Meinrad Furrer
Schweiz

Schwuler Seelsorger kritisiert Bischof Bonnemain: «Es ist schwierig, wenn es keine greifbaren Kriterien gibt»

Vom konservativen Bischof Vitus Huonder bekam Meinrad Furrer (56) einst eine Missio: «Ob ich jetzt noch eine bekommen würde, bezweifle ich», sagt der schwule Theologe. Am 10. Mai organisiert er zusammen mit einem Priester und einer Seelsorgerin eine Segensfeier für alle Liebespaare in Peter und Paul in Zürich.

Jacqueline Straub 

Am 10. Mai findet unter dem Motto «Segen für alle» ein Segensgottesdienst in Zürich statt. Wie wird dieser ablaufen?

Meinrad Furrer*: Im letzten Jahr habe ich auf dem Platzspitz um den Segen für unterschiedliche Paare und Liebende gebeten. Dieses Jahr wird der Segensgottesdienst in der Kirche St. Peter und Paul stattfinden. Den Gottesdienst werde ich zusammen mit Vikar Martin Stewen und der Theologin Veronika Jehle gestalten. Mir ist es ganz wichtig, dass eine Frau mit dabei ist.

Was für ein Signal ist es, nicht auf dem Platzspitz, sondern in einer Kirche zu segnen?

Furrer: St. Peter und Paul wird auch Mutterkirche von Zürich genannt. Die Wahl einer Kirche soll symbolisch stark machen, dass diese Segnung im Zentrum der Kirche stattfindet. Eben weil die Menschen Teil der Kirche sind.

«Die Regenbogenbank steht in der Kapelle von St. Peter und Paul.»

Was wird die Teilnehmenden erwarten?

Furrer: Im Segensgottesdienst wird es neben einer Lesung einige Impulse und schöne Musik geben. Am Schluss gibt es einen ausgedehnten Segen für alle Paare und Anwesenden. Im letzten Jahr stand bei der «Segen für alle»-Aktion eine Regenbogenbank im Fokus. Diese wird auch beim diesjährigen Gottesdienst dabei sein: Sie wird in der Kapelle von St. Peter und Paul stehen. Paare können sich dann nach dem Gottesdienst individuell im intimeren Rahmen noch von uns auf dieser Bank segnen lassen.

Segnung für alle - Meinrad Furrer segnet am 10. Mai 2021 homosexuelle Paare auf dem Platzspitz.
Segnung für alle - Meinrad Furrer segnet am 10. Mai 2021 homosexuelle Paare auf dem Platzspitz.

Wen erwarten Sie?

Furrer: Ich vermute, dass viele gleichgeschlechtliche Paare kommen. Ich hoffe aber auch, dass viele gemischtgeschlechtliche Paare teilnehmen werden. Denn es ist kein explizit queerer Gottesdienst. Alle Beziehungsformen sind eingeladen – es ist ein Segen für alle.

Über Bischof Joseph Bonnemain: «Wir haben unterschiedliche Positionen.»

Stehen Sie im Dialog mit dem Bischof von Chur, Joseph Bonnemain?

Furrer: Ich hatte nach der letztjährigen Segensaktion ein Gespräch mit ihm. Es hat sich gezeigt, dass wir unterschiedliche Positionen haben. Gleichzeitig hat er signalisiert, dass er es begrüsst, dass wir in Zürich handeln.

"Liebe gewinnt": Der schwule Seelsorger Meinrad Furrer segnete am 10. Mai 2021 alle Liebenden - auch schwule, lesbische und bisexuelle Paare.
"Liebe gewinnt": Der schwule Seelsorger Meinrad Furrer segnete am 10. Mai 2021 alle Liebenden - auch schwule, lesbische und bisexuelle Paare.

Sie sind schwul. Wann haben Sie sich innerkirchlich geoutet?

Furrer: Diesen Moment gab es glaube ich nie. Als ich vom Jugendarbeiter zum Pastoralassistent wurde, habe ich für mich eine Begleitung in Anspruch genommen, um zu erforschen, ob ich als schwuler Mann diese Arbeit machen kann. Anfangs hatte ich Befürchtungen. Mir war aber immer klar: Ich verstecke mich nicht. Wer mich darauf ansprach, bekam eine ehrliche Antwort. Denn authentisch zu leben, stand immer im Zentrum. Ein Doppelleben hatte da keinen Platz.

«Ich lebe in einer starken inneren Christusberufung.»

Gab es deswegen Probleme mit Ihrer Missio?

Furrer: Als ich in der Predigerkirche tätig war, habe ich von Bischof Vitus Huonder die Missio erhalten. Ich habe diese beim Weggang von der Predigerkriche sozusagen verloren. Bei «Kirche Urban» in Zürich wurde ich ohne Missio angestellt. Ob ich jetzt noch eine bekommen würde, bezweifle ich. Aber ich lebe in einer starken inneren Christusberufung und habe genug Verbundenheit, die pastorale Arbeit zu machen.

Josef Annen, ehemaliger Generalvikar für Zürich und Glarus.
Josef Annen, ehemaliger Generalvikar für Zürich und Glarus.

Gab es jemals ein Gespräch mit dem Generalvikar oder mit dem Bischof über Ihre sexuelle Orientierung?

Furrer: Nein. Ich spürte auch nie einen inneren Widerspruch mit meinem Schwulsein und meiner Arbeit als Seelsorger. Natürlich kannte auch ich einen gewissen Leidensdruck, dieser war aber für mein Handeln nicht ausschlaggebend. 

Veronika Jehle
Veronika Jehle

In Deutschland bewegen sich die Bischöfe mutiger als in der Schweiz und haben angekündigt, über das Partikularrecht Fakten zu schaffen: Die sexuelle Orientierung soll in einer kirchlichen Anstellung keine Rolle mehr spielen. Bischof Joseph Bonnemain will jeden Einzelfall prüfen, aber nicht mehr. Wie sehen Sie das?

Furrer: Das ist sehr problematisch, weil Angst aufrechterhalten und die Unsicherheit bestehen bleibt. Ich finde: Es müssen gleiche Massstäbe für alle gelten. Es ist schwierig, wenn es keine greifbaren Kriterien gibt. 

Martin Stewen ist Priester in Peter und Paul in Zürich.
Martin Stewen ist Priester in Peter und Paul in Zürich.

Was erhoffen Sie sich vom Segensgottesdienst am 10. Mai?

Furrer: Zum einen, dass innerkirchlich bei noch mehr Menschen ankommt, dass es viele Beziehungsformen gibt und diese gesegnet werden sollen. Diese Vielfalt wird auch die Kirche beleben. Ich erhoffe mir aber auch, dass manche Wunden geheilt werden, denn viele Menschen haben in der Kirche unheilsame Erfahrungen machen müssen.

* Meinrad Furrer (56) ist katholischer Theologe und Beauftragter für Spiritualität bei «Kirche urban», einem Projekt der katholischen Kirche in der Stadt Zürich. Am 1. Juni fängt Meinrad Furrer als Leiter des Teams Peterskapelle in Luzern an.


Meinrad Furrer | © Vera Rüttimann
28. April 2022 | 11:13
Lesezeit : ca. 3  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!