Der Jesuit Christian Rutishauser | © Lassalle-Haus
Schweiz
Der Jesuit Christian Rutishauser | © Lassalle-Haus

«Ich bin mit 51 zu jung, um General der Jesuiten zu werden»

Zürich, 30.9.16 (kath.ch) Christian Rutishauser, Provinzial der Schweizer Jesuiten, reist am Samstag nach Rom zur Versammlung der Generalkongregation. Dies ist das Wahlgremium der Jesuiten weltweit, die einen neuen Generaloberen bestimmen. Ist Rutishauser ein Kandidat für dieses Amt? kath.ch hat beim Provinzial nachgefragt.

Charles Martig

Wie stehen die Chancen, dass Sie als neuer General der Jesuiten aus Rom zurückkehren?

Christian Rutishauser: Wer im Orden nach einem Amt strebt, wird frühzeitig aus dem Kreis der wählbaren Kandidaten fallen. Es geht also nicht um Chancen oder Ambitionen. Dass ich in das Amt des Generaloberen gewählt werde, ist wenig wahrscheinlich. Ich bin mit 51 Jahren zu jung für das Amt. Gleichzeitig bin ich in der Schweizer Provinz der Jesuiten voll engagiert.

Welche Voraussetzungen muss ein neuer General erfüllen?

Rutishauser: Es geht bei der Wahl um eine Persönlichkeit, die sowohl die sozialethischen Positionen als auch die Mystik der Jesuiten vertreten kann. Das ist eine wesentliche Voraussetzung, weil es hier um die Zukunft der «Societas Jesu» (SJ), wie die Jesuiten offiziell heissen, geht. Zudem muss der neue General Führungserfahrung auf mindestens zwei Kontinenten mitbringen. Diese zweite Bedingung erfülle ich nicht und komme deshalb nicht in Frage für das Amt.

Aber Sie haben sehr viel Erfahrung mit der katholischen Kirche in China und Indien.

Rutishauser: Noch mehr mit Christen im Nahen Osten. Ich bin viel gereist und habe in diesen Ländern gearbeitet. Es waren jedoch keine Führungsaufgaben dabei. Ich habe vor allem gelehrt und Kontakte geknüpft.

Wie geht das Wahlverfahren konkret vor sich?

Rutishauser: Die Wahl basiert auf dem demokratischen Prinzip. Dabei werden alle anwesenden Ordensbrüder befragt. Wir führen Vieraugengespräche, die sogenannten «Murmurationes». Diese Gespräche werden von Gebet und Meditation begleitet. Erst im Anschluss kommt es zu einer geheimen Wahl des Generaloberen. Der Prozess kann bis zu einer Woche dauern.

Welche Bedeutung hat diese Wahl für den Orden?

Rutishauser: Die Wahl hat für uns eine enorme Bedeutung. Wir sind ein hierarchisch organisierter Orden. Dabei spielt die Persönlichkeit des Generals eine entscheidende Rolle. Er wird nach seiner Einsetzung sehr viele Personalentscheide treffen und damit die Richtung für die Zukunft geben. Ein schwacher General führt zu einer Schwächung des Ordens, ein guter General wird für die Einheit von sozialem Engagement und Spiritualität stehen.

Und wie steht es mit anderen Leitungspositionen im Orden?

Rutishauser: Es geht im Anschluss an die Wahl des Generals um die Besetzung von rund 100 neuen Positionen weltweit. Dies sind rund ein Drittel der Führungskräfte im Orden. Zum Beispiel wird in Deutschland ein neuer Provinzial gewählt. Das wird sicher zu Rochaden führen. Wir beschäftigen uns also in Rom mit der Frage der «Leadership» viel grundsätzlicher, als es von aussen erscheint.


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Wie wird der General der Jesuiten gewählt?

Die Generalkongregation beginnt mit einem Gebet um den Heiligen Geist. Der Wahl selbst gehen vier Tage zur Sammlung von «Informationen» voraus. Dies ist die Zeit der sogenannten «Murmurationes». Dabei handelt es sich um Murmel-Gespräche. Jeder «Elektor», das sind stimmberechtigte Mitglieder, darf dabei jedem Teilnehmer Fragen über einen Jesuiten stellen, der als Kandidat in Frage kommt. Es gibt keine Kandidatenliste, keine Wahlproprogramme, keine Kandidatenbefragung und keinen Wahlkampf. Der einzelne Elektor bittet in Gesprächen unter vier Augen um Informationen zu dem Kandidaten, den er für geeignet hält. Der Befragte muss wahrheitsgemäss antworten, darf aber selbst keine eigene Empfehlung aussprechen. Wenn ein Elektor sich nachweislich selbst ins Spiel bringt, um General zu werden, verliert er sogar das aktive und passive Wahlrecht.

Der Tag der Generalswahl beginnt mit einer Messe zum Heiligen Geist. Während der eigentlichen Wahlzeit dürfen die Elektoren die Aula erst wieder verlassen, wenn ein neuer General gewählt ist. Jeder Elektor verspricht feierlich, dass er denjenigen zum General wählt, den er vor Gottes Angesicht für am besten geeignet hält. Keiner darf sich selber wählen. Danach erfolgt die geheime Abstimmung. Gewählt ist, wer eine einfache Mehrheit an Stimmen erhält.

Sobald der Papst über den Gewählten informiert ist, wird sein Name bekannt gegeben. Die Ordenssatzungen erfordern keine ausdrückliche päpstliche Bestätigung, aber der Papst erteilte bisher jedem Gewählten immer seinen Segen. Erstmals in der Geschichte der Gesellschaft Jesu (Societas Jesu SJ) wird im Oktober 2016 ein neugewählter Generaloberer diesen Segen von einem Papst erhalten, der selbst dem Jesuitenorden angehört. (cm)

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