Regula Knecht-Rüst
Radiopredigt

Regula Knecht-Rüst: «Jesus sieht hinter meine Fassade»

Die Radiopredigerin Regula Knecht-Rüst beobachtet bei einem Ausflug Menschen. «Jesus interessiert sich gerade nicht für die Oberfläche der Menschen – so wie es mir passierte dort am Rheinfall sitzend», sagt sie. Es sei gefährlich, Leute zu kommentieren. «Ich messe sie an meinen Werten.»

Regula Knecht-Rüst*

Sonntagnachmittag vor zwei Wochen: Es ist endlich wieder mal trockenes Wetter. Mein Mann und ich sind recht «dure» von der vollen Arbeitswoche. Wir haben kein Elan etwas Aufwändigeres zu organisieren und sitzen kurzentschlossen im Zug, unterwegs zum Rheinfall – der soll ja spektakulär sein, mit dem vielen Wasser.

So spazieren wir dann von Neuhausen an den Rhein runter, entlang des Flusses. Viele Leute sind unterwegs. Es werden immer mehr. Die Treppen runter müssen wir uns fast schon einreihen. Internationale Touristen, Familien, Hundespaziergängerinnen, Jugendliche, Senioren an Stöcken – man trifft sich – am Rheinfall. Müde und auch ein bisschen genervt über die vielen Leute, ziehen wir an ihnen vorbei und suchen uns ein Bänkli. Sehr erholsam – diese Menschenmassen!

Schweiz, Rheinfall bei Schaffhausen, Neuhausen, Regenbogen ueber der Gischt. Switzerland, Rhine Falls near Schaffhausen, Neuhausen, rainbow over the spray. (KEYSTONE/MAURITIUS IMAGES/Catharina Lux)
Schweiz, Rheinfall bei Schaffhausen, Neuhausen, Regenbogen ueber der Gischt. Switzerland, Rhine Falls near Schaffhausen, Neuhausen, rainbow over the spray. (KEYSTONE/MAURITIUS IMAGES/Catharina Lux)

Da sitzen wir nun – mit direkter Sicht auf den Rheinfall. Nah am Wasser, zwischen uns ist nur noch ein Fussweg, der übervoll ist mit Menschen. Vor uns tuckern Böötli, vollbeladen mit Touristen hin und her. Die Gischt des Wassers spritzt bis hoch in den Himmel hinauf. Das Bild ist eindrücklich. Aber was uns noch viel mehr fesselt, sind die vielen Menschen: Menschen aus aller Welt. Wortfetzen auf allerlei Sprachen. Natürlich habe ich nicht alle diese Menschen in meinen Gedanken abgespeichert, aber ein paar bleiben hängen.

Selfies und Rutschbahn

Da ist eine Mutter mit ihrer Tochter. Die Mutter trägt Hotpants und ein hautenges Top. Ich sehe mehr Haut als Stoff, das Bauchtäschli lässig quer über die Schultern gehängt. Die Tochter – geschätzt noch keine zehn Jahre alt – gibt dasselbe Bild, in klein. Mutter und Tochter zücken ihre Handys und die Selfie-Jagd vor den tosenden Wassermassen beginnt. Später gehen sie an uns vorbei.

Da entdeckt die Tochter die lange Rutschbahn auf dem Spielplatz. Sie jubelt. Ich freue mich mit. Fast bin ich erleichtert, dass sich dieses Kind freut über eine Rutschbahn und noch ein Kind sein darf. Eines das gerne rutscht und sich nicht ausschliesslich mit Selfies, Aussehen und Kleidern beschäftigt.

Altes Ehepaar hinkt

Sie drückt ihr Handy der Mutter in die Hand und rennt los, aber plötzlich kehrt sie um und nimmt ihr Gerät trotzdem mit auf den Spielplatz. Ich habe mich zu früh gefreut. Für was braucht sie ihr Handy auf der Rutschbahn, überlegen wir? Muss sie filmen, wie sie runterrutscht? Von rechts kommt ein altes Ehepaar, er hinkt stark, sein Gang ist unsicher. Sie hält ihn an der Hand. Wenn er das Gleichgewicht verlieren würde, könnte sie ihn wirklich halten – so fein wie sie ist? Trotz ihren Beschwerlichkeiten sind sie heute draussen – zusammen am Rheinfall. Das berührt mich.

Schnitzel mit Pommes-Frites
Schnitzel mit Pommes-Frites

Von der anderen Seite kommen Eltern mit ihrem fast erwachsenen Kind, alle drei tragen T-Shirts mit Sprüchen auf Englisch aufgedruckt. In den Händen halten sie ein Süssgetränk. Sie gehen mühsam. Ihr eigenes Körpergewicht macht ihnen zu schaffen. Sie steuern die Pommes Frites Bude an. Es fällt mir schwer, nicht laut zu denken, dass ich einen Salat passender fände als fettige Pommes… oder hatte ich doch einen Kommentar abgegeben meinem Mann gegenüber? Ich weiss es nicht mehr. Dann: Eine betrunkene Frau bahnt sich ihren Weg durch die Menschen. Sie spricht vor sich hin. Ihre Kleider sind ungepflegt, das Gesicht aufgedunsen.

Weinendes Kind

Da erregt ein laut heulendes Kind unsere Aufmerksamkeit: ein Junge, vielleicht fünf Jahre alt. Sein Gesicht ist nass geweint, sein Mund weit aufgerissen – er sieht erschreckt aus. Eine Frau bringt den Jungen zu einem Mann, wahrscheinlich ist das der Vater. Dieser lächelt die Frau dankbar an.

Der Junge erzählt ihm immer noch schluchzend was passiert ist. Der Vater nickt, scheint aber mit seiner Aufmerksamkeit nicht wirklich bei seinem Sohn zu sein. Da kommt die Mutter. Sie setzt sich hin, zieht den Jungen auf ihren Schoss, und drückt ihn lange an sich. Endlich hört er auf zu weinen. Ich atme aus – erleichtert. So schön, wie sie ihn umarmt und ihm Sicherheit zurückgibt. Ein verlorenes und wieder gefundenes Kind muss man doch umarmen – sage ich zu meinem Mann. Aber wieso ist denn dafür die Mutter zuständig?

Was denkt Jesus?

Und so geht es weiter. Wir sitzen sicher eine halbe Stunde da, beobachten und kommentieren: Die Kleider, die Gangart, der Umgang mit den Kindern, ob die Hunde zum Besitzer passen, was die Leute essen… manche tun mir leid – bei anderen schüttle ich innerlich den Kopf – oder kann es mir eben nicht verkneifen meine Meinung mit meinem Mann zu teilen. Was denkt wohl Jesus über diese Menschen und was würde er über sie sagen, wäre er jetzt hier? Diese Fragen gehen uns plötzlich durch den Kopf.

Eine Jesus-Ikone
Eine Jesus-Ikone

Es ist gefährlich, Leute zu kommentieren – so schnell mache ich mir ein Urteil über sie, ohne ihre Hintergründe und Geschichten zu kennen: ich messe sie an meinen Werten. Zum Teil fühle ich mich besser. Oder ich ärgere mich: «Die sollten besser zuerst mal ihre Kinder erziehen, bevor die sich einen Hund anschaffen.» Oder ich vergleiche: «Boah, wenn ich so aussehen würde, diese Frau ist bildhübsch!» Auch Jesus beobachtete Menschen. Was dachte er wohl über sie? Im Matthäus Evangelium steht etwas davon: Als er die vielen Menschen sah, ergriff ihn das Mitleid, er wurde innerlich bewegt.

Jesus hat Mitleid

Jesus regt sich nicht auf. Er überhebt sich nicht. Er kommentiert auch nicht. Er hat Mitleid. Und das gilt heute noch genau gleich wie damals. Die Menschen lassen ihn nicht kalt. Der Zustand der Menschen beschäftigt und wühlt ihn auf. Mich lässt es auch nicht kalt, wenn ich Menschen beobachte. Ich werde dann oft emotional. Aber die Frage ist: sind diese Emotionen, die ich habe, auch hilfreich? Sind die Gedanken, die ich mir mache, zu ihrem Besten? Die Erkenntnis ist recht nüchtern: Nein, lange nicht immer… Bei Jesus ist das anders. Er hat wirkliches Mitleid. Er leidet mit und will das Beste für die Menschen. Jesus interessiert sich gerade nicht für die Oberfläche der Menschen – so wie es mir passierte dort am Rheinfall sitzend.

Jesus sieht mehr

Er sieht mehr als die äussere Erscheinung. Er sieht dahinter. Und darum denkt er auch ganz anders über Menschen. Er sah sieht unsere wirklichen Bedürfnisse und kommentiert nicht Äusserlichkeiten. Er sieht auch hinter meine Fassade. Vielleicht sehe ich passabel aus – Glück gehabt – aber er sieht mehr. Vielleicht lächle ich gegen aussen – aber er weiss, ob mir wirklich zum Lächeln zumute ist. Vielleicht verströme ich Optimismus – aber er weiss, ob ich den auch wirklich erlebe. Er sieht meine Hilflosigkeit, meine Ängste. Meine Erschöpfung.

Meine zerstreuten Gedanken. Meine schwachen Momente. So wie er es damals zu seinen Jüngern sagte, sagte er heute zu mir und zu Ihnen: Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben. Er bleibt nicht beim Mitleid stehen. Mitleid allein hilft auch herzlich wenig. Er lädt ein: Komm, ich schenke dir Ruhe.

Grotte mit Jesus als gutem Hirten.
Grotte mit Jesus als gutem Hirten.

Er bietet sich mir an, als derjenige, der für mich sorgt. Als Hirte. Dieses Bild wird im Bibelvers auch aufgegriffen: Sie sind so hilflos und erschöpft, so verängstigt und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben. Das ist nur ein Bild. Ein Bild, mit dem ich heute nicht mehr viel anfangen kann. Wer von uns hat denn im Alltag mit Hirten und Schafen zu tun? Eigentlich niemand. Für mich ist das Bild aber trotzdem stark. Es zeigt, dass Jesus sich mir als mein Versorger anbietet.

Versorger schenkt Ruhe

Der Versorger, der sich nicht ein vorschnelles Bild macht über meine Oberflächlichkeit, über meine Fassade, meine äussere Erscheinung. Der Versorger, der mir nachhaltig Ruhe schenkt. Die Ruhe, welche mein Mann und ich an jenem Sonntag inmitten der Menschenmassen eigentlich benötigt hätten. Eine Ruhe, die mir geholfen hätte, die Menschen aus seiner Sicht zu betrachten und nicht vorschnell Urteile über sie zu fällen.

An Jesus orientieren

Darum – so nehme ich mir vor für diese Ferienzeit – möchte ich mich viel lieber an seiner Haltung den Menschen gegenüber orientieren, anstatt sie zu beurteilen nach äusseren Massstäben. Wie gelingt mir das? Indem ich selbst zu meinem Versorger gehe. Der, der wirklich weiss, wie es um mich steht, der hinter die Fassade sieht. ›Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben’. Liebe Radiohörerin und lieber Radiohörer, wie reagieren Sie auf dieses Angebot?

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Sommerzeit – beschenkt mit Ruhe von unserem Versorger.

*Regula Knecht-Rüst ist Majorin der Heilsarmee und arbeitet in Winterthur.

Bibelstelle: Matthäus 9,36; 11,28

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Regula Knecht-Rüst | © SRF/Gian Vaitl
21. Juli 2024 | 11:00
Lesezeit : ca. 6  Min.
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