Kardinal Kurt Koch in Freiburg | © Georges Scherrer
Schweiz
Kardinal Kurt Koch in Freiburg | © Georges Scherrer

Rifa'at Lenzin zu Kardinal Koch: Schweiz ist christlich geprägt

Zürich, 22.12.15 (kath.ch) Fein, aber dezidiert reagiert die Schweizer Islamwissenschafterin Rifa’at Lenzin auf die Gesellschaftskritik, die Kurienkardinal Kurt Koch kürzlich äusserte. Muslime hätten nicht das Gefühl, dass die Religion in der Schweiz aus der Öffentlichkeit verdrängt ist, sagte die Co-Präsidentin der Gemeinschaft Christen und Muslime in der Schweiz (GCM) und Vizepräsidentin der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft der Schweiz IRAS-COTIS gegenüber kath.ch.

Barbara Ludwig

Die meisten Muslime in der Schweiz erblickten eine Bedrohung nicht im Christentum, sondern gerade in der «totalen Säkularisierung und Verdrängung des Religiösen aus der Öffentlichkeit», schrieb der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch am vergangenen Wochenende in einem Gastbeitrag für den «Sonntagsblick». kath.ch konfrontierte Frau Rifa’at Lenzin mit den Aussagen des Kardinals.

Fühlen sich Muslime tatsächlich unwohl in einer Gesellschaft, in der Religion in der Öffentlichkeit je länger je weniger präsent ist?

Rifa’at Lenzin: Abgesehen davon, dass der Begriff «Säkularismus» in der islamischen Welt aus historischen Gründen eher negativ konnotiert ist, sehen Muslime – nicht nur in der Schweiz – im Christentum keine Bedrohung. Da hat Kardinal Koch völlig Recht. Als Muslim hat man aber nicht das Gefühl, dass Religion in der Öffentlichkeit weniger präsent ist. Jede Kirche und jeder christliche Feiertag erinnert einen daran, in einem christlich geprägten Land zu leben. Weihnachten ist allgegenwärtig.

Mit dem Säkularismus schweizerischer Prägung haben die allerwenigsten Muslime ein Problem. Problematisch wird es für sie erst – vor allem für die religiös praktizierenden unter ihnen –, wenn unter dem Eindruck eines verabsolutierten Säkularismus ihre legitimen Bedürfnisse und Rechte negiert werden. Mit anderen Worten, wenn sich unter dem Deckmantel des Säkularismus eine Islam- und Muslimfeindlichkeit breitmacht.

Etwas anders sieht es bei den Neuankömmlingen unter den Muslimen aus. Viele Flüchtlinge – allerdings nicht nur Muslime, sondern auch Christen – sind tatsächlich oft irritiert darüber, dass Religion bei den Schweizern so keine mehr Rolle spielt.

Erwarten Muslime in der Schweiz, dass Schweizer ihnen bezüglich ihrer Religion Red’ und Antwort stehen können?

Lenzin: Die Frage verlangt nach einer Präzisierung: Es gibt nicht einfach «die Schweizer» und «die Muslime». Es gibt auch Schweizer Muslime. Wer soll also wem Red› und Antwort stehen? Viele Muslime wissen über ihre Religion genauso viel oder wenig wie viele Christen über ihre.

Stört es die Muslime in der Schweiz, wenn unter den Schweizern das Unwissen über ihre eigenen religiösen Wurzeln zunimmt?

Lenzin: Ich gehe davon aus, dass mit «den Schweizern» christlich geprägte Schweizer gemeint sind. Das stört Muslime dann, wenn mit dieser Indifferenz der eigenen Religion eine Ablehnung der berechtigten religiösen Bedürfnisse der Muslime einhergeht.

Gibt es Muslime in der Schweiz, denen ihre Religion und Religion generell wenig bedeutet und denen es demzufolge nichts ausmacht, in einem Land zu leben, dessen christliche Prägung schwächer wird? Beispielsweise Muslime, die sich freier fühlen, wenn sie ihr Leben frei von religiös-kulturellen Traditionen leben können?

Lenzin: Natürlich gibt es diese Muslime auch. Probleme haben allerdings nicht sie, sondern diejenigen Muslime, denen ihre Religion wichtig ist und die diese auch leben möchten.

Der Kardinal bedauert, dass in der Öffentlichkeit immer nur die so genannten «religiösen Zeichen» Probleme machen. Geht es Ihnen manchmal auch so?

Lenzin: Ich bedaure, dass Religion vor allem in ihren problematischen Ausprägungen wahrgenommen wird. Es ist auch wenig hilfreich, wenn auch in der Schweiz zunehmend mit Religion Politik gemacht wird.

Mit welchen religiösen Zeichen haben Sie Mühe?

Lenzin: Ich habe grundsätzlich keine Probleme mit religiösen Zeichen im öffentlichen Raum als Ausdruck gelebter kultureller und religiöser Vielfalt. Mühe habe ich persönlich mit offensiv vorgetragener exklusivistischer Religiosität und entsprechenden Werbeveranstaltungen, seien das nun Koran-Schüler oder selbsternannte Jesus-Jünger.

Wie haben Sie es mit dem muslimischen Kopftuch: Würden Sie es lieber aus der Öffentlichkeit verbannt sehen?

Lenzin: Die kulturelle und religiöse Vielfalt muss auch im öffentlichen Raum sichtbar werden dürfen. Deshalb gehört das muslimische Kopftuch ebenso dazu wie eine jüdische Kippa oder der Turban eines Sikhs. (bal)

Rifa’at Lenzin | © 2015 Remo Wiegand
Rifa’at Lenzin | © 2015 Remo Wiegand
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