Seelsorgerin: «Mittels Exerzitien übt man, mit Gott in Verbindung zu treten»
Esther Pfister-Gut bietet in der Zürcher Pfarrei Bruder Klaus jeden Montag «Exerzitien im Alltag» an. Diese begleiten die Beteiligten durch die Fastenzeit. Sie biete Hilfestellungen, damit sich die Teilnehmenden Gott öffnen könnten, sagt die Seelsorgerin.
Regula Pfeifer
Sie bieten zur Fastenzeit Exerzitien in der Pfarrei an – weshalb?
Esther Pfister-Gut: Ich mache selbst seit mehr als dreissig Jahren geschlossene Schweigeexerzitien. Dabei ziehe ich mich jeweils für eine Woche zurück in die Stille. Vor ein paar Jahren fragte der Pfarrer meiner Pfarrei in Bruder Klaus, was wir zur Fastenzeit anbieten könnten. Ich schlug ihm Exerzitien im Alltag vor. Ich wollte den Leuten ermöglichen, Exerzitien in ihren Alltag einzubauen. Denn nicht alle können sich dafür eine Woche Zeit nehmen und nicht alle haben den Mut, sich so lange auf Stillschweigen einzulassen.
«Exerzitien bedeuten wörtlich Übungen.»
Was sind Exerzitien im Alltag?
Pfister-Gut: Menschen können bei den Exerzitien die Erfahrung machen, dass man Gott auch im Alltag wahrnehmen und ihm zum Beispiel in einem Textimpuls der Kursunterlagen, in der Schöpfung, im Gedanken eines Mitmenschen begegnen kann, wenn man sich einer regelmässigen stillen Zeit aussetzt. Exerzitien bedeuten wörtlich Übungen. Durch Leibübungen und stillsitzen übt man, in Verbindung zu Gott zu treten.
Haben Sie dann Exerzitien angeboten?
Pfister-Gut: Der Pfarrer fand das gut und ich dachte: Ja, ich mache das mal in unserer Pfarrei. Hier hatte bereits eine Vorgängerin Exerzitien im Alltag angeboten. Da hatte ich ohne viel Werbung 15 Personen, die mitmachten. Nun biete ich seit 2022 Exerzitien im Alltag zur Fastenzeit an. Dabei benütze ich mehrheitlich Unterlagen einer Exerzitienleiterin der Diözese Innsbruck, bei der ich bereits Kurse besucht habe.
«Es ist interessant, als Gruppe gemeinsam etwas zu wagen.»
Welche Erfahrungen haben Sie mit der Leitung von Exerzitien gemacht?
Pfister-Gut: Es ist interessant, als Gruppe auf den Weg zu gehen und gemeinsam etwas zu wagen. Man trifft sich einmal pro Woche, immer montags. An diesen Abenden kommt man erst zur Ruhe, bei sich an. Etwa mit einer Meditation oder Atemübung. Nach dem Einführungsabend, ab dem zweiten Treffen folgt ein Austausch zur Frage: Wie geht es mir dabei, wenn ich mir jeden Tag Zeit und Raum für Stille nehme? Dann folgt ein Ausblick auf die neue Woche, der in ein neues Thema führt. Ich erlebe, dass sich die Leute gut darauf einlassen.
Wie viele Personen machen jeweils mit – etwa vor einem Jahr in Ihrer Pfarrei?
Pfister-Gut: Es ist bei jeweils rund 12 bis 15 Personen geblieben. Im zweiten Jahr meldeten sich 18 Personen an. Doch damals gab es Teilnehmende, die aufhörten, weil sie es sich anders vorgestellt haben oder erkrankt sind. Für diesmal habe ich bislang dreizehn Anmeldungen.
Sind die üblichen Kirchgänger oder andere Menschen dabei?
Pfister-Gut: Teilweise besuchen sie unsere Gottesdienste, teilweise kenne ich sie nicht, etwa weil sie von anderen Pfarreien kommen, da weiss ich nicht, wie sehr sie dort eingebunden sind.
«Wenn wir Empfangende werden, kann Gott uns beschenken.»
Wie üben sich die Teilnehmenden sich darin ein, die Gegenwart Gottes in allen Dingen des alltäglichen Lebens zu suchen und zu finden?
Pfister-Gut: Dieser Satz stammt von den ignatianischen Exerzitien «Gott in allen Dingen finden». Meine Aufgabe ist, den Teilnehmenden Hilfestellungen zu bieten, mit denen sie die Bereitschaft erlangen, sich zu öffnen. Und sich der Transzendenz anzuvertrauen. Ich selbst kann die Verbindung für sie nicht herstellen. Denn diese spielt sich zwischen Gott und dem einzelnen Menschen ab. Ich kann helfen, dass jemand ruhiger wird, die Motivation zum Gebet wieder findet oder womöglich in eine empfangende Haltung hineinfindet. Das ist das Wichtigste: wenn wir Empfangende werden, kann Gott uns beschenken.
Welche Übungen helfen?
Pfister-Gut: Ich leite beispielsweise Körperwahrnehmungen oder Atemmeditationen zum Ankommen bei den wöchentlichen Gruppentreffen an. Oder eine Fantasiereise, die in ein vertrauliches Gespräch mit Gott mündet. Ich führe die Teilnehmenden in neue Erfahrungen hinein, die sie vielleicht, wenn sie ihnen guttun, auch zuhause anwenden können.
Welches Gemeinschaftserlebnis entsteht? Hält das länger an?
Pfister-Gut: Gegen Ende meiner ersten Exerzitien im Alltag kam die Frage auf: Wie geht es weiter? Denn einige Teilnehmende sind alleinlebend und haben die Gemeinschaft sehr genossen. Ich bot im Anschluss daran sogenannte «D(T)ankstell»-Abende an, wo die Gruppe und neue Interessierte etwa alle zwei Monate zu einem lockeren Treffen mit Gesang, Gebet, Impuls, Austausch und einem fakultativen Tee zusammenfanden. Doch das ist etwas anderes als das Gemeinschaftserlebnis bei den Exerzitien.
«Ich führte einen achtsamen Austausch ein.»
Inwiefern anders?
Pfister-Gut. Das Gemeinschaftserlebnis bei Exerzitien besteht eben auch darin, dass man gemeinsam dem roten Faden der Kursunterlagen täglich über vier bis fünf Wochen folgt. Wiederkehrende Rituale einen und verbinden die Gruppe: zum Beispiel ein Anfangsgebet, in die Ruhe kommen durch eine Leibübung oder ein Austausch über ihre Gebetszeiten mit den Tagesimpulsen. Bei Letzterem tauschen sich vier oder fünf Personen zum Erfahrenen aus. Mit der Zeit merkte ich, dass dieser Austausch gestaltet werden muss, damit tatsächlich über die Erfahrungen mit dem Gebet und den Exerzitienunterlagen gesprochen wird. Ich führte einen achtsamen Austausch ein. Da geht es darum, in sich hineinzuhören und anderen etwas von seinen Erfahrungen zu schenken, ohne dass das Gegenüber dies kommentiert oder beurteilt. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht.
Inwiefern lässt sich mittels Exerzitien Kraft schöpfen?
Pfister-Gut: Sind Sie ein spiritueller Mensch? Haben Sie einen Draht, den Sie pflegen, so dass dies etwas stärkt in Ihnen?
«Aus der Erfahrung, sich regelmässig Zeit zu nehmen, kann etwas wachsen.»
Den Draht kenne ich, aber das Stärken weniger...
Pfister-Gut: Hier geht es ums Einüben, um Konstanz. Aus der Erfahrung, sich regelmässig Zeit zu nehmen, kann etwas wachsen. Voraussetzung für eine Teilnahme bei den Exerzitien ist deshalb, die Bereitschaft, täglich für rund 20 bis 30 Minuten die Stille bewusst zu suchen. Das ist auf verschiedene Arten möglich: Die einen setzen sich hin, andere gehen spazieren. Das gelingt nicht allen gleich von Anfang an. Aber viele sagen mir: Das tut mir einfach gut, es erdet mich, es gibt mir eine Form von Kraft. Auch ich erfahre bei Exerzitien Erdung und Kraft. Herausforderungen bringen mich nicht mehr so schnell durcheinander, sondern ich erlebe einen soliden inneren Boden, eine tiefe Gewissheit als Kind Gottes jederzeit geliebt zu sein. Das schenkt Vertrauen, den Weg zu finden.
«Mittels ‹Unterscheidungen der Geister›, wie der Heilige Ignatius es nennt, kann man innere Regungen wahrnehmen.»
Wenn man sich für ein Gebetsleben öffnet, kann man mit der wachsenden Erfahrung anhand dem Mittel der «Unterscheidungen der Geister», wie der Heilige Ignatius es nennt – innere Regungen wahrnehmen und unterscheiden lernen. Diese helfen, gute Entscheidungen zu finden und ermöglichen manchmal eine Neuorientierung.
Geht es auch darum, die Selbstwahrnehmung zu stärken?
Pfister-Gut: Das auch. Aber Exerzitien sind immer auf Gott und den Heiligen Geist ausgerichtet. Sie sind kein Selbsttrip. Es geht darum, sich von Gott führen zu lassen und gleichzeitig in der eigenen Unterscheidungsfähigkeit zu wachsen, da der Heilige Geist ja in uns wohnt. Wer das übt, fängt an, diese Kraft im eigenen Leben zu spüren. Meine Exerzitien im Alltag sind dazu eine erste Einführung. Ein schönes Ziel wäre, dass die Menschen merken: Ein Leben mit Gott tut mir gut, und dass sie es lebenslang weiterüben.
Die Exerzitien im Alltag finden in der Fastenzeit jeden Montag um 19 Uhr in der Pfarrei Bruder Klaus, Milchbuckstrasse 73, 8057 Zürich, statt. Dies vom 3. bis 31. März und unter der Leitung der Seelsorgerin Esther Pfister-Gut. Thema ist: MITTENDRIN – gesehen – geliebt – begleitet – gesendet. Weitere Informationen hier.
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