Susanne Cappus: Die Insel der Seligen
Sieben Jahre dauerte die Seefahrt des irischen Abt Brāndan und seiner Gefährten bis sie die «Insel der Seligen» erreichten. In ihrer Radiopredigt fragt Susanne Cappus, wo diese «Insel der Seligen» im Alltag zu finden ist. Sie findet sie in Alltagsmomenten und «All diesen Momenten ist eigen, dass tiefes Glück spürbar wird.»
Susanne Cappus*
Die irische See liegt glitzernd vor mir, azurblau, davor satte, grüne Weiden. Sie reichen bis ans Meer und, wie es sich für Irland gehört, grasen Schafe. Sie lassen sich von der Wanderin nicht stören. Vor mir liegt Brandon Bay. Hier heissen ganz viele Orte Brandon. Brandon Bay, also grosse Bucht von Brandon, oder Brandon Creek, das heisst: kleine Bucht von Brandon. Brandon Head ist die Landspitze von Brandon, Mount Brandon, der Berg Brandon und natürlich Brandon selbst, also das Dorf mit Brandon Pier, dem Hafen von Brandon.
Klostergründer und Seefahrer
Der Mann namens Brandon oder auch Brāndan, wie der Name auf irisch-gälisch lautet, wurde um 484 an der Westküste Irlands, in Tralee, geboren. Er war Abt und Priester und gründete Klöster in Irland und Schottland. Am bekanntesten ist Brāndan jedoch für seine legendäre Reise über den Atlantik.
Wie kam es dazu, dass aus Abt Brāndan «Brāndan der Seefahrer» wurde? Ein Freund von ihm erzählte Brāndan, dass er auf einer Schiffsreise über den Atlantik auf die Insel der Seligen gestossen sei. Diese Insel werde auch «Garten Eden» genannt. Man könne nicht beschreiben, wie herrlich und wunderbar es dort sei, ewiges Licht, das Paradies eben.
Reise zum Paradies
Brāndan ist fasziniert. Eine Reise zum Paradies, das ist es! Und so lässt er ein Holzschiff mit Weidegeflecht bauen. Es wird mit in Butter gegerbten Tierhäuten überspannt und mit Eichenrinde verstärkt. Als das Schiff fertig ist, sticht er mit einer kleinen Schar Mönche in See. So ein Schiff ist tatsächlich seetüchtig! Das Schiff von vor 1500 Jahren wurde nachgebaut.1970 segelte Tim Severin damit von Irland nach Neufundland. Brāndan aber wollte ja noch weiter als Neufundland, nämlich ins Paradies. Und da ist neben einem guten Schiff auch Ausdauer gefragt. Sieben Jahre sollte Brāndans Reise dauern. Die Reise von Brāndan und seiner Gefährten wird in der «Navigatio Sancti Brendani Abbatis» erzählt, auf Deutsch «Die Schiffsreise des Heiligen Abtes Brāndan». Diese Erzählung wurde lange später, im 9. Jahrhundert, aufgeschrieben ; sie steht in der Tradition von Seefahrergeschichten, wie die antike Odyssee oder die Abenteuerreisen des Sindbad.
Ahoi dem Kuriosen
Auf ihrer Fahrt steuern Brāndan und seine Mönche viele Inseln an. Unzählige Male erklingt der Ruf des Spähers im Mastkorb: «Land Ahoi!» oder in Brāndans Sprache, dem Irisch-Gälischen: «talamh romhainn!» Brāndan und seine Mönchscrew erleben spannende Abenteuer und begegnen Kuriosem. Auf einer Insel treffen sie etwa auf Schafe, die grösser sind als Ochsen. Auf einer anderen liegen nur etwas Sand und einige Holzstücke. Als die Mönche Feuer machen, bewegt sich die Insel. Das ist nämlich gar keine Insel. Die Mönche sind auf dem grössten aller Fische gelandet. Er heisst Jasconius. Die Mönche flüchten, kehren aber nach Jahren zu Jasconius zurück. Dann wird der Riesenfisch ihnen als Transportmittel zwischen den Inseln dienen, eine Art Tragflügelboot des Mittelalters sozusagen. Einen Vorgeschmack auf die Insel der Seligen erhalten die Seefahrer auf der Insel der Vögel. Das ist ein herrlicher Ort mit frischem Gras, Süsswasser und wunderschönen Vögeln. Diese Vögel singen Psalm 65 und schlagen dabei ihre Flügel. Brāndan und seine Mönche sind natürlich begeistert und beschliessen jedes Jahr dort Ostern zu feiern.
Ankunft im Licht
Nach sieben Jahren sind die Abenteurer weit westwärts gelangt und das Schiff fährt in eine grosse, dichte Dunkelheit hinein. Die Mönche können nicht einmal mehr die Hand vor Augen erkennen. Nichts lässt sich mehr steuern. Und dann, plötzlich, erscheint in überirdisch hellem Licht eine Bucht. Brāndan und seine Freunde sind auf der Insel der Seligen angelangt. Dort werden sie von einem jungen Mann willkommen geheissen. Er zeigt ihnen Teile der Insel. Das Land ist von Edelsteinen übersät und die Bäume tragen das ganze Jahr Früchte. Kein Schatten fällt je auf diese Insel, denn Gott selbst ist ihr Licht. Brāndan und seine Gefährten dürfen nicht die ganze Insel sehen und auch nur kurz verweilen. Tief beglückt von dem, was sie gesehen haben, reisen sie zurück in ihre Heimat.
Die Fahrt des Lebens
Die Schiffsreise von Brāndan und seinen Mönchen erinnert mich an das menschliche Leben, das ja oft einer Reise gleicht. Auch auf unserer Lebensfahrt gibt es Zeiten, in denen der Wind günstig in die Segel bläst und unser Schiff schwungvoll durch die See pflügt. Es gibt aber auch Zeiten, in denen das Schiff in Sturm gerät oder wir, wie die Mönche auf dem Riesenfisch, auf unsicherem Boden stehen. Auf der Fahrt des Lebens ist sogar manchen von uns tatsächlich ein kurzer Zwischenhalt auf der Insel der Seligen vergönnt. Ich erinnere mich da an einen Baufachmann, dem ich bei uns im Spital immer wieder begegne. Als wir uns einmal über unsere Berufe austauschten, sagte er mir, er brauche keine Seelsorge. Ein Nahtoderlebnis habe ihn das Leben und den Tod in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Angst kenne er nicht mehr. Wunderbar!
Überstrahlende Momente
Auch Jesus Christus und einige seiner Freunde erleben auf ihrer Reise nach Jerusalem einen Moment, der alles überstrahlt. Sie steigen auf einen hohen Berg und werden dort vom Göttlichen berührt. Wie Brāndan und seine Mönche dürfen auch sie nicht verweilen und müssen wieder in den Alltag hinuntersteigen. Diese Bibelerzählung hat sogar ein eigenes Fest. «Verklärung Christi» heisst es und ist am 6. August. In vielen christkatholischen und römisch-katholischen Kirchen wird es am heutigen Sonntag nachgefeiert.
Unsere «Insel der Seligen»
Liebe Hörerin, lieber Hörer, es muss nicht immer ein Nahtoderlebnis oder eine Entrückung auf einem Berg sein. Für die meisten von uns fällt der Abstecher auf die Insel der Seligen eine Nummer kleiner aus. Vielleicht ist das ein besonderer Moment des Austausches mit einem guten Freund, eine tiefe Ruhe im Gebet oder wie bei mir der wiederkehrende Traum von einer Bucht, einer Meeresbucht von wunderbarer Schönheit, an deren Strand die Menschen stehen, die mir vorausgegangen sind. Und, so sehr ich es im Traum auch versuche, dorthin gelangen kann ich nicht.
All diesen Momenten ist eigen, dass tiefes Glück spürbar wird. Sie sind zeitlich begrenzt, aber sie entlassen uns verwandelt wieder in den Alltag. Diese Momente geben uns Kraft, auf dem Ozean des Lebens vertrauensvoll die Segel zu setzen, in Stürmen den Kurs zu halten und dunkle, sternenlose Nächte auszuhalten. Und diese Momente sind verbunden mit der Gewissheit, dass wir am Ende unserer Lebensfahrt an einem wunderbaren Ort den Anker werfen dürfen.
Hoffentlich aber, dauert das noch etwas und so wünsche ich Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer: Möge Ihre Reise über den Ozean des Lebens von guten Winden getragen sein und vom Licht der Sonne begleitet. Möge jeder einzelne Tag für Sie ein Körnchen Glück bereithalten. Oder, wie es in einem irischen Segenswunsch heisst:
Mögen all Ihre Tage glücklich sein!In der Sprache von Brāndan, dem Seefahrer: A h-uile latha sona dhut’s gan latha dona idir!
*Susanne Cappus ist christ-katholische Diakonin und arbeitet als Spitalseelsorgerin in Dornach.
Bibelstellen: Mt 17,1-9; Lk 9,28-36; Offb 22,5; 1 Kor 2,9
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