Tania Oldenhage: Rätselhaftes in der Bibel
Einer der wichtigsten reformatorischen Impulse war die These von der Klarheit der Bibel. Damit ist gemeint, dass das Wort Gottes sich selbst lehrt und die Menschen keine besondere Vorbildung oder Spezialbildung brauchen, um es zu verstehen. Und doch bleiben für Radiopredigerin Tania Oldenhage besondere Jesusworte bis heute rätselhaft.
Tania Oldenhage*
Wenn Hochwasser ist, gibt es in Glattfelden am Rhein ein Spektakel zu sehen: Gewaltige Mengen an Treibholz werden mit den Wassermassen durch die Schleusen vom Kraftwerk gejagt. Schon von weitem sieht man sie kommen – riesige Äste, Büsche, ganze Baumstämme – wie sie langsam und dann immer schneller den Fluss runtertreiben, der Schleuse entgegen, und dann durch die Schleuse viele Meter in die Tiefe stürzen. Manchmal steh ich dort und schau mir das Ganze an. Die Hölzer – denk ich dann – sind wie wir Menschen: Wir treiben mit dem Strom und haben keine Wahl, als mitzuschwimmen, immer schneller und immer in die gleiche Richtung. Termine, Deadlines, Emails, Wäscheberge – immer weiter geht es, ob wir wollen oder nicht.
Die Klarheit der Bibel
Die Natur liefert seit jeher Bilder für das menschliche Leben. Ich schau auf den Fluss, übers Meer, auf die Berge, in den Herbstwald und mach mir meine Gedanken – schwermütig oder heiter zieh ich meine Schlüsse. Auch die Evangelien sind voller Naturbilder: Die Lilien auf dem Feld, ein Sturm, ein Baum, der keine Frucht bringt, der Samen, das Senfkorn. Diese Bildworte haben eine spannende Auslegungsgeschichte: Lange Zeit hat man sie behandelt so, als seien sie dunkle, schwierige Rätsel, schwer zu verstehen und nur mühsam zu entschlüsseln. Mit der Reformation vor 500 Jahren ist diese Annahme langsam in Frage gestellt worden. Das Gotteswort ist klar. Schlicht und einfach verständlich. Wir müssen uns dem biblischen Text nur öffnen, so wie wir uns einem Naturspektakel öffnen, dann verstehen wir ihn auch.
Die These von der Klarheit der Bibel war einer der wichtigsten reformatorischen Impulse. Schon Ulrich Zwingli war der Meinung: Wir haben von Gott alles bekommen, um sein Wort zu verstehen. Es braucht weder Vorbildung noch sonst irgendwelches Spezialwissen. Das Gotteswort, sagte Zwingli, lehrt sich selbst und tut sich selbst auf. Und so lesen und hören wir die Bibel, haben gelernt, wie man aus Gleichnissen klare Botschaften zieht, wissen, was sie bedeuten, verstehen ihre Pointen, und manchmal sind die Pointen so klar, dass wir gar nicht mehr richtig zuhören, so eindeutig und selbstverständlich, so belanglos manchmal auch sind die biblischen Bilder geworden.
Der Maulbeerbaum
Umso dankbarer und auf erfrischende Art verwirrt bin ich über das rätselhafte Naturbild, das mir heute am Reformationstag aus dem Lukasevangelium zu gespült wird: «Stärke uns den Glauben,» bitten die Apostelinnen und Apostel. Daraufhin erzählt Jesus ein sonderbares kleines Gleichnis über einen Maulbeerbaum: «Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkörnchen, dann würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und pflanze dich im Meer wieder ein – und er würde euch gehorchen.» Dieses Bildwort ist alles andere als klar, mich jedenfalls bringt es ohne Umschweife ins Grübeln. Ein Maulbeerbaum reisst sich samt seiner Wurzeln aus der Erde, kommt vom Land zum Meer – keine Ahnung wie – und pflanzt sich dann – im Meer – mit den Wurzeln wieder in die Erde ein? Maulbeerbäume sind gross. Ihre Wurzeln stecken ganz besonders tief in der Erde. Kein Mensch kann sie ausreissen. Und selbst wenn ein gewaltiges Unwetter den Maulbeerbaum entwurzeln sollte, und dieser Baum dann mit dem Strom bis ans Meer gespült würde – der Baum wäre wohl nichts weiter als Treibholz. Irgendwann läge er angespült am Strand und würde langsam verfallen.
Vielleicht wollte Jesus seine Zuhörerinnen auf den Arm nehmen? Vielleicht ist das Ganze eine Parodie? Stärke uns den Glauben, hatten die Apostel gebeten – vielleicht ist Jesus so genervt von der Bitte, dass er ihnen ein ganz besonders absurdes Gleichnis an den Kopf wirft? Oder liegt in diesem Gleichnis vielleicht doch eine Erfahrung, die es aus dem Verborgenen ans Licht zu holen gilt?
Entwurzelung
Die Gemeinde des Lukasevangeliums wusste, was es heisst, entwurzelt zu werden. Das sagt uns die Sozialgeschichte: Die römischen Eroberungskriege im ersten Jahrhundert hatten grosse Teile der Bevölkerung vertrieben. Von Judäa waren Tausende in die Städte im Norden geflohen, andere wurden gewaltsam in ferne Provinzen gebracht und fanden sich dort wieder – wie entwurzelte Bäume. Wie Treibholz am Strand. Für diese Menschen war nicht klar, ob und wie es weiter gehen würde. Bis heute ist es erstaunlich und nicht so einfach zu erklären, dass sich in diesen Gemeinschaften entwurzelter Menschen neue Formen des religiösen Lebens herausbilden konnten.
Kirche wie Treibholz im Wasser
Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkörnchen, dann würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und pflanze dich im Meer wieder ein. In diesem merkwürdigen Bild klingt vielleicht tatsächlich eine geschichtliche Erfahrung an: eine Gemeinschaft wächst seit langer Zeit fest verwurzelt auf einem kleinen Fleck Erde und wird plötzlich samt seiner Wurzeln aus der Erde gerissen, in eine fremde Umgebung getrieben und pflanzt sich dort – wider aller Erwartung – neu an. Ich lese diese Verse heute am Reformationssonntag 2024. Entwurzelt bin ich nicht, aber ich spüre die Strömung um mich herum. Meine Kirche ist am Schwimmen. Und das Tempo zieht an: Mitgliederverlust, Pfarrerinnenmangel, Ressourcenknappheit, Umnutzungen, Relevanzverlust, die Strömung wird stärker, da zieht sie dahin, meine Kirche, mit all ihren Ästen und Blättern, Glaubenssätzen, Bibelworten – wie Treibholz im Wasser.
Rätselhaftes Jesuswort
Wieviel Glauben braucht es, damit ein Maulbeerbaum im weiten Meer unserer Zeit wieder Wurzeln schlägt? So viel, sagt Jesus. Ein winziges Stück, klein wie ein Senfkorn. Stärke uns den Glauben? Er ist schon stark genug, sagt Jesus zu Menschen, die vor einer grossen Aufgabe stehen. So ungefähr könnte man den heutigen Predigttext verstehen: als Ermutigung. Sicher bin ich nicht. Das Jesuswort bleibt rätselhaft. Und vielleicht haben Sie, liebe Zuhörerin, lieber Zuhörer, ganz andere Ideen, wie das Rätsel zu lösen ist. Die angebliche Klarheit der Bibel, die von der reformatorischen Theologie so engagiert betont wurde, hat jedenfalls ihre Grenzen. Und vielleicht braucht es in unserer Zeit ganz im Gegenteil einen neuen Blick für das Anspruchsvolle mancher Bibeltexte. Vielleicht sollten wir dem Wort Gottes wieder etwas Kompliziertheit zugestehen und die scheinbar klaren Bildworte und Gleichnisse Jesu als Herausforderungen würdigen.
Das Lusten des Verstandes
Übrigens kam schon Ulrich Zwingli, als er im Sommer 1522 über die Klarheit des Wortes predigte, ins Stolpern. Das Wort Gottes ist klar, sagte er. Nur die Bildworte in den Evangelien, die seien oft sehr rätselhaft. Zwingli hat sich das dann so erklärt: Das Dunkle, Geheimnisvolle, Rätselhafte mancher Bibelworte kommt daher, dass Gott seine Meinung so kundtun wollte, dass wir Menschen uns diese auch wirklich zu Herzen nehmen und liebgewinnen. Ein Rätsel, so Zwingli, hat die Eigenschaft, dass es den Verstand des Menschen «lustet», und zum Nachdenken anreizt. Und je stärker uns das Bibelwort gereizt hat, je stärker wir uns bemüht haben zu erfahren, was darin verborgen sein könnte, desto wertvoller wird es uns.
Stromaufwärts ist möglich
So ist es mir ergangen: Ich hab das Wort vom Maulbeerbaum lieb gewonnen. Nicht weil es klar ist. Sondern weil es mich herausfordert. Ich trage es mit mir, es verändert meinen Blick, ändert die Bilder in meinem Kopf, die Schlüsse, die ich ziehe. Und wenn Hochwasser ist und ich am Rhein stehe und nachdenklich in die Wasserfluten schau, dann kann es passieren, dass zwischen dem Treibholz plötzlich ein paar Wasservögel zum Vorschein kommen. Und für einen kurzen Moment denk ich, oh nein, jetzt werden die armen Vögel auch gleich durch die Schleuse gejagt – aber natürlich passiert etwas ganz anderes. Die Vögel breiten einfach ihre Flügel aus und fliegen über dem Wasser ein Stück weit stromaufwärts. Ein paar Minuten später wiederholt sich das Schauspiel. Es kommt mir vor, als würden die Vögel mit der Gewalt des Wassers spielen. Als würden sie mir zurufen: Schau doch! Alles ist möglich!
*Tania Oldenhage ist evangelisch-reformierte Pfarrerin in Zürich.
Bibelstelle: Lukas 17,5-6
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