Die Augustinerschwester Catherine Jerusalem.
Schweiz

Soeur Catherine zu Saint-Maurice: «Ich finde es frech von diesen Journalisten, das nun alles aufzuwärmen»

Die Ordensfrau Catherine Jerusalem lebt seit Jahrzehnten in Saint-Maurice VS, unweit der Abtei der Augustiner-Chorherren. Am Sonntagabend hat auch sie die RTS-Dokumentation über die Missbrauchsvorwürfe gegenüber einigen Chorherren gesehen. Und empört sich darüber. «Man kann nicht Vorfälle, die vor 60 Jahren passierten, mit neueren Fällen vermischen.«

Barbara Ludwig

Das Westschweizer Fernsehen RTS hat enthüllt: Neun Priester der Abtei Saint-Maurice sollen Missbrauch begangen haben oder werden der Pädokriminalität beschuldigt. Sie leben seit Jahrzehnten in Saint-Maurice. Haben Sie sich die Sendung gemeinsam mit Ihren Mitschwestern angeschaut?

Soeur Catherine Jerusalem*: Nein, ich habe sie alleine angeschaut. Aber mehrere Mitschwestern haben die Sendung ebenfalls angeschaut. Und einige davon, die Schwestern aus Afrika, sind nach zehn Minuten aufgestanden und weggegangen. In Afrika empfindet man solche Sachen eben noch einmal ganz anders.

«In Afrika geht man anders um mit sexuellen Übergriffen.»

Sagten Ihre afrikanischen Mitschwestern, warum sie die Sendung nicht zu Ende schauen wollten?

Jerusalem: Sie fanden, es sei ihnen zu viel.

Zu viel Negatives?

Jerusalem: Ja. Obschon auch sie wissen, dass es solche Sachen gibt, dass man das nicht vertuschen sollte und dazu stehen muss. Aber in Afrika geht man einfach anders um mit sexuellen Übergriffen.

Inwiefern anders?

Jerusalem: Dort geht es eher um Beziehungen, aus denen Kinder hervorgehen. Es sind Probleme zu lösen zwischen dem Bischof und dem Priester-Vater, der sich auch finanziell um die werdende Familie kümmern muss. Unsere Schwestern in Westafrika verstehen nicht, dass es auch Übergriffe von Männern auf andere Männer gibt.

«Die Berichterstattung des Westschweizer Fernsehens ist unehrlich und unzuverlässig.»

Was hat die Sendung bei Ihnen persönlich ausgelöst?

Jerusalem: Eine Berichterstattung, wie sie das Westschweizer Fernsehen gebracht hat, ist unehrlich und unzuverlässig. Man kann nicht Vorfälle, die vor 60 Jahren passierten, mit neueren Fällen vermischen. Ich habe den Eindruck, dass die Journalisten genau dies machten. Aktuell hat es einen Fall, der in Untersuchung ist. (Es geht um die Vorwürfe gegenüber Abt Jean Scarcella, Anm. d. Red.) Und dazu steht die Abtei auch.

Die anderen Fälle, die das Fernsehen am Sonntag präsentiert hat, sind schon lange vorbei. Und einige Täter wurden auch bestraft. Ich finde es einfach frech von diesen Journalisten, das nun alles aufzuwärmen, nur damit man auf die Zahl von neun Beschuldigten kommt.

Bei Ihnen überwiegt offensichtlich die Empörung über die Berichterstattung und weniger über die Übergriffe?

Jerusalem: Klar, die Übergriffe empören und beschäftigen auch mich und meine Mitschwestern. Auch wir wollen nicht, dass Übergriffe vertuscht werden. Aber die Journalistinnen und Journalisten sollten fair über solche Vorfälle berichten. Denn es leben auch junge Menschen im Kloster Saint-Maurice, die nichts damit zu tun haben. Ich frage mich: Was macht das jetzt mit ihnen?

Wenn man in Ihrer Familie nachforschen und dabei auf einen Fehltritt Ihres Urgrossvaters stossen und diesen an die grosse Glocke hängen würde, wären auch Sie und Ihre ganze Familie betroffen. Dasselbe gilt für eine Klostergemeinschaft. Das finde ich einfach nicht richtig. Deshalb hat mich die Berichterstattung von RTS genervt.

Abtei Saint-Maurice.
Abtei Saint-Maurice.

Sind Ihnen in all den Jahren jemals Gerüchte über Übergriffe von Chorherren zu Ohren gekommen?

Jerusalem: Nein.

Das heisst, Sie haben über Übergriffe durch Mönche nur aus der Presse erfahren, etwa im Fall des Chorherren, der zu einer bedingten Gefängnisstrafe verurteilt und in den Laienstand versetzt wurde?

Jerusalem: Ja.

Der Abt des Klosters ist in ein Verfahren wegen Missbrauch involviert. Nun zeigt sich: Prior Roland Jacquenoud hat vorübergehend die Leitung übernommen, obwohl auch er einen sexuellen Übergriff begangen haben soll. Wie finden Sie das?

Jerusalem: Das geht überhaupt nicht. An sich ist es ein üblicher Vorgang in Klostergemeinschaften: Der Stellvertreter des Vorstehers übernimmt, wenn dieser abwesend ist. Doch hier hätte der Prior – im Wissen um seine problematische Vergangenheit – die Leitung ablehnen müssen.

Gottesdienst in der Abtei Saint-Maurice.
Gottesdienst in der Abtei Saint-Maurice.

Ihre Kongregation wurde 1906 auf Anstoss eines Augustiner Chorherren gegründet. Wie sehen heute die Beziehungen zwischen Ihrer Ordensgemeinschaft und den Augustiner Chorherren aus?

Jerusalem: Drei Mal pro Woche kommt ein Chorherr zu uns, um die Messe zu halten. Sonst haben wir nicht viel miteinander zu tun. Wir haben auch nicht das gleiche Apostolat (Betätigungsfeld, Anm. d. Red.).

«Es leben auch junge Menschen im Kloster Saint-Maurice, die nichts damit zu tun haben.»

Kennen Sie Abt Jean Scarcella und Prior Roland Jacquenoud?

Jerusalem: Ja, schon länger.

Sind Sie überrascht, dass man ihnen Übergriffe vorwirft?

Jerusalem: Eigentlich schon.

Soeur Catherine Jerusalem, unterwegs mit Kamera.
Soeur Catherine Jerusalem, unterwegs mit Kamera.

Spüren Sie denn auch eine Enttäuschung?

Jerusalem: Sollen wir überhaupt noch enttäuscht sein? Wir alle sind betroffen und traurig über die vielen Berichte und Meldungen zum Thema Missbrauch. Haben wir uns aber jemals gefragt, wie es so weit kommen konnte? Viele Leute glauben nicht mehr an Gott, sie glauben aber auch nicht mehr an den Teufel. Und der lacht sich natürlich ins Fäustchen. Denn wir nehmen ihm in vielen Bereichen die Arbeit ab: Was tragen wir dazu bei, dass es nicht zu Übergriffen kommt?

«Frauenklöster und Männerklöster – das ist einfach nicht das Gleiche, das sind zwei Welten.»

Wir müssen auch uns selber hinterfragen. Ich spreche hier nicht nur von der Abtei. Sondern: Wie benehmen wir uns zum Beispiel vis-à-vis eines Priesters? Was tun wir gegen seine Einsamkeit? Man erzählt mir, man solle einfach das Zölibat aufheben, um Missbrauch zu verhindern. Ich lebe doch als Klosterfrau auch zölibatär. Frauenklöster und Männerklöster – das ist einfach nicht das Gleiche, das sind zwei Welten.

Was wollen Sie damit sagen?

Jerusalem: Wahrscheinlich leben wir unsere Gemeinschaft stärker. Wir sind weniger individualistisch unterwegs als die Männer. Vielleicht kommt es deshalb in den Männerklöstern eher zu Übergriffen.

Auch Frauen können Übergriffe begehen: Hat Ihre Gemeinschaft bereits eine Untersuchung in Auftrag gegeben, um allfällige Übergriffe in der Vergangenheit aufzudecken?

Jerusalem: Nein. Das war bislang kein Thema. Wir arbeiten ja auch nicht in Schulen, Heimen und Internaten.

*Soeur Catherine Jerusalem (76) ist in Jona SG aufgewachsen. Die Deutschschweizerin lebt seit 1962 in Saint-Maurice VS, mit 17 trat sie der «Congrégation des soeurs de Saint Augustin» bei. Diese ist im Verlagswesen und im Buchhandel tätig. Die Kongregation hat heute Niederlassungen in der Schweiz (Saint-Maurice VS, Entstehungsort), in Togo, Burkina Faso sowie in Frankreich. Gegründet wurde sie 1906 in Saint-Maurice. Neun Schwestern leben in Saint-Maurice, darunter drei Afrikanerinnen. Rund 50 Schwestern leben in Afrika, sieben in Frankreich. (bal)


Die Augustinerschwester Catherine Jerusalem. | © Sarah Stutte
22. November 2023 | 11:00
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