Sarah Paciarelli
Schweiz

Sarah Paciarelli: «Rechte Online-Foren argumentieren, der Mann sei von Gott zum Leader geschaffen worden»

Der Frauenbund Schweiz lanciert zum Internationalen Tag der Frau am 8. März die nationale Kampagne «Frauenrechte. Erkämpft, nicht geschenkt.». Die katholische Organisation betont die Bedeutung der Frauenrechte für eine gerechte und funktionierende Gesellschaft. Und sie zeigt aktuellen Backlash mit religiösem Bezug auf. Frauenbundsprecherin Sarah Paciarelli erläutert.

Regula Pfeifer

Wie instrumentalisieren rechte Kreise zunehmend theologische Argumente, um Ungerechtigkeit mit Geschlecht zu legitimieren?

Sarah Paciarelli: Wir beobachten, dass religiöse Sprache zunehmend mit politischen Vorstellungen von vermeintlich «natürlichen» Geschlechterrollen verbunden wird. Dabei wird argumentiert, Männer und Frauen hätten von Gott unterschiedliche Aufgaben und dass eine hierarchische Ordnung Teil der Schöpfung sei.

«In der Manosphere wird häufig ein Weltbild propagiert, in dem Männer als natürliche Autorität über Frauen dargestellt werden.»

Solche Argumentationen finden sich in neuen rechten Online-Milieus wie der sogenannten Manosphere, in der Incel- oder in der Tradwives-Bewegung. Solche Narrative verbreiten sich heute stark über soziale Medien. In der sogenannten Manosphere – einem Netzwerk aus Blogs, Podcasts, YouTube-Kanälen und Online-Foren – wird häufig ein Weltbild propagiert, in dem Männer als natürliche Autorität über Frauen dargestellt werden. Influencer argumentieren dort teilweise mit religiösen Bezügen: Der Mann sei von Gott zum «Leader» geschaffen, während die Frau ihrer «natürlichen» Rolle als Mutter und Unterstützerin folgen solle.

Auch eine Comicfigur kann den Machismo verherrlichen: Hulk
Auch eine Comicfigur kann den Machismo verherrlichen: Hulk

Ähnliche Muster finden sich in der Tradwives-Bewegung auf Plattformen wie Instagram, TikTok oder YouTube. Dort inszenieren Influencerinnen ein idealisiertes Bild der «traditionellen Ehefrau»: häuslich, gehorsam und vollständig auf Familie und Mutterschaft ausgerichtet. Dieses Lebensmodell wird häufig mit religiösen Argumenten legitimiert – etwa mit Verweisen auf Bibelstellen oder die Vorstellung einer «gottgewollten Ordnung», in der der Mann das Oberhaupt der Familie ist.

Weshalb beunruhigt das den Frauenbund?

Paciarelli: Es zeigt sich, dass sich christlich-rechte Akteure international vernetzen und strategisch Themen wie Abtreibung, Familienpolitik oder Geschlechterrollen sowie Sexualerziehung in den Mittelpunkt politischer Mobilisierung stellen. Das Christentum wird zu einem Symbol für gesellschaftliche Ordnung und zur Abgrenzung gegenüber gesellschaftlichem Wandel.

Papst Leo XIV. empfängt die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am 2. Juli 2025 im Vatikan.
Papst Leo XIV. empfängt die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am 2. Juli 2025 im Vatikan.

Können Sie das konkretisieren?

Paciarelli: Ein bekanntes Beispiel dafür ist die viral gegangene Rede der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, in der sie sagt: «Ich bin Giorgia, ich bin eine Frau, ich bin eine Mutter, ich bin Italienerin, ich bin Christin.» Diese Aussage verbindet bewusst religiöse Identität, nationale Zugehörigkeit und traditionelle Rollenbilder. In derselben politischen Rhetorik stellt sie den Einsatz für Gleichwürdigkeit aller Menschen als Bedrohung für die «natürliche Familie» dar und positioniert das Christentum als Wertefundament, das diese Ordnung verteidigen müsse.

Religion wird dabei weniger als persönliche Glaubenspraxis dargestellt, sondern als kulturelle und politische Identität, als eine Art Bollwerk, mit der traditionelle Geschlechterrollen und gesellschaftliche Normen geschützt werden sollen.

Wo zeigt sich der Backlash betreffend Frauenrechte sonst noch?

Paciarelli: Auch feministische Errungenschaften geraten zunehmend unter Druck und die Finanzierung von Gleichstellungspolitik wird hinterfragt. Das zeigt sich auch in der aktuellen Debatte im Schweizer Parlament über das sogenannte Entlastungspaket 27, in deren Rahmen Kürzungen bei Programmen diskutiert wurden, die den Schutz von Frauen stärken – etwa bei Angeboten der Opferhilfe oder bei Gleichstellungsprojekten. Wenn ausgerechnet bei Massnahmen gespart wird, die Frauen vor Gewalt schützen oder ihre gesellschaftliche Teilhabe fördern, zeigt sich, wie fragil frauenpolitische Fortschritte bleiben und wie schnell sie politisch infrage gestellt werden können.

«In der Schweiz verbreiten rechtskonservative kirchliche Plattformen oder Debattenräume häufig Narrative über Genderideologie.»

Was lässt sich dazu in der Schweiz konkret beobachten?

Paciarelli: In der Schweiz zeigt sich dieses Phänomen weniger über grosse Organisationen, sondern eher über Diskurse, Medien und einzelne Netzwerke. Rechtskonservative kirchliche Plattformen oder Debattenräume verbreiten häufig Narrative über «Genderideologie», den angeblichen Verlust traditioneller Rollen oder die Verteidigung der «christlichen Familie». Diese Argumente greifen ähnliche Muster auf wie internationale rechte Bewegungen.

In der Gesellschaft werden Geschlechterrollen aufgebrochen - Toiletten-Symbole
In der Gesellschaft werden Geschlechterrollen aufgebrochen - Toiletten-Symbole

Gleichzeitig ist es wichtig festzuhalten: Die christlichen Kirchen in der Schweiz sind plural geprägt, und viele Menschen engagieren sich ausdrücklich für Gleichstellung und Gleichwürdigkeit aller Menschen, unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität oder Zivilstand.

«Das Kreuz wurde von der ‹Jungen Tat› als Zeichen einer angeblich zu verteidigenden christlichen Ordnung gegen Vielfalt eingesetzt.»

Können Sie die Genderideologie-Thematik an Beispielen erklären?

Paciarelli: Gerne. 2022 versuchten Mitglieder der Gruppe rechtsextreme Gruppierung «Junge Tat» einen ökumenischen Pride-Gottesdienst in Zürich zu stören, indem sie mit einem grossen Holzkreuz in die Kirche eindrangen und Parolen gegen den Pride-Monat verbreiteten. Die Aktion war bewusst symbolisch inszeniert: Das Kreuz wurde als Zeichen einer angeblich zu verteidigenden christlichen Ordnung gegen Vielfalt eingesetzt. Der Vorfall zeigt exemplarisch, wie religiöse Symbole in politischen Kulturkämpfen instrumentalisiert werden können – weniger als Ausdruck von Glaubenspraxis, sondern als politisches Signal gegen gesellschaftliche Veränderungen.

Sanija Ameti, im April 2024 in Bern.
Sanija Ameti, im April 2024 in Bern.

Und was haben Sie weiter beobachtet?

Paciarelli: Ein jüngeres Beispiel ist der Fall um Sanija Ameti. Die Debatte um ihre Schüsse auf einen Marienabbildung aus einem Kunstkatalog wurde sehr schnell politisch aufgeladen. Rechte und konservative Akteure nutzten den Vorfall, um breitere kulturkämpferische Narrative zu mobilisieren, etwa über «unsere christlichen Werte» oder über angebliche Angriffe auf die christliche Identität.

«Wir haben den respektvollen Umgang mit religiösen Symbolen betont, uns andererseits aber von islamophoben, sexistischen und kulturkämpferischen Reaktionen distanziert.»

Dabei ging es weniger um eine theologische Diskussion als um politische Symbolik. Christliche Motive wurden zu kulturellen Identitätsmarkern im politischen Konflikt. Der Frauenbund Schweiz hat in dieser Situation bewusst differenziert reagiert: Wir haben einerseits den respektvollen Umgang mit religiösen Symbolen betont, uns andererseits aber klar von islamophoben, sexistischen und eskalierenden kulturkämpferischen Reaktionen distanziert.

Mentari Baumann, Geschäftsführerin der kirchlichen Reformbewegung «Allianz Gleichwürdig Katholisch», die sich für Gleichberechtigung in der Kirche einsetzt
Mentari Baumann, Geschäftsführerin der kirchlichen Reformbewegung «Allianz Gleichwürdig Katholisch», die sich für Gleichberechtigung in der Kirche einsetzt

Beteiligen sich auch Theologinnen oder Theologen daran; wenn ja, wer und wie?

Paciarelli: Ja, auch innerhalb der Theologie gibt es unterschiedliche Positionen. Einige vertreten bewusst sehr traditionelle Geschlechterbilder und argumentieren entsprechend. Gleichzeitig engagieren sich viele Theologinnen und Theologen für eine theologische Weiterentwicklung, die die Gleichwürdigkeit von Frauen und Männern stärker betont. Gerade die feministische Theologie hat hier wichtige Impulse gesetzt.

Haben Sie auch hier ein Beispiel?

Paciarelli: Ja, ein aktuelles Beispiel für diese Spannung ist die Stellungnahme der Schweizer Bischofskonferenz zum Internationalen Frauentag mit dem Titel «Frauen in der Bibel – Würde, Mut und Berufung». Darin werden zwar die Würde und Bedeutung von Frauen hervorgehoben, gleichzeitig arbeitet der Text stark mit traditionellen Zuschreibungen wie Fürsorge, Hingabe, Glaubensstärke oder Mutterschaft.

«Solche Darstellungen wirken auf den ersten Blick wertschätzend, sind jedoch problematisch.»

Solche Darstellungen wirken auf den ersten Blick wertschätzend, sind jedoch problematisch, weil sie Frauen vor allem über bestimmte Eigenschaften und Rollen definieren. Frauen erscheinen dabei weniger als gleichberechtigte Entscheidungsträgerinnen, sondern eher als unterstützende, dienende oder spirituell inspirierende Figuren. Wenn Frauen vor allem über «typisch weibliche» Qualitäten beschrieben werden, wird implizit begründet, warum sie andere Aufgaben haben als Männer und weshalb bestimmte Machtpositionen weiterhin Männern vorbehalten bleiben können.

Haben Sie das auch anderswo festgestellt?

Paciarelli: Ja. Papst Franziskus hat die Ablehnung des Frauenpriestertums beispielsweise wiederholt mit einer symbolischen Geschlechterordnung begründet, die er als «petrinisches» und «marianisches» Prinzip beschreibt. Während das petrinische Prinzip für das apostolische Amt und damit für die Weiheämter steht, wird Frauen vor allem das marianische Prinzip zugeschrieben. Nach dieser Logik verkörpern sie die Kirche als empfangende und glaubende Gemeinschaft nach dem Vorbild Marias.

«Die geschlechtsspezifische Symbolik dient dazu zu erklären, warum sakramentale Leitungsämter weiterhin Männern vorbehalten bleiben.»

Frauen werden dabei zwar als besonders wichtig für das Wesen der Kirche gewürdigt, gleichzeitig dient diese geschlechtsspezifische Symbolik dazu zu erklären, warum sakramentale Leitungsämter weiterhin Männern vorbehalten bleiben. Solche Deutungen stabilisieren bestehende Hierarchien und Machtverteilung: Frauen werden rhetorisch aufgewertet, während zentrale Entscheidungs- und Leitungspositionen ein exklusives Privileg von Männern bleiben.

Sind Frauen in der katholischen Kirche mehr von Diskriminierung betroffen als die Frauen sonst in der Schweizer Gesellschaft – etwa weil sie wichtige Funktionen wie Priestertum nicht einnehmen dürfen?

Paciarelli: In der katholischen Kirche bestehen weiterhin strukturelle Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Diese betreffen nicht nur den Zugang zu Weiheämtern, sondern auch Fragen von Macht, Repräsentation und Entscheidungsstrukturen.

Frauen tragen einen grossen Teil der pastoralen, sozialen und organisatorischen Arbeit in der Kirche, etwa in Pfarreien, in der Seelsorge, in Bildungsarbeit oder in Frauenvereinen. Gleichzeitig bleiben zentrale Ämter und damit auch bestimmte Leitungs- und Entscheidungsfunktionen Männern vorbehalten.

«Dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts von bestimmten Ämtern kategorisch ausgeschlossen würden, wäre in gesellschaftlichen Bereichen ausserhalb der Kirche kaum vorstellbar.»

Auffällig ist dabei der Unterschied zu unserer demokratischen Ordnung: In der Schweiz garantiert der Gleichstellungsartikel der Bundesverfassung, dass Frauen und Männer rechtlich gleichgestellt sind und nicht aufgrund ihres Geschlechts ausgeschlossen werden dürfen. In der Kirche hingegen werden Frauen aufgrund ihres Geschlechts weiterhin von bestimmten Ämtern kategorisch ausgeschlossen. In anderen gesellschaftlichen Bereichen wäre eine solche Regel kaum vorstellbar. Für viele engagierte Frauen entsteht daraus ein Spannungsfeld zwischen ihrer grossen Verantwortung im kirchlichen Alltag und den institutionellen Grenzen ihrer Teilhabe.

Am Aarauer Frauenstreik 2019 marschierten auch Kirchenfrauen mit Mitra mit.
Am Aarauer Frauenstreik 2019 marschierten auch Kirchenfrauen mit Mitra mit.

Wie sollen Frauen, die Diskriminierung erleben oder beobachten, vorgehen? Was empfehlen Sie seitens des Frauenbunds?

Paciarelli: Zunächst ist wichtig, solche Erfahrungen nicht zu individualisieren. Wer Diskriminierung erlebt, ist damit meist nicht allein. Deshalb ermutigen wir Frauen, darüber zu sprechen und ihre Erfahrungen sichtbar zu machen.

«Die Emanzipation der Frauen war nur möglich, weil Frauen sich zusammengeschlossen und ihre Rechte oft gegen grossen Widerstand eingefordert haben.»

Ebenso zentral ist es, sich zu verbünden und sich zu organisieren. Frauenrechte wurden erkämpft, nicht geschenkt. Die Emanzipation der Frauen war nur möglich, weil Frauen sich zusammengeschlossen, solidarisiert und ihre Rechte oft gegen grossen Widerstand eingefordert haben. Dazu gehört auch der Mut zu widersprechen, wenn Ungleichbehandlung als selbstverständlich dargestellt wird. Frauenrechte sind keine Selbstverständlichkeit, sie bleiben fragil. Gerade deshalb ist es wichtig, dranzubleiben, sich zu vernetzen und gemeinsam für Gleichberechtigung und Gleichwürdigkeit einzustehen.

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Sarah Paciarelli | © zVg
8. März 2026 | 17:00
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