Dominik Bucher über Schöpfungszeit: «Wir bieten als Kirche Denkanstösse»
Er engagiert sich im Verein «Oeku – Kirchen für die Umwelt» für ein Leben im Einklang mit der Schöpfung. Und er findet: Gerade diesbezüglich könne die Kirche einiges bieten. Ein Gespräch mit dem Gemeindeleiter von Berg TG, Dominik Bucher, zum Anfang der Schöpfungszeit.
Regula Pfeifer
Dieses Jahr endet die Schöpfungszeit mit dem 800-Jahr-Jubiläum des heiligen Franziskus. Ist das ein guter Zufall?
Dominik Bucher: Franz von Assisi gehört zur Schöpfungszeit dazu, sein Gedenktag am 4. Oktober bildet jeweils den Abschluss. Allerdings macht das Jubiläum zum 800. Todesjahr dies besonders.
Weshalb hat Oeku hat den heiligen Franziskus nicht zum Thema der aktuellen Schöpfungszeit gemacht?
Bucher: Das Thema der Schöpfungszeit wird Jahre im Voraus bestimmt. Als wir bei Oeku vor drei Jahren damit begannen, hatten wir das grosse Franziskus-Jubiläum noch nicht im Blick. Ausserdem orientieren wir uns bei der Themenwahl seit längerem an den Entwicklungszielen der Uno. Diese hatte für 2026 das Thema «wertvoll leben» gewählt und mit der Frage nach einem guten Umgang mit den Dingen verbunden.
«Franziskus ist ein grosser Impulsgeber beim Umgang mit der Schöpfung, den Mitmenschen und weiteren Mitgeschöpfen.»
Ist der heilige Franziskus eine Inspirationsquelle für Oeku?
Bucher: Ja, sicher. Er ist ein grosser Impulsgeber beim Umgang mit der Schöpfung, den Mitmenschen und weiteren Mitgeschöpfen, auch heute noch.
Sie sind seit 2020 im Oeku-Vorstand. Was motiviert Sie, sich jedes Jahr wieder mit der Schöpfungszeit zu beschäftigen?
Bucher: Nicht wir vom Vorstand erarbeiten diese Themen, sondern ein Team aus Personen aus Fachstelle, Vorstand und externen Personen. Ich bin seit einigen Jahren nicht mehr in dieser Arbeitsgruppe dabei. Für Oeku ist die Schöpfungszeit natürlich sehr wichtig. Da dreht sich alles um unsere Grundanliegen. In der Schöpfungszeit setzen wir uns als Kirchen für die Bewahrung der Schöpfung ein.
«Gerade in diesem Sommer sehen wir, wie schwierig es auch für uns wird, wenn es der Schöpfung nicht gut geht.»
Und wie ist das für Sie?
Bucher: Ich finde schön, dass es diese Zeit gibt, in der man bewusst über die Schöpfung nachdenkt. Wir leben in und von der Schöpfung. Gerade in diesem Sommer sehen wir, wie schwierig es auch für uns wird, wenn es der Schöpfung nicht gut geht.
Sie sprechen die Hitze und andere Wetterextreme an…
Bucher: Genau, wir sind weiterhin in der Hitzephase, wie ich beim Blick aus meinem Fenster sehe. Und ich denke an den Hagel vom letzten Freitag. Bei uns verlief er zwar glimpflich, abgesehen von einzelnen sichtbaren Schäden.
Was möchten Sie mit der Oeku im Bereich Schöpfung und Umwelt erreichen?
Bucher: Wir möchten die Menschen für das Thema sensibilisieren. Und wir können als Kirchgemeinden auch viel realisieren – etwa bei unseren Gebäuden und den Grünanlagen drum herum, die wir ökologischer gestalten können.
«Wir brauchen die Schöpfung. Deshalb sollten wir behutsam mit ihr umgehen.»
Der Umgang mit der Schöpfung ist für mich auch eine spirituelle Frage. Wollen wir Christen uns wirklich die Schöpfung untertan machen und alles aus ihr rauspressen? Ich finde: Wir brauchen die Schöpfung, um leben zu können. Deshalb sollten wir behutsam mit ihr umgehen. Was Jesus über die Nächstenliebe unter Menschen sagt, lässt sich ausweiten auf Tiere und Pflanzen. Ich hoffe, dass auch meine Kinder und irgendwann vielleicht meine Grosskinder eine lebenswerte Schöpfung vorfinden.
Sie sind Gemeindeleiter der Thurgauer Pfarrei Berg, gemeinsam mit Ihrer Frau. Wie feiern Sie die Schöpfungszeit?
Bucher: Die Schöpfungszeit fällt in eine Zeit, in der bei uns viel los ist. Wir feiern das Patrozinium und den Bettag. Dennoch können wir das Schöpfungsthema einbringen – etwa in den Gottesdienst. Und wir bieten zweimal ein ökumenisches Schöpfungsgebet an, organisiert von Freiwilligen – am 8. und 29. September. Ausserdem behandeln wir das Thema im Religionsunterricht. Und meine Frau und ich greifen das Thema «Wertvoll leben» auf dem Sternmarsch in unserem Pastoralraum am 12. September auf.
«Am Ende beschlossen wir eine Erdwärme-Heizung. Die Kirchgemeinde wollte ein Zeichen setzen.»
Wie setzt sich ihre Pfarrei oder Kirchgemeinde konkret für die Schöpfung ein?
Bucher: Wir gehen in kleinen Schritten vorwärts. Letztes Jahr etwa renovierten wir unsere Kirche. Da mussten wir die Heizung wechseln. Wir diskutierten – und am Ende beschlossen wir eine Erdwärme-Heizung. Bei der Gasheizung zu bleiben, wäre wohl günstiger gewesen. Aber die Kirchgemeinde wollte ein Zeichen setzen.
«Wir mussten uns einigen, was einen Wert hat und wovon wir uns trennen können.»
Auch sonst mussten wir bei der Renovation immer wieder entscheiden: Wo braucht es etwas Neues, was behalten und renovieren wir? Wir mussten uns einigen, was einen Wert hat, und wovon wir uns trennen können.
Sie haben sich also mit dem Wert der Dinge beschäftigt, dem Thema der aktuellen Schöpfungszeit?
Bucher: Ja, genau. Beim Altar entschieden wir uns für einen neuen, weil der alte nicht mehr ins neue Raumkonzept passte. Die Stühle hingegen wollten wir behalten, auch aus Kostengründen. Wir frischten sie auf und fanden: Jetzt passt es wieder. Auch die alten liturgischen Geräte schauten wir uns an und entschieden, welche wir weiterverwenden wollen. Als kleine Pfarrei haben wir keinen eigentlichen Kirchenschatz. Die Gegenstände, die wir haben, sollen in Gebrauch sein und nicht irgendwo verstauben. Sie sind meist wertvoll.
Konnten Sie Gegenstände wieder entdecken und zurück in Gebrauch bringen?
Bucher: Ja, tatsächlich haben wir alte Kerzenständer gefunden, die kaum mehr in Gebrauch waren. Wir haben sie restauriert, so können sie wieder eingesetzt werden.
«Die erste Enzyklika zum Thema, «Laudato si’» von Papst Franziskus, ist für mich das wichtigste Schreiben.»
Welche Rolle hat die Kirche in unserer Gesellschaft – gerade bei den Themen Schöpfung und Ökologie?
Bucher: Leider nimmt Bedeutung der Kirche in unserer Gesellschaft ab. Aber ich glaube, dass wir gerade bezüglich Schöpfung durchaus einiges zu sagen haben, etwa mit Blick in die Geschichte. Der heilige Benedikt rief bereits im 6. Jahrhundert zur Mässigung auf. Der heilige Franziskus verfasste im 13. Jahrhundert den «Sonnengesang», einen Lobgesang auf die Schöpfung. Und Papst Franziskus publizierte vor elf Jahren die erste Enzyklika zum Thema, «Laudato si’» – für mich das wichtigste Schreiben. Wir setzen uns in der Kirche für eine Ökologie mit Mass ein. Dabei motivieren wir die Menschen, sich zu überlegen, wieviel sie brauchen und wann genug ist. Da bieten wir viele Denkanstösse. Ich hoffe, dass diese gehört werden.
Oeku zur Schöpfungszeit
Die diesjährige Schöpfungszeit dauert vom 1. September bis 4. Oktober. Sie beginnt am 1. September mit dem Tag der Schöpfung, den die Römisch-katholische Kirche und die Orthodoxen Kirchen feiern. Und sie endet mit dem 4. Oktober, dem Gedenktag des heiligen Franz von Assisi. Die Schöpfungszeit schliesst auch das Erntedankfest und den Bettag mit ein, wie beim Verein «Oeku – Kirchen für die Umwelt» nachzulesen ist.
Die diesjährige Schöpfungszeit hat Oeku unter das Motto «Wertvoll leben – der Mehrwert der Dinge» gestellt. Damit wird der übermässige Konsum kritisiert und auf den Wert von Gegenständen hingewiesen werden, die gar nicht käuflich sind. «In der Schöpfungszeit 2026 machen wir uns auf die Suche nach dem Mehrwert der Dinge und danach, was das Leben wertvoll macht», schreibt Oeku.
Wie üblich stellt Oeku dazu Predigtimpulse, liturgische und literarische Texte sowie Lieder zur Verfügung. Er gibt einen Einblick in die Welt der Brockenstuben und in den Mehrwert des Handwerks, macht Überlegungen zur Kreislaufwirtschaft und bietet ein Bibliodrama sowie Ideen für den Unterricht in Zusammenarbeit mit dem Verband Kind und Kirche. Beiträge dazu liefern unter anderen die römisch-katholischen Theologinnen Jacqueline Keune, Antje Kirchhofer und Claudia Mennen. (rp)
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