Rose
Radiopredigt

Andrea Meier: Zwischen Krieg, Affenpocken und Wahlkrimi

Wie vielen erschwert die Hitze dieser Tage auch Radiopredigerin Andrea Meier die Arbeit, die Gedanken und die Bewegungen. Eine mehr zufällige Nachricht lässt Andrea Meier inmitten der Trägheit einen anderen Blick auf die heisse Jahreszeit werfen.

Andrea Meier*

Es ist Sommer. Mit nackten Füssen sitze ich im verdunkelten Büro. Alles ist heute ein bisschen langsamer – meine Bewegungen und meine Gedanken – es ist heiss. Und obwohl alle schwitzen und keuchen unter der Hitze – die Welt bleibt nicht stehen. Das Telefon klingelt und auch das Email-Postfach meldet sich immer mal wieder mit seinem typischen «bling»: eine neue Nachricht. Die letzten Infos zu einer Tagung im Oktober – ich glaube ich habe mich nicht mal angemeldet… Rasch überfliege ich die Zeilen. Ilka Sobottke, eine Kollegin aus der Citykirche in Mannheim, hat das Email in ihrer gewohnt warmen Art verfasst. Ich scrolle durch die Infos und dann bleibt mein Blick ganz unten an der Nachricht hängen. Wie manchmal eine getrocknete Blüte oder ein kleines Bildchen einem Brief beiliegt, steht da unten ein Text mit dem Titel «Rosenpsalm».

Rose
Rose

Mitten in der Stadt bleibe ich stehen, ein Duft weht mich an und dann Farben: ein Rosenbeet!

Mein Herz weitet sich und in mir fängt es an zu singen: Gott du schenkst den Sommer. Ich will dich loben für das Blau der Kornblume und das Gelborange der Ringelblumen, das wilde Durcheinander der Farben auf den Wiesen, für den Duft der Wicken und Linden und der Rosen. Ich will dich loben für den Ruf der Mauersegler und den jauchzenden Flug der Schwalben in Häuserschluchten, für den warmen Regen im Gewitter und den Regenbogen und die tobenden Kinder.

Die Herzen der Traurigen erfüllst du mit dem Gesang der Amsel.

Ich will dich loben für die Strahlen der Sonne, ihre Wärme, die bis ins Herz reicht.

Die Seele spannst du weit aus mit dem leuchtenden Blau des Morgens.

Ich will dich loben für den fruchtigherben Geschmack des Weißweins am Abend, für die Freunde, die draußen sitzen unter deinem Himmel. Ein Opal!

Und Licht ist da, soviel Licht und Rosen. Ich will dich loben für die Kinder, die nicht schlafen wollen, weil noch immer Tag ist.

Will dich loben Gott für das Leben draußen auf den Plätzen und den Straßen, die Begegnungen mitten in der Stadt, das Plaudern an jeder Ecke und auf den Balkonen und für die Rosen. Ich will dich loben Gott für den Sommer, mich einhüllen in Wärme, mich erfüllen lassen von deiner Freundlichkeit, die aller Welt gilt Armen und Reichen, Kleinen und Großen, alten Damen und Babys, Verliebten Schmetterlingen, schnellen Falken und scheuen Kaninchen, Stadt und Land.

Ich will dich loben für die weiche Haut der Pfirsiche, die Süße der Kirschen und Aprikosen, für das Rot der Himbeeren und für die Rosen.

Ein Lob dem Sommer

Und so wie sich Ilka in dem Text verzaubern lässt vom Duft und der Farbe der Rosen, so verzaubert sie mich mit diesem Text. Ich will dich loben Gott für den Sommer! Während ich schwitzend im Büro sitze, schafft es der «Rosenpsalm» von Ilka Sobottke mich in Kontakt zu bringen mit der anderen, der wunderbaren Seite dieser Jahreszeit. So wie sie sich vom Rosenbeet hat ablenken lassen, lasse ich mich ablenken von dieser wunderbaren Überraschung in einer eigentlich recht trockenen Email. Es ist nur ein kleiner Moment – ich kopiere den Text, schicke ihn ein bisschen rum und wünsche einen schönen Sommer. Der Gruss, der mich berührt hat, soll auch andere erfreuen. Und so kommt es, dass ich mitten in diesen drückend heissen Sommertagen, zwischen Olympiafieber, Kriegsnachrichten, Affenpocken und Wahlkrimi in den USA einen Lobpsalm herumschicke.

Achtung vor der Schöpfung
Achtung vor der Schöpfung

Ich will dich loben für das Blau der Kornblume

Ich will dich loben für den Ruf der Mauersegler

Ich will dich loben für die Strahlen der Sonne

will dich loben für die Kinder, die nicht schlafen wollen

Will dich loben Gott für das Leben draußen auf den Plätzen und den Straßen

Ich will dich loben für die weiche Haut der Pfirsiche

Laudato si

Und es steigt ein Bild in mir auf – wir alle unter dem Sternenhimmel im Sommerlager – Gitarre, Rauchgeruch, das Flackern in den Augen und den Herzen: «Laudato si – o mi Signore, Laudato si – o mi Signore…» Der Sonnengesang von Franz von Assisi. Ein grosses Lob der Schöpfung von dem Heiligen, der der Legende nach im Wald den Vögeln gepredigt hat und den Wolf seinen Bruder nannte. Ein Lied, das einen unendlich warmen Blick auf die Welt wirft. «Ich will dich loben Gott für den Sommer, mich einhüllen in Wärme, mich erfüllen lassen von deiner Freundlichkeit, die aller Welt gilt»

Der Heilige Franz von Assisi.
Der Heilige Franz von Assisi.

«Ich will loben»

Mein Vater hat einen kleinen Anstecker mit dem Text «Lob tut gut». Ich habe ihn immer so gelesen, dass wir einander mehr loben sollten: nicht nur nörgeln und korrigieren, sondern auch dann eine Bemerkung machen, wenn etwas besonders gut gelungen ist. Und sicher ist das richtig, aber tut es vielleicht auch gut, denke ich jetzt, Lob auch mal einfach in den Himmel zu schicken? Und ja, es ist nicht ganz so einfach, wenn man anfängt die Sache zu Ende zu denken… Schöpfung, Gottes eingreifen in die Welt, die Freiheit des Menschen – ganze Bibliotheken sind gefüllt mit Fragen und Antwortmöglichkeiten zu diesen grossen Themen. Aber lohnt es sich, mich davon abschrecken zu lassen? Muss ich mich verstricken in die Frage danach, was genau Gott mit der samtigen Pfirsichhaut oder den aufgekratzten Kindern zu tun hat? Oder reicht es heute vielleicht, einzustimmen in das Loblied, auch wenn ganz viele Fragen offen bleiben. Weil Lob gut tut. Weil es mir hilft den Blick auf das zu richten, was gut läuft, was schön ist und Freude macht.

Andrea Meier ist römisch-katholische Radiopredigerin.
Andrea Meier ist römisch-katholische Radiopredigerin.

Gelobt werden

In diesen Wochen starten ganz viele Kindergärtler und Erstklässlerinnen ihre Schulkarriere. Junge Menschen gehen zum ersten Mal ins Gymnasium, die Lehre und in ein paar Wochen auch an die Uni. Ich wünsche mir, dass sie dort erleben, wie gut es tut, gelobt zu werden. Dass sie von Lehrpersonen, Eltern und Mitschüler:innen Feedbacks bekommen, die sie aufstellen, stolz machen und freuen. Und doch ist es unvermeidlich, dass Dinge schief laufen – dass Kinder streiten oder sich gar prügeln auf dem Schulweg, Lehren abgebrochen und Prüfungen total vermasselt werden. Es gibt Zeiten mit wenig Anlass zum Loben. Vielleicht hat mich gerade deshalb der Rosenpsalm diesen Sommer so berührt. Weil vieles grad nicht so läuft, dass ich es loben würde und der Text mich daran erinnert, was es doch alles zu loben gibt. Weisswein mit Freunden – funkelnder Himmel. Warmen Regen – verliebte Schmetterlinge. Das wilde Durcheinander der Farben auf den Wiesen. Wicken und Linden – und Rosen.

*Andrea Meier ist römisch-katholische Theologin und arbeitet in Bern.

Bibelstelle: Psalm 104

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Rose | © Sibylle Hardegger
18. August 2024 | 11:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
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