Solche Früchte kann spontane Nächstenliebe zeitigen: 10 Jahre Kurdistan-Hilfe
Als Diakon Stefan Staub vor zehn Jahren in einem seiner «Kanzelgespräche» mit einem Kurden über die furchtbare Flüchtlingslage durch den IS-Terror im Irak sprach, entstand spontan eine Hilfsaktion. Nun jährt sich die Hilfe der katholischen Pfarrei: An Palmsonntag reist sogar das religiöse Oberhaupt der jesidischen Gemeinschaft an.
Wolfgang Holz
«Als Fauzi Kaddur, der diplomatische Repräsentant der kurdischen Autonomiegebiete im Nordirak, damals bei uns über die Zustände der jesidischen Flüchtlinge sprach, fühlte sich das so deprimierend an», erinnert sich Diakon Stefan Staub an den Palmsonntagsgottesdienst in seiner Pfarrei vor zehn Jahren. Er hatte Kaddur, der sein Büro in Bern hat und in Teufen wohnt, während einer Zugfahrt kennengelernt.
«Ich fühlte mich plötzlich so hilflos und richtete deshalb spontan das Wort an Fauzi Kaddur und an die Gläubigen in der Kirche und fragte: Was können wir tun? Wie können wir helfen? Und damit war die Hilfsaktion geboren», berichtet er gegenüber kath.ch.
Zehn Jahre später schliesst sich ein Kreis der Hilfe. Denn nun, am diesjährigen Palmsonntag feiert die katholische Pfarrei Teufen, Bühler, Stein nicht nur das zehnjährige Jubiläum der spontan initiierten Hilfsaktion.
«Denn seit einem Jahrzehnt engagieren wir uns für Menschen in den kurdischen Autonomiegebieten des Nordiraks. Was als konkrete Nothilfe begann, ist über die Jahre zu einer verlässlichen Partnerschaft geworden», so Stefan Staub. Besonders eng sei die Verbindung seit vier Jahren mit christlichen und jesidischen Gemeinden in Sindschar.
Geistliches Weltoberhaupt der Jesiden kommt
Es wird aus diesem Anlass auch ein Festgottesdienst mit einem interreligiösen Zeichen der Hoffnung gefeiert.
Und ein besonderer Gast erscheint zu dieser Feier im Appenzellischen: Seine Heiligkeit Baba Sheikh Hazim Tahsin Saied Beg, das geistliche Weltoberhaupt der jesidischen Gemeinschaft aus Lalish im Irak.
«Seine Anwesenheit ist ein starkes Zeichen des gegenseitigen Respekts und der Verbundenheit über religiöse Grenzen hinweg – und ein sichtbares Zeichen dafür, dass Frieden dort wächst, wo Menschen einander begegnen,» sagt der Teufner Diakon. Ebenfalls anwesend seien Vertreter des langjährigen lokalen Partners, der Barzani Charity Foundation, darunter CEO Kak Musa sowie der operative Leiter Alexander Eskander.
Firmlinge feiern mit
Mitfeiern werden den Festgottesdienst auch Firmlinge. «Ihr Dabeisein ist ein klares Ja zu einem christlichen Leben, das Haltung zeigt. Sie erfahren, dass Kirche dann Zukunft hat, wenn sie Hoffnung sät: durch Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und menschliche Würde, hier und weit über unsere Grenzen hinaus», erklärt Staub. Der Diakon hat sich bekanntermassen auch in der Hilfe für ukrainische Flüchtlinge in seiner Pfarrei nach der russischen Militärinvasion 2022 engagiert.
Was mit Sammlungen und Hilfstransporten von Kleidern, Schuhen und medizinischen Produkten der Pfarrei Teufen vor zehn Jahren in die Flüchtlingscamps im Nordirak begann, hat sich längst zu einem Hilfsgrossprojekt gemausert. Investitionen von ungefähr rund 1,5 Millionen Franken seien in den nordirakischen Flüchtlingscamps geflossen.
Neu werden kleine Wohnhäuser gebaut
«Allein der Aufbau von 100 sogenannten Shelters, einfachster Unterkünfte für die Flüchtlinge, beläuft sich auf rund 450’000 Franken», skizziert Staub. Mittlerweile habe man auch angefangen, einfache Backsteinhäuser, die Raum für sechs Personen bieten, zu bauen. Kostenpunkt pro Wohnhaus: 10’000 Franken.
Staub, der viermal in den letzten zehn Jahren bei Hilfstransporten mitgefahren ist, bestätigt, dass das Geld für diese Investitionen sämtlich Privatspenden seien. «Auch Firmen und das Bistum St. Gallen haben uns finanziell unterstützt», berichtet der Diakon. «Glück hatten wir damals bei der spontanen Gründung des Hilfsprojekts, dass ein deutscher Unternehmer für Sondertransporte in der Kirche anwesend war und sich sofort bereit erklärte mitzumachen.»
*Das Jubiläum beginnt mit einem interreligiösen Gottesdienst am Palmsonntag, 29. März, um 10 Uhr in der Katholischen Kirche Teufen AR. Aufgrund der erwarteten Besucherzahl werden auswärtige Gäste gebeten, mit dem ÖV anzureisen: Die Bahnstation «Stofel»-Teufen befindet sich direkt vor der Kirche. Parkplätze im Umfeld der Kirche sind beschränkt. Weitere Parkplatzmöglichkeiten: Hechtremise und Zeughausplatz (Fussweg: ca. 10-15 Min.). Im Anschluss an den Gottesdienst gibt es ab 11.30 Uhr ein kurdisches Mittagessen (Fleisch und vegetarisch). Richtpreis: 15 Franken für Erwachsene und 12 Franken für Kinder bis 12 Jahre.
Im Sommer 2014 begingen IS-Terroristen einen Völkermord an den Jesidinnen und Jesiden im Nordirak. Bis heute ist die Lage der religiösen Minderheit in der Region schwierig. Mindestens 5’000 Jesidinnen und Jesiden wurden damals von IS-Terroristen getötet, tausende Kinder und Frauen verschleppt und versklavt. Etwa 400’000 Jesidinnen und Jesiden konnten fliehen, die meisten sind in Flüchtlingslagern im Nordirak gestrandet. Viele von ihnen haben dort die vergangenen Jahre verbracht. Obwohl der IS 2017 besiegt wurde, ist die politische Lage in der Region instabil und erschwert den Wiederaufbau der Region. Heute leben immer noch viele Menschen in Flüchtlingsunterkünften, nur wenige sind in die Region Sindschar zurückgekehrt. In der gleichnamigen Stadt, mit einer Bevölkerung von etwa 80’000 Personen im Jahr 2013, wohnen heute knapp 25’000 Menschen. Mehr als 200’000 Menschen fristen laut UN ihr Dasein zudem immer noch als Vertriebene in Camps. (woz)Der Völkermord an den Jesiden
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