Schweiz

Was, wenn Seelsorgende sexuelle Übergriffe mitbekommen?

Zürich, 9.11.16 (kath.ch) Die Jahrestagung des kirchlichen Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» hat wieder stattgefunden. Dieses Mal war die Expertin Karlijn Demasure Gastreferentin. Sie ist Direktorin des Zentrums für Kinderschutz in Rom, das von Papst Franziskus gefördert wird.

Francesca Trento

Das Fachgremium der Schweizer Bischofskonferenz (FG SBK) «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld” trifft sich jedes Jahr zu einer Tagung mit den Mitgliedern der diözesanen Fachgremien. Mit der Gastreferentin Karlijn Demasure, die an der Päpstlichen Universität Gregoriana lehrt und international als profunde Kennerin des Bereichs Kindesmissbrauch und der damit zusammenhängenden Mechanismen gilt, lag der Akzent dieses Jahr ganz auf der Prävention in Theorie und Praxis.

Wie nahe darf ich sein?

An der diesjährigen Tagung sei die Arbeit und das Wissen des römischen Institutes im Zentrum gestanden, so Giorgio Prestele, Präsident des FG SBK. Interessant sei für ihn vor allem das von Demasure vorgestellte Thema «Nähe und Distanz» in der pastoralen Beziehung gewesen.

«Wie nahe darf ein Seelsorger dem Ratsuchenden kommen, ohne sexuell übergriffig zu wirken? Oder: Wie nahe muss er sein, damit die Seelsorge nicht als ‘zu distanziert’ empfunden wird?» Diese Grenze sei sehr dünn und je nach Situation, Land und Kultur unterschiedlich. «Wenn man in gewissen Ländern einem Kind über den Kopf streicht, kann es schon daneben sein, während es an anderen Orten Alltag ist», so Prestele weiter.

Was, wenn ich Übergriffe mitbekomme?

Ebenso wichtig war der Bereich der Prävention, der in den verschiedenen Fachgremien stets diskutiert und verbessert werde. Wie verhalte ich mich, wenn ich bei einem Kollegen bemerke, dass er übergriffig wurde? An wen wende ich mich? Wie verhalte ich mich gegenüber dieser Person?

Das sei nicht immer so einfach zu entscheiden, meint Prestele weiter. «Wenn zum Beispiel ein Ordensangehöriger übergriffig wird, kann man sich fragen: Schliesst man ihn aus dem Orden aus und stellt ihn auf die Strasse, wo er unter Umständen weiter übergriffig werden kann? Oder behält man ihn im Orden, wo man ihn von möglichen weiteren Opfern fernhalten kann?»

Zusammenarbeit in Sicht

Das SBK Fachgremium bleibt mit der Professorin und dem Institut in Kontakt. Wie eine mögliche Zusammenarbeit aussehen könnte, müsse noch genauer definiert  und ausgearbeitet werden, so Prestele. «Man muss ja nicht immer alles neu erfinden, was es schon gibt», fügt er hinzu.

Null-Toleranz des Papstes

Das Zentrum für Kinderschutz mit Sitz in der Päpstlichen Universität Gregoriana wird seit Amtsbeginn von Papst Franziskus stark gefördert. Für den Papst gebe es eine strikt einzuhaltende Null-Toleranz in Sachen sexuellen Übergriffen unter katholischem Dach. «Das machte Franziskus von Anfang an unmissverständlich klar», so Prestele weiter. «Vor allem muss auch das Mitwissen verfolgt werden – auch bei ranghohen Kirchenbeamten.»

 

Sexueller Missbrauch | © Andrea Krogmann
9. November 2016 | 17:18
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