Vertreter der Muslime, Christen und Juden mit der gemeinsamen Erklärung zum Schutz für Flüchtlinge | © Bernard Hallet
Schweiz
Vertreter der Muslime, Christen und Juden mit der gemeinsamen Erklärung zum Schutz für Flüchtlinge | © Bernard Hallet

Schweizer Religionsgemeinschaften sprechen mit einer Stimme für die Flüchtlinge

Bern, 8.11.18 (kath.ch) Sechs Mitglieder des Schweizerischen Rats der Religionen* haben am Mittwoch in Bern eine Erklärung zu Flüchtlingsfragen unterzeichnet: Schutz vor Ort, legale Fluchtwege, faire und effektive Asylverfahren, Integration und Rückkehr in Würde – so lauten die fünf Appelle. Christen, Muslime und Juden erheben hierzulande damit erstmals gemeinsam ihre Stimme für Flüchtlinge.

Vera Rüttimann

Es war ein feierlicher Akt, als die hochrangigen Vertreter der drei grossen Religionen ihre Tinte im Empire-Saal des Restaurants zum Äusseren Stand in Bern unter die interreligiöse Erklärung setzten. Der Bischof der Christkatholischen Kirche Schweiz (CKS) und Vorsitzende des Schweizerischen Rates der Religionen, Harald Rein, sagte in seinem Eingangswort: «Mit diesem Papier soll ein starkes Zeichen gesetzt werden.»

«Wer seine Religion ernst nimmt, muss über gesellschaftliche Konsequenzen reden.»

Die Unterzeichnung der Erklärung soll gemäss Rein zu weiteren fruchtbaren Diskussionen führen und zu einem besseren Flüchtlingsschutz beitragen, der möglichst von einem breiten Teil der Schweizer Bevölkerung getragen werden soll.

Stellung beziehen ist Pflicht

Harald Rein, Bischof der Christkatholiken und Präsident des Rats der Religionen | © Bernard Hallet
Rein erklärte weiter, politisch betrachtet gebe es auf den ersten Blick «keine Pflicht zur Aufnahme aller Flüchtlinge». Jedes Gemeinwesen, auch die Schweiz, müsse selbst entscheiden, wie es sich engagiere. Allerdings, so der Christkatholik, sei es Aufgabe jeder Religion, zur Flüchtlings-Frage ethisch-religiös Stellung zu beziehen. Der Bischof sagte: «Wer seine Religion ernst nimmt, muss auch über ihre gesellschaftlichen Konsequenzen reden können und entsprechend Einfluss nehmen.»

Das in Bern unterzeichnete Papier geht zurück auf einen Anstoss des aktuellen Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Antonio Guterres. 2012 hatte der Portugiese den internationalen Dialog «Faith and Protection» propagiert und die Religionsgemeinschaften dazu aufgefordert, sich für den Flüchtlingsschutz zu engagieren.

«Die Flüchtlinge sind mitten unter uns.»

Aus Überzeugung helfen

Harald Winter | © Vera Rüttimann
Die verschiedenen Unterzeichnenden begründeten bei dem Anlass in Bern, warum sie sich hinter das Papier stellten. Der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), Herbert Winter, sagte: «Flüchtling zu sein, sein Hab und Gut zu verlieren und in ein anderes Land aufbrechen zu müssen, das ist für uns Juden leider nichts Neues.» So sehe er es gemeinsam mit vielen Juden «als unsere moralische Pflicht an, den heutigen Flüchtlingen beizustehen und zu helfen, wo es nur geht.» Diese Verpflichtung sei zudem religiös tief im Judentum verwurzelt.

Der Präsident der Schweizerischen Bischofskonferenz (SBK), Charles Morerod, bezeichnete es als ein «bemerkenswertes Zeichen», dass sich alle Religionsgemeinschaften zu diesem Schritt entschlossen haben. «Ich bin sehr glücklich über die Zusammenarbeit», sagte er.

Flüchtlinge sind keine virtuellen Bilder

Montassar BenMrad | © Vera Rüttimann
Auch die Muslime haben an der Entstehung dieser Erklärung mitgearbeitet. Montassar BenMrad, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (Fids), sagte zu seiner Motivation: «Flüchtlinge brauchen unseren Schutz. Sie sind nicht bloss virtuell präsent durch Bilder auf unserem Smartphone oder als abstrakte Zahl in einer Zeitung. Sie sind mitten unter uns.»

Gottfried Locher | © Vera Rüttimann
Für Gottfried Locher, Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), ist es nicht «gottgegeben», dass die Schweiz Frieden und Wohlstand geniessen könne. Der höchste Schweizer Reformierte sagte über seine Motivation: «Es ist jederzeit und überall möglich, dass der Antisemitismus wieder ausbricht. Wir als Evangelischer Kirchenbund wollen das jedoch nicht zulassen.»

Es sei deshalb keinesfalls selbstverständlich, dass diese Flüchtlingsdeklaration zustande gekommen sei und die Religionsgemeinschaften eine gemeinsame Stimme gefunden haben. Gottfried Locher schob nach: «Darauf können wir stolz sein.»

Das tote Kind am Strand

Farhad Afshar | © Vera Rüttimann
Der Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios), Farhad Afshar, verwies in seiner Stellungnahme auf das Flüchtlingskind, das tot an einen Strand am Mittelmeer angeschwemmt wurde und dessen Bild um die Welt ging. Doch statt Empathie zu empfinden, kritisierte Farhad Afshar, würden die Religionsgemeinschaften oftmals in religiösen Ritualen erstarren. «Anscheinend haben wir alle vergessen, dass unsere Schwesterreligionen Flüchtlingsreligionen sind», betonte er.

«Spüren wir die Verbundenheit mit dem Kind, dem niemand hilft?»

Bethlehem sei für ihn keine Kinderlegende mit «niedlichen Schäfchen». Betlehem stehe symbolhaft für die Flucht einer Familie, die niemand aufnehmen wollte. Farhad Afshar bohrte weiter: «Wir zelebrieren unsere Religionen, aber spüren wir auch die Verbundenheit mit dem kleinen Kind, dem niemand helfen wollte?» Nur wenn alle Menschen guten Willens ihre Verantwortung für dieses kleine Kind in sich spürten, so der Muslim, komme der Menschen dazu, seine Solidarität zu den Schwachen zu zeigen.

Auch Bischof Harald Rein ging in seinem Statement auf die Bibel ein und nannte daraus Beispiele von Fluchtbewegungen. Ihm fällt auf, «dass alle Flüchtenden in anderen Kulturen und Religionen eine neue Heimat gefunden haben».

Religion bedeutet Heimat

Anja Klug, Leiterin des UNHCR Büros für die Schweiz und Liechtenstein, wies in ihrer Rede darauf hin, welche wichtige Rolle Kirchen, Moscheen und Synagogen für die Schaffung von Heimat für Flüchtlinge einnehmen. Viele christliche Hilfswerke im In- und Ausland würden dazu beitragen, dass Schutzsuchende erste Kontakte knüpfen und wieder Hoffnung und Sinn finden können.

Anja Klug | © Vera Rüttimann
Anja Klug: «Diese interreligiöse Erklärung ist auch ein Ausdruck des Engagements vieler Gläubigen, die an der Basis wertvolle Arbeit für Flüchtlinge leisten.»

Nach der Unterzeichnung übergab Harald Rein die Erklärung der Vizepräsidentin des Nationalrats, Marina Carobbio Guscetti.

Der «Globale Pakt für Flüchtlinge»

Die interreligiöse Erklärung will auch den «Globalen Pakt für Flüchtlinge» unterstützen, den die Uno-Vollversammlung 2016 verabschiedete. Das Paket, auch New Yorker Erklärung für Flüchtlinge und Migranten genannt, soll den Schutz von Flüchtlingen und Migranten verbessern.

Österreichs Regierung hat Ende Oktober bekannt gegeben, dass es das Papier nicht unterzeichnen werde. Weiter Staaten könnten Österreich folgen und ihre Unterschrift unter das Dokument verweigern.

«Säkulare Gesellschaft und religiöse Präsenz»

Der Berner Anlass war Teil der 5. Internationalen Konferenz «Interreligiöse Beziehungen und ökumenische Fragen» (IREI), die vom Institut für Christkatholische Theologie der Universität Bern und dem Schweizerischen Rat der Religionen vom 8. bis 10. November organisiert wird. Der Titel der Veranstaltung lautet: «Säkulare Gesellschaft und religiöse Präsenz: Das Verhältnis von Religion und Staat in historischer und heutiger Perspektive». (gs/aktualisiert 9.11. sys)

*Die griechisch-orthodoxen Christen, die ebenfalls im Rat der Religionen vertreten sind, haben die Erklärung bislang nicht unterzeichnet. Grund dafür ist ein Interregnum. Wie Harald Rein gegenüber kath.ch sagte, wird Metropolit Maximos Pothos die Erklärung nachträglich unterzeichnen. (sys)

Mitglieder des Rates der Religionen unterzeichnen Erklärung zu Flüchtlingsfragen | © Vera Rüttmann
Mitglieder des Rates der Religionen unterzeichnen Erklärung zu Flüchtlingsfragen | © Vera Rüttmann
Rats-Präsident Harald Rein (l.) stellt Erklärung zu Flüchtlingsfragen vor  | © Vera Rüttimann
Rats-Präsident Harald Rein (l.) stellt Erklärung zu Flüchtlingsfragen vor | © Vera Rüttimann

Aussen- und innenpolitische Ziele

Unter dem Titel «Gegenüber ist immer ein Mensch» haben sechs Mitglieder des Rats der Religionen am Mittwoch eine Erklärung zu Flüchtlingsfragen unterzeichnet. Darin formulieren die Vertreter von Christen, Juden und Muslimen fünf Appelle zur schweizerischen Flüchtlingspolitik: Schutz vor Ort, legale Fluchtwege, faire und effektive Asylverfahren, Integration und Rückkehr in Würde.

Konkret fordern die Religionsvertreter, dass «Schutz vor Ort» ein wichtiges Ziel der Schweizer Aussenpolitik sein soll. Im Asylverfahren soll der Flüchtlingsbegriff gemäss der Genfer Flüchtlingskonvention umfassend angewendet werden. Vom Bürgerkrieg betroffene Menschen sollen statt einer vorläufigen Aufnahme den Flüchtlingsstatus erhalten. Die Religionsgemeinschaften fordern des Weiteren eine frühzeitige Integration von Flüchtlingen. Hier könnten die Glaubensgemeinschaften einen wichtigen Beitrag leisten in Form von Freiwilligenarbeit oder individuellen Initiativen. Umgekehrt ist gemäss der Erklärung die Respektierung hiesiger Regeln wichtig, um sich integrieren zu können. Die in der Bundesverfassung verankerten Werte müssten eingehalten werden. Zu einer «Rückkehr in Würde» für Personen, welche die Kriterien für die Aufnahme nicht erfüllen, gehören laut Erklärung «menschenrechtliche Standards beim Vollzug der Wegweisung und die Beachtung des Kindeswohls in jeder Situation.» (sys)

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