Susanne Cappus, christ-katholische Radiopredigerin
Radiopredigt

Susanne Cappus: Eine Geling-Garantie fürs Leben?

Radiopredigerin Susanne Cappus macht sich Gedanken über das Gelingen. Was das alte Rezept des «Gin and Lime Cake» von 1945 mit Psalm 139 zu tun hat, erzählt Sie in ihrer Predigt. Ebenso schlägt sie die Brücke von 24 Köpfen und 50 Öfen zu Psalm 26.

Susanne Cappus*

«Da ist der Umluftschalter, die Temperatur kannst du hier regeln, und wenn du diesen Knopf drückst, geht im Ofen das Licht an.» Mein Nachbar erklärt mir gerade seinen Backofen, weil meiner ausgestiegen ist. Mit meiner randvollen Cakeform stehe ich in seiner Küche und höre zu. «Also, wieviel Grad und welche Zeitdauer stehen in deinem Rezept, dann geben wir das doch gleich mal ein», beendet er seine Ausführungen. Etwas verlegen schaue ich ihn an. «Also, im Rezept steht da nichts.»

Das Rezept ist nämlich von 1945, aus dem Schulkochbuch meiner Mutter, und dort stehen weder Temperatur noch Zeitangaben drin. Eigentlich ist es auch nur ein Grundrezept, den Rest habe ich selbst dazugefügt, drei Esslöffel Gin, dazu Saft von zwei Limetten und geriebene Limettenschale. Ich möchte nämlich einen Kuchen nachbauen, der mir in Irland so geschmeckt hat, «Gin and Lime Cake». Ich erkläre das meinem Nachbarn und füge hinzu: «Dieses Grundrezept funktioniert eigentlich immer gut mit 180 Grad. Und wenn ich die Stricknadelprobe mache, weiss ich, wann der Kuchen durchgebacken ist.»

24 Köpfe, 50 Öfen, gelingsicher

Mein Nachbar schaut mich und die Cakeform freundlich an. «Das entspricht nicht gerade der Geling-Garantie», meint er. Und er erläutert mir, dass ein bekannter Backzutatenhersteller eine riesige Halle betreibt, in der sämtliche Rezepte in verschiedenen Öfen geprüft werden. Erst dann verlassen sie das Haus mit einer Geling-Garantie. Ich bin fasziniert, eine Geling-Garantie! Ich lese das im Internet nach. 1891 hat die Frau des Gründers der Backfirma diese Versuchsküche ins Leben gerufen. «24 Köpfe, 50 Öfen, unendlich viele Ideen» steht da. Und die Leiterin der Versuchsküche erklärt: «Erst wenn Produkte und Rezepte auf Herz und Nieren getestet sind, gelten sie als gelingsicher.»

Susanne Cappus, christ-katholische Diakonin
Susanne Cappus, christ-katholische Diakonin

Herz und Niere

«Auf Herz und Nieren prüfen», dieser Ausdruck stammt aus der Bibel. Er kommt dort an mehreren Stellen vor. So heisst es zum Beispiel in Psalm 26, Vers 2: «Prüfe mich, Herr, und erprobe mich, erforsche mir Nieren und Herz!»

Was ist damit genau gemeint? Weshalb Herz und Nieren und nicht etwa Milz und Leber? Die Nieren waren im Judentum Sitz der innersten Gefühle und des Gewissens. Der Bauchraum wurde nämlich mit seelischen und ethischen Regungen in Verbindung gebracht. Das Herz hingegen stand für Willen, für Denken, Emotionen und Verstand, kurz für Bewusstsein. Wenn nun Gott im Psalm 26 Herz und Nieren der Menschen erforscht, dann ist damit gemeint, dass Gott alles, aber wirklich alles am Menschen ansieht. Dieses umfassende Konzept übernimmt nun unser Backzutatenhersteller. Nur bei einer Prüfung auf Herz und Nieren, mit 50 Öfen, kann die Geling-Garantie für ein Rezept ausgestellt werden.

Sehnsucht nach einer Geling-Garantie

Mich ergreift da schon eine gewisse Sehnsucht. Wenn es so eine Geling-Garantie auch fürs Leben gäbe? Wenn ich Entscheidungen oder ein neues Projekt mit einem Standardverfahren so auf Herz und Nieren prüfen könnte, dass Gelingen garantiert wäre? Beruhigend wäre das schon. Aber, will ich das wirklich? Besteht da nicht die Gefahr, dass das Leben gar nicht mehr nach Lebendigkeit schmeckt, wenn Risiko und Scheitern völlig ausgeschlossen sind? Für einen Kuchen mag es angehen, wenn er von Palermo bis Hamburg gleich schmeckt, aber für das Leben? Das ist doch individuell, ganz persönlich, mein Leben eben. Dann also schon lieber ohne Geling-Garantie.

Kuchen
Kuchen

Gottes Interesse für den ganzen Menschen

Ich lese die Stellen mit «Herz und Nieren» in den Psalmen nochmals: «Prüfe mich, Herr, und erprobe mich, erforsche mir Nieren und Herz!» heisst es in Psalm 26 und, «der du die Herzen und Nieren prüfst» in Psalm 7. Es geht hier nach biblisch-jüdischem Verständnis also um den ganzen Menschen, mit Verstand, Gefühlen, Absichten, Gewissen und Bewusstsein. Gott interessiert sich für alles. Es geht nicht um eine Sicherheitsprüfung Gottes, bei der man entweder auf der Strecke bleibt oder mit einer Geling-Garantie versehen wird.

Es geht um innige Beziehung

Wenn Gott Herz und Nieren der Menschen erforscht, heisst das nichts anderes, als dass er uns durch und durch kennen lernen möchte, und zwar um uns ganz nahe zu sein. Das wird in Psalm 139 beschrieben. Psalm 139 drückt dieses Interesse am Menschen und die damit verbundene Nähe Gottes so schön aus, dass er zu Recht zur Weltliteratur gehört. Da heisst es: «Herr, du hast mich erforscht, und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weisst es, du verstehst meine Gedanken von fern. Stiege ich hinauf zum Himmel, du bist dort, und schlüge ich mein Lager auf im Totenreich, sieh, du bist da. Nähme ich die Flügel der Morgenröte und liesse mich nieder am äussersten Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich fassen. Denn Du bist es, der meine Nieren geschaffen, der mich im Leib meiner Mutter gewoben hat.»

Näher geht es nicht. Und die Botschaft ist klar. Es geht bei Gott nicht um ein Testverfahren, es geht nicht um Leistung und es geht auch nicht um Gelingen. Im Mittelpunkt steht die vertrauensvolle und innige Beziehung zwischen Gott und Mensch. Das ist die Grundlage des Lebens. Das allein zählt. Und das trägt.

Den Sprung ins Ungewisse wagen

Für das Leben gibt es keine Geling-Garantie. Und manche Zeiten im Leben können ganz schön schmerzhaft sein. Was uns dann tragen kann, ist ein Gott, der uns ganz kennt und unserem Herzen nahe ist. Ein Gott, der uns auch in dunklen Stunden Zuversicht, Wärme und Hoffnung schenken kann.

In diesem Vertrauen darf ich zwar meine Entscheidungen und Projekte sorgsam erwägen, aber auch darauf vertrauen, dass sie gelingen oder dass ein Scheitern nicht das Ende wäre. Ich kann den Sprung ins Ungewisse wagen, weil die Kraft Gottes mich trägt. Und, vielleicht wage ich das Leben auch, weil es eben nicht wie ein Kuchen mit Geling-Garantie immer gleich schmeckt, sondern ganz individuell ist, aufregend, spannend, schmerzhaft und wunderschön.

Sprung ins kalte Wasser
Sprung ins kalte Wasser

Limettencake und Predigt

Liebe Hörerin, lieber Hörer, mein «Gin and Lime Cake» ist trotz mangelnder Rezeptangaben gut herausgekommen. Und ja, ich gebe zu, ich habe dann noch mehrere Varianten ausprobiert, um wirklich sicher zu gehen, dass der Kuchen nicht doch noch hätte besser sein können. War er nicht, und deshalb bin ich bei der ersten Version geblieben. Sie finden das Rezept im Internet unter www.radiopredigt.ch. Die Predigt natürlich auch. Einfach ohne Geling-Garantie.

*Susanne Cappus ist christ-katholische Diakonin und arbeitet in Dornach SO.

Bibelstellen: Ps 26,2 ; Ps 7,10, Ps 139

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Susanne Cappus, christ-katholische Radiopredigerin | © Sibylle Hardegger
10. November 2024 | 11:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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