Joachim Valentin auf der Piazza Grande | © Locarno Festival
Schweiz
Joachim Valentin auf der Piazza Grande | © Locarno Festival

«In den Kinos treffen wir Menschen auf der Suche nach Zeichen der Zeit»

Locarno, 13.8.2017 (kath.ch) Am 70. Locarno Festival hat die Ökumenische Jury der Kirchen den US-amerikanischen Film «Lucky» von John Carroll Lynch ausgezeichnet. Warum dieser Film für die Jury der beste im internationalen Wettbewerb war und welche Rolle Religion im Festivalprogramm gespielt hat, berichtet der Frankfurter Theologe Joachim Valentin im Interview mit kath.ch. Valentin war Präsident der kirchlichen Jury am Locarno Festival (www.pardo.ch), das vom 2. bis 12. August über 250 Filme zeigte.

Charles Martig

Die Ökumenische Jury hat mit dem Film «Lucky» einen der Publikumslieblinge des Festivals ausgezeichnet. Warum?

Joachim Valentin: Zunächst ist für die Jury die Qualität ein wichtiges Kriterium. Wir finden bei «Lucky» ein gutes Drehbuch. Es hat wunderbare Schauspieler, grossartige Dialoge und sehr schöne Kameraeinstellungen. Jeder Türgriff wird gefeiert. Das ist in der Jury auf sehr viel Zustimmung gestossen.

In der Jury-Begründung ist die Spiritualität erwähnt. Was ist spirituell an diesem Film?

Valentin: Wir reden bewusst von Spiritualität und nicht von Religion, weil der Film Religion nicht explizit thematisiert. Der Hauptakteur Lucky läuft an einer Kirche vorbei und die Kirche ist geschlossen, was wir natürlich auch als gesellschaftliches Phänomen wahrgenommen haben. An den Orten, wo sich Menschen treffen, an der Bar, im Restaurant und auf der Strasse ist Kirche wenig präsent. Es gibt keinen Freund von Lucky, der religiös ist. Deshalb sprechen wir von existentiellen Fragen.

Die Frage nach Nächstenliebe wird ausdrücklich gestellt.

Der Film ist durchaus philosophisch zu nennen. Er entspricht dem, was der französische Existentialist Albert Camus entwickelt hat. Die Sinnlosigkeit des Lebens wird wahrgenommen. Die Verwundbarkeit und Endlichkeit des Lebens tritt auf. Sowohl die Figur als auch der reale Schauspieler Harry Dean Stanton sind über 90 Jahre alt. Er hat den nahen Tod vor Augen und in dieser Perspektive stellen sich viele Fragen neu. Wie er sich von einer zynischen, nihilistischen und atheistischen Haltung zu einem menschenfreundlichen Zeitgenossen entwickelt, das zeigt der Film sehr authentisch und sehr eindrücklich. Die Frage nach Realität, nach Wahrheit und sogar nach Nächstenliebe wird ausdrücklich gestellt.

Ist das typisch für die Filme im Wettbewerb?

Valentin: Wie ich es in sehr vielen Filmen der verschiedenen Genres sehe, taucht der persönliche Gott der christlich-jüdischen Tradition nicht auf. Aber die karitativen und lebensphilosophischen Themen des Christentums werden im Film sehr authentisch gezeigt.

Ihr Jury hat zwei weitere Filme hervorgehoben. Da scheint vor allem die Filmgestaltung eine Rolle zu spielen?

Valentin: Am deutlichsten wird das beim chinesischen Wettbewerbsbeitrag «Dragonfly Eyes», den wir ausdrücklich als experimentell charakterisieren. XU Bing ist ein weltweit anerkannter Künstler. Das ist bemerkenswert und ungewöhnlich ist auch die Machart des Films. Aus Bildern von Überwachungskameras kreiert er eine eigene Geschichte. All die Fragen nach Anonymität, nach Individualität, nach Privatsphäre und Kontrolle, die damit verbunden sind, sind in China von besonderer Dringlichkeit.

Die Sehnsucht nach Sinn, Zuwendung und Kultur wächst.

Die Filme stehen alle online. Es gibt einen eigenen Fernsehkanal für diese Überwachungsvideos. «Dragonfly Eyes» ist ein medienkritischer Film, der uns vor allem deshalb überzeugt hat, weil er uns selber als Objekte von Medien thematisiert und die Frage stellt: Wie kann man unter diesen medialen Bedingungen überhaupt arbeiten und leben?

Mit einer lobenden Erwähnung an «Winter Brothers» haben Sie auch einen dänischen Film ausgezeichnet. Was gab den Ausschlag dafür?

Valentin: «Winter Brothers» ist ein klassisch erzählter, narrativer Film der europäischen Tradition. Was Bilder und Ton angeht, geht er jedoch an die Grenzen: Er ist auf das Minimum reduziert. Das gilt auch für die Darstellung der Schauspieler. Wir sehen die Dunkelheit einer Mine, die wenigen Lichter der Bergarbeiter darin. Wir erleben intensiv, wie hart diese Arbeit ist, wie sehr sie die Körper und Psyche dieser Menschen angreift, wie wenig Kultur und Entfaltungsmöglichkeit sich in diesem Zusammenhang entwickelt. Gleichzeitig zeigt der Film, wie stark die Sehnsucht der Menschen nach Sinn, Zuwendung und Kultur wächst, wenn ihre Existenz fast auf die eines Tieres heruntergefahren wird.

Soziale Beziehungen sind abhanden gekommen.

Wie war Ihr Gesamteindruck vom Wettbewerb?

Valentin: Der internationale Wettbewerb war sicher überdurchschnittlich. Andererseits droht die Auswahl durch die Vielfalt der Genres, die recht mutig gemixt werden, zu verschwimmen. Das geht zu Lasten des klassischen Spielfilms.

Ist das als Kritik an der Programmgestaltung zu verstehen?

Valentin: Wir sehen positiv die Herausforderung des Marktes und des Mainstream-Kinos durch experimentelle Formen. Die würdigen wir ja auch durch unsere Preisverleihung. Gleichzeitig meine ich, dass eine Sprache und eine Beurteilung nur innerhalb gewisser Genre-Grenzen möglich ist. Es ist richtig, Dokumentarfilme an der Grenze zum Spielfilm und experimentelle Formen zu zeigen, aber wir würden uns eine stärkere Zuordnung der Filme zu den bestehenden Reihen des Festivals wünschen.

Hat dieser Mix aus Genres die Arbeit der Jury erschwert?

Valentin: Es handelt sich um ein Problem der Vergleichbarkeit. In Locarno hatten wir dieses Jahr vier Dokumentarfilme von insgesamt 18 Filmen im Wettbewerb. Es ist uns gelungen, die einzelnen Filme in sich zu würdigen. Wir waren jedoch in der Jury der Meinung, dass die Spielfilme deutlich stärker waren und haben uns deshalb für diese entschieden.

Welche Rolle spielte Religion im Programm des Festivals von Locarno?

Valentin: Da gibt es bei mir eine ambivalente Wahrnehmung. Einerseits sehen wir auf der Piazza Grande, im Wettbewerb oder in vielen kleineren «Concorsi», dass soziale Beziehungen abhanden kommen. Es fehlt eine Sprache. Ich denke dabei an «Drei Zinnen» oder «Freiheit», den deutschen Wettbewerbsbeitrag. Hier sieht man Kälte, es fehlen eine Mitte und eine Sinnkonzeption.

Ist damit ein soziales Unbehagen gemeint?

Valentin: Damit ist natürlich ein starkes soziales Unbehagen verbunden. Ich würde sogar so weit gehen, dass der «Wegfall der grossen Erzählungen» – wie Lyotard das nennt – dazu führt, dass die ethische Herausforderung und die Sprachfähigkeit verschwindet. Dies betrifft vor allem die Spielfilme.

In diesem Jahrgang gab es mehrere Dokumentarfilme im gesamten Programm des Festivals, die sich explizit mit Religion beschäftigt haben. Wie gehen Sie damit um?

Valentin: Das dokumentarische Material enthält immer auch fiktionale Elemente. Ein wichtiges Beispiel ist der Film «Cocote», in dem die Fiktion in den Dokumentarfilm eingeschrieben wird. Er handelt von religiösen Lebensformen und Ritualen in der Dominikanischen Republik, einer Form des Candomblé-Katholizismus mit einer intensiven Marien-Verehrung. Mit einer grossen Aufmerksamkeit und Genauigkeit beobachtet hier die Kamera, wie Menschen ihre Religiosität leben.

Aber es kommt auch die starke Spannung zwischen säkularer Moderne – mit Reichtum und Technik – und der tiefen Religiosität auf dem Land zum Ausdruck. Diese Spannung zerreisst Persönlichkeiten. Religion ist wieder da: nicht auf der Piazza Grande oder im internationalen Wettbewerb, aber in den kleineren Sektionen taucht sie auf.

Dabei scheint die Marienverehrung eine besondere Rolle zu spielen.

Valentin: Dem stimme ich zu. In «Anatomia dell miracolo» geht es um Menschen in Neapel, die sich um ein wundertätiges Marienbild gruppieren. Der Film verfolgt einzelne Schicksale bis tief in die Familiengeschichte hinein. Auch wenn für mich als deutschsprachiger Nordeuropäer manches befremdlich wirkt – Menschen schreien, laufen auf Knien zur Statue, bekennen laut schreiend ihre Sünden –, da ist doch etwas zu verstehen, was Religion in ihrem Kern eigentlich ist. Das tiefe Einsehen in die eigene Verwundbarkeit, die eigene Krankheit, das Benennen der eigenen Ängste und Verletzungen: Das macht die Madonna möglich.

«Was ist der Mensch?» – Diese Frage wird in Kinos andauernd gestellt.

Im Film wird gesagt: «Es geht gar nicht um Heilung.» Das ist jedoch ein späte Einsicht der jungen Protagonistin, die uns durch den Film führt. Sondern es geht darum, eine Sprache zu finden für die eigene Wunde. Neben diesem Aspekt habe ich in dem Film gesehen, dass es eine Zuwendung gibt in den Familien. Man nimmt sich in den Arm und man küsst sich. Selbst Menschen, die nicht im Zentrum des Katholizismus und seiner normativen Vorgaben leben, sind Teil der Gemeinschaft. Und das ist tief beeindruckend.

Warum sollten die Kirchen an Filmfestivals präsent sein?

Valentin: Als Katholik sage ich mit unserem Papst Franziskus: «Geht an die Orte, wo die Menschen sind.» Er hat sogar gesagt: «Geht an die Ränder!» Das sind zwei Sätze, die in unterschiedlicher Weise in Locarno oder an anderen Festivals eine klare Herausforderung für die Kirchen bedeuten, an diesen Veranstaltungen präsent zu sein. Weil wir hier in den Kinos Menschen treffen, die auf der Suche sind nach einem Bild, nach «Zeichen der Zeit».

Die Theologie vernachlässigt sträflich viele wichtige Themen.

Wie ist unsere Zeit zu verstehen, was passiert eigentlich in Asien und was in Lateinamerika? Allein um zu wissen, was diese Menschen umtreibt, ist es wichtig präsent zu sein. Aber auch in der Aussenwahrnehmung spielt die Präsenz ein wichtige Rolle. Wie es der Präsident des Festivals, Marco Solari sagt, gilt es die Frage nach dem Sinn des Menschen, die Frage nach Ökonomie und den Versuchungen der medialen Umwelt auch von Seiten der Kirchen zu stellen und im Dialog zu bleiben. Das ist für mich ganz entscheidend.

Welche theologische Bedeutung hat das Schauen und Diskutieren von Filmen für Sie?

Valentin: Die Filme sind durchaus auch kritische Anfragen an die Theologie. Ein Thema, das mich seit langem beschäftigt, ist das einer theologischen Anthropologie. Was ist der Mensch? Wie lebt der Mensch heute? Das wird in der Theologie sträflich vernachlässigt. Diese Frage wird im Kino dauernd gestellt. Menschen begegnen sich auf der Leinwand, sie fragen sich: «Wer bin ich?»

Die Frage nach der Heilkraft von Religion für einzelne Menschen in ihrer Bedürftigkeit und Gebrechlichkeit, aber auch für soziale Systeme, für Familien und Beziehungen wird ganz deutlich gestellt. Einerseits geht es um einen moralischen Appell. Andererseits auch um das Bedürfnis, sich auf Religion zurückfallen zu lassen. Wir sind uns gar nicht bewusst, wie viel wir anzubieten hätten, wenn wir denn den Mut hätten, offensiv die spirituelle und auch sakramentale Kraft unserer Religion mit den Menschen zu teilen.

Was schätzen Sie besonders am Filmfestival Locarno?

Valentin: Weil ich zum dritten Mal in Locarno bin, kann ich sagen, dass ich ein Fan des Festivals bin. Einmal wegen der Atmosphäre, der Lage und der Landschaft, die spätestens wenn man am Abend auf Piazza Grande sitzt zu einem eminent wichtigen Teil des Festivals wird. Es ist aber auch die Filmauswahl, die mich überzeugt. Da sehen wir ein starkes, globales Kino, das sich jungen Filmschaffenden zuwendet und mutige Experimente wagt. Es auch eine gute Chance, Schweizer Filme zu sehen.

Webseite des Locarno Festival


Harry Dean Stanton im Film "Lucky" von John Carroll Lynch © Locarno Festival
Harry Dean Stanton im Film "Lucky" von John Carroll Lynch © Locarno Festival
Die Ökumenische Jury 2017 (v.l.) Arielle Domon, Robert K. Johnston, Rinke van Hell, Lukas Jirsa, Monique Beguin, Joachim Valentin | © Locarno Festival
Die Ökumenische Jury 2017 (v.l.) Arielle Domon, Robert K. Johnston, Rinke van Hell, Lukas Jirsa, Monique Beguin, Joachim Valentin | © Locarno Festival

Preis der Ökumenischen Jury geht an «Lucky»

Der Preis der Ökumenischen Jury am 70. Locarno Festival ging an «Lucky» des US-amerikanischen Regisseurs John Carroll Lynch. Konzipiert als Hommage an Harry Dean Stanton, berühmt durch seine Hauptrolle in «Paris Texas» von Wim Wenders, fragt «Lucky» nach dem Sinn des Lebens im Angesicht des nahen Todes. Unter der Regie eines versierten Schauspielers und unter Mitwirkung David Lynchs in einer einprägsamen Nebenrolle, spielt der Film in einer kleinen Stadt am Rande der Wüste. «Lucky, obwohl zornig, ängstlich und alleine, lernt nach und nach andere zu lieben und schliesslich eine dem Leben zugrunde liegende Spiritualität zu erkennen», schreibt die Jury in Ihrer Begründung.

Der Schauspieler und Regisseur John Carroll Lynch hält in seiner Dankesbotschaft zum Preis fest: «Es bewegt mich sehr, dass dieser Film, der so offensichtlich atheistisch ist, einen solchen Preis erhält. Das spricht für die Verpflichtung der Jury gegenüber dem Wort ‘ökumenisch’. In ihrem Herzen und in ihrem Bewusstsein, scheint es mir, gibt es für den Atheismus einen Platz im Regenbogen der Glaubensrichtungen: Seine Farbe ist schwarz. Dafür danke ich der Jury.»

Der Preis der ökumenischen Jury ist mit einem Preisgeld von CHF 20’000 verbunden, das von den Reformierten Kirchen und der Katholischen Kirche in der Schweiz zur Verfügung gestellt wird. Es ist bestimmt für den Verleih des Films in den Schweizer Kinos. Den diesjährigen Gewinner wird Xenix-Film im Dezember 2017 ins Kino bringen. Zum Preisträger «Lucky» gibt es weitere Informationen und eine Einschätzung auf dem Blog von Charles Martig.

Die Ökumenische Jury am Locarno Festival hat zudem zwei Filme aus dem Wettbewerb als besonders sehenswert hervorgehoben und vergab deshalb zwei lobende Erwähnungen an «Winter Brothers» (Dänemark / Island 2017) und «Dragonfly Eyes» (China 2017). Weitere Informationen zu den Preisen finden sich auf der Webseite von Interfilm. (cm)

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