körperliche Beschwerden bereitete: dein Stecken und Stab, sie trösten angeblich. Doch ich fühlte den Hirtenstab jedes Mal unangenehm im Rücken.

Ein Stück Weltliteratur

So kann es gehen! Da ist er, der berühmteste Psalm der Bibel, Psalm 23: Ein Stück Weltliteratur mit wunderschönen Satzmelodien und tröstenden Bildern über die Fürsorge Gottes. Und doch berührten sie nicht mein Herz. Nicht nur mit dem Hirten hatte ich Mühe. Bereits das allererste Wort bereitete mir Schwierigkeiten. Der Herr ist mein Hirte. Der «Herr», so ein starrer Begriff, dieses alte Wort für Gott, so streng für mein Empfinden: ein Herr. Mein Lehrer war ein Herr und auch der Herr Pfarrer, der Herr Bankdirektor und der Herr Stadtpräsident.  

Faksimile der Gutenberg-Bibel
Faksimile der Gutenberg-Bibel

Fertig mit Hirten und Herren

Manchmal muss man eine Pause machen. Und vielleicht gilt das auch für diesen Psalm. Jahre vergingen, in denen er mich in Ruhe liess, der Psalm. Jahren, in denen ich ihn nicht anrührte und es gab auch niemanden, der mich zwang, ihn zu lesen. Hätte man mich damals gefragt, hätte ich auch nicht von einer Pause gesprochen, denn für mich war es ein Abschied. Ich war fertig sowohl mit dem Hirten als auch mit dem Herrn.   

Erquicklich!

Nur ganz selten kam er mir wieder in den Sinn, dieser Psalm, auf Umwegen. Ich hatte eine Freundin, wenn es ihr gut ging, lehnte sie sich zurück in ihrem Liegestuhl, streckte die Arme in den Himmel und seufzte: Ach, ist das erquicklich! «Erquicklich», so ein merkwürdiges lustiges Wort, dachte ich. Woher nur kannte ich es? Dann fiel es mir ein, es war die Lutherbibel, Psalm 23: Er erquicket meine Seele. Das fand ich schön irgendwie, und wenn ich am Ende eines heissen Sommertags in den See tauchte, ging mir der Bibelvers durch den Kopf: «Er erquicket meine Seele…».

Der Psalm im Dreivierteltakt

So klopfte der Psalm ab und zu an mein Herz. Dann, einmal, Jahrzehnte später, war ich in einer grossen Aula in den USA, mit vielen Menschen, es war die Abschlussfeier an einer theologischen Schule. Am Schluss wurde gesungen, ein Lied in F-Dur und im Dreivierteltakt, eine beschwingte, liebliche Melodie mit altertümlichen Worten, die ich nicht gleich erkannte: «The Lord’s my Shepherd, I’ll not want…». Es war Psalm 23 auf Englisch, gesungen von Duzenden von jungen Menschen. Sie alle standen am Anfang einer ungewissen Zukunft, mitten in einer prekären Welt, und sangen zusammen den Psalm. Diesem Zauber konnte ich mich nicht entziehen. Ich sang mit. Und ja, ich muss zugegeben, ich freute mich, als ich Jahre später dieselbe Melodie wieder fand, im reformierten Gesangbuch der Schweiz. Da ist er ja wieder, der Psalm, nicht starr und streng, sondern im lieblichen Dreivierteltakt, nach dem Schottischen Psalter, und doch auf Deutsch: Der Herr, mein Hirte führet mich.

Die Geduld des Psalms

Psalm 23 war geduldig mit mir. Er zwang sich mir nicht auf. Er liess mich über weite Strecken in Ruhe. Nur manchmal, ganz sachte erinnerte er mich daran, dass es ihn gab, an der Konfirmation einer Nichte, auf dem Friedhof am Grab. Oft war ich es, die den Psalm las, weil er gewünscht wurde von Angehörigen, ich war ja nun selbst Frau Pfarrer, und so kam es, dass ich immer wieder in den Text eintauchte.

Tania Oldenhage
Tania Oldenhage

Da gibt es ein Du

Und einmal, als ich am Grab stand und den Psalm las, fiel mir etwas auf, etwas Formales auf den ersten Blick: Da war ein Bruch mitten im Psalm, ein Unterbruch in der Grammatik. Das klingt jetzt etwas trocken, aber es liess mich aufhorchen: Der Wechsel von der dritten zur zweiten Person. Psalm 23 beginnt in der dritten Person:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln, er weidet mich auf einer grünen Aue. Der Psalmist spricht am Anfang des Psalms nicht zu Gott, sondern über Gott, Gott ist ein Herr, ein Er, der etwas macht: Er erquicket meine Seele; Er führet mich auf rechter Strasse. Doch das ändert sich. Im 4. Vers wird aus dem «er» ein «du»:       

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal

Fürchte ich kein Unglück

Denn du bist bei mir

Du bereitest vor mir einen Tisch

Du salbst mein Haupt mit Öl

Kein Herr und auch kein Hirte, sondern ein Du. Kann es sein, dass hier jemand spricht, der selbst einen langen Weg mit Gott gegangen ist?

Erfahrungsgetränkt…

Der Wechsel vom Er zum Du scheint auf den ersten Blick unwichtig, doch liegen für mein Empfinden Welten zwischen den Versen, zwischen der Wirkung, die sie auf mich haben: Aus einem theologischen Satz wird ein Gebet. Als hätte da jemand über Gott gesprochen, ja, was man eben so sagt über Gott, was einer beigebracht wurde, ein wenig steif, ein wenig streng. Doch dann wird die Theologie zum Gebet, erfahrungsgetränkt. Und für mich klingt es so, als spräche da jemand mitten aus einem langen reichen Leben heraus.

…mit den Erfahrungen des Lebens

Und ich frage mich: Wie viel Zeit liegt wohl zwischen den Versen? Im Gottesdienst sprechen wir den Psalm meistens in einem durch, aber kann es nicht sein, dass da eine Pause war, dass da jemand so wie ich eine Pause gemacht hat mit Gott und mit dem Psalm? Und Jahre, Jahrzehnte später kam er oder sie wieder zurück auf diesen Psalm. Mit den Erfahrungen eines langen Lebens nahm der Psalmist den Faden wieder auf, neu und anders. Und aus dem Hirten-Herrn wurde ein Du, ein Gegenüber, auch im finsteren Tal, auch im Angesicht der Feinde.

Zum Du hin

Und so ging auch für mich die Pause zu Ende. Und mit der Zeit habe ich den Psalm in mein Herz geschlossen und spreche und singe ihn gern jedes Mal – in der Hoffnung, dass auch ich einmal, irgendwann, den Wechsel machen kann, von der Theologie, von der Rede überGott hin zum Gebet, den Sprung vom Er zum Du. Kein Er, kein Hirte, kein Herr, kein Kerl, der von oben auf mich hinunterschaut, sondern Du, Gott, Grund meines Lebens.

*Tania Oldenhage ist evangelisch-reformierte Pfarrerin in Zürich.

Bibelstelle: Psalm 23

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Schwarzes Schaf und weisse Schafe. | © Raphael Rauch
1. September 2024 | 11:00
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