Die Augustinerschwester Catherine Jerusalem.
Porträt

Schwester Catherine: «Wollte Mann und zehn Kinder haben»

Der 8. März ist im Frauenkloster von Saint-Maurice (VS) nicht wirklich präsent. Frauenpower hingegen schon. «Wir müssen uns selber wehren», sagt die Augustinerin Catherine Jerusalem. Das tut die Typografie-Pionierin mit Humor, Worten und Energie. Und sie verrät ihre anfänglichen Lebenspläne.

Sarah Stutte

Weder der Internationale Tag der Frau noch ihr persönliches Jubiläum würden im Kloster gefeiert. Das sagt Schwester Catherine Jerusalem (75) lachend und unterstreicht ihre Aussage mit einer abwinkenden Handbewegung. Sie ist in diesem Jahr seit 60 Jahren in Saint-Maurice.

«Ich bewundere Schwester Irene, die sich zusammen mit ihrer Gemeinschaft in Fahr für die Gleichberechtigung in der katholischen Kirche einsetzt. Gleichzeitig bin ich mir aber nicht sicher, ob katholische Priesterinnen tatsächlich alles besser machen würden», sagt sie.

Priorin Irene Gassmann pilgerte 2016 für die Sache der Frau nach Rom.
Priorin Irene Gassmann pilgerte 2016 für die Sache der Frau nach Rom.

Ihre Zurückhaltung in dieser Thematik bedeutet jedoch keinesfalls, dass sie keine Kämpferin ist und nicht für ihre Überzeugungen einsteht. Seit Jahren setzt sie sich sehr engagiert für ihre togolesischen Mitschwestern ein, die dem kleinen, zehnköpfigen Schwesternkreis von Saint-Maurice angehören.

«Ich bin eine ungeduldige Frau, das weiss jeder».

Sie klagt die langsam mahlenden Behördenmühlen an, die deren Visaerteilungen stets im Wege stehen und sagt von sich: «Ich bin eine ungeduldige Frau, das weiss jeder».

Schwester Catherine ist aber vor allem eine Frau, die offene Herzlichkeit ausstrahlt und damit spontan einen Umgang auf persönlicher, nahbarer Ebene ermöglicht. Auf langatmige Vorstellungen und Floskeln verzichtet sie. Lieber redet sie direkt und munter drauflos.

Welschlandaufenthalt im Kloster

Dass sie im sanktgallischen Jona gross geworden sei und deshalb Bauklötze gestaunt habe, als sie das erste Mal in Saint-Maurice aus dem Zug stieg und die Walliser Berge sah. Damals, am 24. April 1962.

Als eine Geschichte über Umwege bezeichnet sie ihre «Landung» hier – in der Gemeinschaft Saint-Augustin. Schwester Catherine hatte erst gar nicht die Intention, ins Kloster einzutreten.

Eigentlich wollte sie nach der obligatorischen Schulzeit nur ein Welschlandjahr im Kloster Saint-Maurice machen, um Französisch zu lernen. Ihre Zukunft sah sie im Störungsdienst der Rapperswiler Telefonzentrale – und mit einem Mann und zehn Kindern, wie sie schmunzelnd erzählt.

«Nicht der Herrgott war ausschlaggebend.»

Doch dann wurde Schwester Catherine von der Oberin angefragt, ob sie nicht noch ein paar Monate länger bleiben könne. Schliesslich trat sie 1963, mit 17 Jahren, offiziell der Kongregation bei. «Mir hat das Apostolat gefallen. Die Idee unseres Gründers Louis Cergneux, gute Pfarrblätter herauszugeben, um die Menschen mit wichtigen Informationen zu versorgen». Das sei bei ihrer Entscheidung ausschlaggebend gewesen, nicht der Herrgott oder die Gemeinschaft.

Die Kapelle der Gemeinschaft Saint-Augustin.
Die Kapelle der Gemeinschaft Saint-Augustin.

Gläubiges Elternhaus

Schwester Catherines Eltern waren beide gläubig – der Vater gar Mesmer. Religiosität habe also in ihrem Zuhause eine Rolle gespielt, jedoch keine übertriebene. «Wie das damals einfach so war in einem halb katholischen, halb reformierten Dorf», sagt sie.

Der Haushalt war weiblich, denn die 75-Jährige wuchs mit zwei jüngeren Schwestern auf. Über das familiäre Miteinander sagt sie: «Man braucht immer einen runden Tisch, um miteinander diskutieren zu können. An einem eckigen stösst man sich an den Kanten». In ihrer Familie sassen sie an einen runden Tisch – und fanden dadurch besser einen Konsens, meint Schwester Catherine. Auch das Gespräch mit ihr findet gerade an einem runden Tisch statt.

Schwester Catherine zeigt, wie die ersten Knospen kommen. Zum Verband an ihrer Hand meint sie: «Das ist nichts. Nur eine entzündete Sehne».
Schwester Catherine zeigt, wie die ersten Knospen kommen. Zum Verband an ihrer Hand meint sie: «Das ist nichts. Nur eine entzündete Sehne».

Mitarbeit in der Druckerei

In Saint-Augustin arbeitete Schwester Catherine in der Druckerei, die in den 60er-Jahren noch mit Bleisatz die verschiedenen Blätter für die Kantone Waadt, Tessin, Wallis, Freiburg und Chur herstellte.

Da 1967 Typografen-Nachwuchs benötigt wurde, wollte Schwester Catherine zusammen mit einer Mitschwester die entsprechende Ausbildung in Lausanne absolvieren. «Doch die damalige Gewerkschaft stellte sich quer, sie verwehrte Frauen den Zugang zu diesem Beruf», ärgert sich Schwester Catherine.

Die ersten Typografinnen der Westschweiz

Daraufhin liess die Oberin ihre Beziehungen spielen, was letztendlich dazu führte, dass die beiden Nonnen die Lehre 1968 beginnen konnten. «Wir waren die ersten Frauen, insgesamt sieben von fünfzig Lehrlingen aus der ganzen Westschweiz, die 1972 ihre Ausbildung erfolgreich abschlossen und sich fortan Typografinnen nennen durften», erzählt Schwester Catherine stolz. In den nachfolgenden Jahren bildeten sich die Schwestern im aufkommenden Offsetdruck privat weiter.

Aufgrund solcher Erfahrungen habe sie nicht immer lieb und nett sein können, sondern auch einmal auf den Tisch hauen müssen, meint sie. Vor allem in den 90er-Jahren, als sie Druckerei-Leiterin wurde, mit vierzig, mehrheitlich männlichen Angestellten.

Kreuze statt Nacktfotos

«Die Druckmaschinen und die Spedition waren im gleichen Saal. An einer Wand prangten anfangs Poster von nackten Frauen. Ich habe die Mitarbeiter aufgefordert, die Bilder bis zum nächsten Morgen zu entfernen. Andernfalls käme ich mit einer Leiter und würde dort lauter Kreuze aufhängen. Das wirkte», so Schwester Catherine.

«Mich nervt in der Kirche Gottes diese Bevormundung der Männer.»

Trotzdem sehe sie sich nicht als Feministin, sondern einfach als Frau, die sich wehren könne. «Mich nervt in der Kirche Gottes einfach diese Bevormundung der Männer, die meinen, sie müssten uns Befehle erteilen», sagt sie.

Katharina von Siena als Vorbild

Für sie sei ihre Namensgeberin, Katharina von Siena, eine Vordenkerin ihrer Zeit gewesen. «Sie liess sich nicht von ihrem Weg abbringen und hatte keine Angst, sich ausser zu kirchlichen, auch zu politischen und gesellschaftlichen Fragen zu äussern», erklärt Schwester Catherine. Sie findet grundsätzlich, Veränderungen sollten von innen heraus geschehen und nicht erzwungen werden.

Die Heilige Katharina von Siena gehört zu den bekanntesten Mystikerinnen des Mittelalters.
Die Heilige Katharina von Siena gehört zu den bekanntesten Mystikerinnen des Mittelalters.

Schwester Catherine hatte nie Probleme damit, sich über all die Jahre stets den Gegebenheiten anzupassen. So besuchte sie einen Photoshop-Kurs, da sie jetzt für die Pfarrblätter sowohl mehr Bilder machen als auch bearbeiten muss. Und sie besitzt ein Instagram-Profil namens g.jerusalem, auf dem sie Fotos fleissig mit Likes versieht.

Auf die Frage, ob sie ihren Weg einmal hinterfragt habe, antwortet sie: «Ich bin im Sternzeichen Stier geboren, der schaut nur nach vorne». Ihren begangenen Pfad habe sie deshalb einfach angenommen und werde ihn auch so weitergehen. 

Die Augustinerschwester Catherine Jerusalem. | © Sarah Stutte
8. März 2022 | 05:00
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