Markus Heil | © 2015 Sylvia Stam
Schweiz
Markus Heil | © 2015 Sylvia Stam

Pfarrei-Initiative: Familiensynode hat ein «zartes Pflänzchen» geboren, das es zu bewahren gilt

Zürich, 3.11.15 (kath.ch) Die Weltbischofssynode zu Ehe und Familie hat ein «zartes Pflänzchen» geschaffen. Die Pfarrei-Initiative Schweiz hofft, dass sich diese «neue Achtsamkeit mit Sprache» auch stabilisiert, sagte Vereinspräsident Markus Heil gegenüber kath.ch. Die Synode habe gezeigt, dass eine «Streitkultur» möglich ist. Jetzt sei der Zeitpunkt ideal, um Polarisierungen zu beerdigen. Weiter erklärte Heil, wie es dank einem Referat der Churer Theologin Eva-Maria Faber zu einer Kursänderung bei der Pfarrei-Initiative kam. Die Reformbewegung traf sich am 30. Oktober zu ihrer Herbstversammlung in Zürich.

Sylvia Stam

Wie geht es Ihnen nach der Tagung der Pfarrei-Initiative zur Bischofssynode?

Markus Heil: Es waren interessante Gespräche und intensive Begegnungen. Mit dem Prozess der Synode ist die von Papst Franziskus vollzogene Erneuerung der Kirche nun deutlich fassbarer geworden. So wollten auch wir an dieser Tagung – ähnlich wie an der Synode – wirklich den Puls unserer Versammlung fühlen, inhaltlich möglichst wenig vorgeben und das Ganze am Schluss so auf den Punkt bringen, dass wir ein zukunftsweisendes Ergebnis haben. Und da bin ich mit dem Tag sehr zufrieden.

Ich habe in der Schlussrunde eine mehrheitlich positive Stimmung wahrgenommen. Was war dieses Positive?

Heil: Positiv war, dass die Interpretation des Abschlussdokuments durch Eva-Maria Faber, Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Theologischen Hochschule Chur, bei den Anwesenden grossen Widerhall gefunden hat. Es gab so verschiedene Temperaturen in der Lesart des Synodentextes, dass nicht sofort klar war, wo die Gemeinschaft der Pfarrei-Initiative steht. Nach dieser Versammlung weiss ich nun, dass wir mit dieser positiven Haltung weitergehen, dass die gemeinsame Zuversicht sozusagen ein gedeckter Check ist und kein ungedeckter.
Als Pfarrei-Initiative müssen wir an unseren Versammlungen sehr darauf achten, ob wir auf einer Linie mit den anwesenden Mitgliedern sind. In der Sitzung von Ende Oktober erfolgte zumindest im Ton eine deutliche Kursänderung. Deshalb ist diese Rückversicherung doppelt wichtig.

Was sind für Sie konkret die positiven Punkte aus dem Abschlusspapier?

Heil: Dass die Frage von geschieden und neu in Beziehung lebenden Menschen ja viel mehr betrifft als nur den Kommunionempfang. Eva-Maria Faber hat uns heute aufgezeigt, dass in diesem etwas schwammigen Artikel 84, der davon spricht, dass geprüft werden soll, welche Formen des Ausschlusses überwunden werden können, viel mehr Themen enthalten sind. Zum Beispiel ist davon auch der Kirchendienst als Katechetin oder Pastoralassistent betroffen, die Erwachsenentaufe, in manchen südlichen Ländern das Patenamt und anderes. Diese Liste ist aus den Berichten der Sprachgruppen deutlich reichhaltiger und so ist die angedeutete Öffnung viel breiter.

Welche Hoffnung weckt das Dokument bei Ihnen?

Heil: Es ist eine Offenheit in dem Dokument, die wir auch als dezentrale Offenheit wahrnehmen. Wir hoffen, dass jeder Bischof und jedes Land das unterschiedlich interpretieren darf, und darüber müssen wir als Seelsorgende dann mit unserem jeweiligen Bischof ins Gespräch kommen. Wir hoffen aber auch, dass diese Gespräche im Geist der Synode bleiben, und dass wir nicht wieder in neue Regeln verfallen, die dann irgendwann wieder veraltet sind, sondern dass wir in dieser neuen Offenheit miteinander weitergehen lernen.

Gleichzeitig fragen wir uns, wie wir das zarte Pflänzchen dieser neuen Achtsamkeit mit Sprache stabilisieren können als eine Haltung, dass Kirche nicht mehr von «irregulären Situationen» redet, sondern von «komplexen Situationen», dass Kirche nicht mehr pauschal urteilt, sondern den Einzelfall betrachtet, und dass wir, wenn wir den Einzelfall betrachtet haben, auch etwas beschliessen dürfen, nämlich den Ausschluss zu reduzieren oder zu beenden.

Fühlt sich die Pfarrei-Initiative also bestätigt durch das Abschlussdokument der Synode?

Heil: Wir haben durchaus eine Lesart, in der wir uns sehr bestätigt fühlen. Wir stellen aber auch fest, dass es auch andere Lesarten gibt. Das ist an sich durchaus ein Gewinn für unsere Kirche, indem wir dadurch eine vielfältige Kirche werden, oder wie es anlässlich unserer Tagung formuliert wurde: «ein Ankommen in der gesellschaftlichen Realität der Postmoderne».

Für mich zielt Ihre Frage etwas in die alte Polarisierung, ob wir denn Recht hatten, als wir das alles schon vor drei Jahren gefordert haben. Ehrlich gesagt, wollen auch wir aus diesem Rechthaben aussteigen. Die Synode gab genug Anzeichen, dass es auch in der Kirchenleitung eine neue Streitkultur gibt, und da wollen wir nicht zurückstehen, sondern uns dieser stellen und diese übernehmen. Das ist durchaus auch neu und verheissungsvoll für uns.

Ist das die Kursänderung, von der Sie vorhin sprachen?

Heil: Wir stecken in der Kirche Schweiz oft immer noch in der alten Polarisierung. Durch polarisierte Äusserungen innerhalb der Kirche waren wir immer wieder herausgefordert, eine Gegenposition einzunehmen, um die Weite der Kirche aufzuzeigen. Wir hoffen nun, dass wir diesen Mechanismus nicht in die Unendlichkeit fortführen. Von unserer Seite her wollen wir alles tun, um die Polarisierung nicht zu verewigen. Die jetzige Gelegenheit scheint mir dafür prädestiniert.

Bedeutet das auch, aus der Oppositionsrolle herauszukommen?

Heil: Die Pfarrei-Initiative ist nicht als Opposition gestartet, sondern hat beschrieben, was in unserer Kirche schon üblich ist. Wir wurden durch den polarisierten Kirchenkurs in die Oppositionsrolle gedrängt und nutzen daher gern diese Gelegenheit, aus dieser zugewiesenen Position wieder auszusteigen.

Heute war viel die Rede davon, die Kirche habe das Zuhören verlernt, an der Synode sei das Hinhören geübt worden. Kann das für die Pfarrei-Initiative heissen, auch den Hardlinern in Chur zuzuhören?

Heil: Ich würde für uns beanspruchen, dass wir die Bistumsleitung in Chur ernst genommen haben und durchaus genau gehört haben, was sie gesagt hat. Aber beim Zuhören darf auch der Widerspruch kommen, wenn er nötig ist. Das gilt auch mit der neuen Haltung, dass wir aus der Polarisierung aussteigen. Wenn – von wem auch immer – dieser Synodenbeschluss nicht einschliessend, sondern wieder ausschliessend interpretiert wird, werden wir weiterhin widersprechen und für eine vielfältige, breite Kirche einstehen. Es ist nicht ein Ende des Widerspruchs, sondern ein Zurücknehmen der Polarisierung, soweit es möglich ist.

Was sind konkrete Resultate der Tagung?

Heil: Neben einer Presseerklärung wollen wir schauen, wie wir mit unseren Bischöfen persönlich ins Gespräch kommen zu den in der Synode thematisierten Fragen. Zudem sind da verschiedene Ideen, an denen wir noch weiterarbeiten müssen, etwa wie wir unterstützen können, diese neue Haltung mit den Seelsorgenden und in den Pfarreien praktisch umzusetzen. Schliesslich war die Tagung für viele Teilnehmer auch ein persönlicher Gewinn, sie äusserten Zufriedenheit, dass es in der Kirche auch positive Signale gibt.

Welche Sorge bleibt zurück?

Heil: Wir sind sehr erfreut über dieses wunderschöne Pflänzchen, das wir zwischen den Zeilen des Synodentextes herauslesen. Gleichzeitig beschäftigt uns die grosse Sorge, ob dieses zarte Pflänzchen lebensfähig ist, ob es wohl auch einen Wintersturm überleben kann, den wir ihm auf keinen Fall wünschen! (sys)

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