Reto Müller: «Taizé ist eine Oase und ein Inspirator»
Frère Matthew hat heute die Leitung in Taizé von Frère Alois übernommen. Dieser war 18 Jahre Prior der Glaubensgemeinschaft. Was bedeutet dieser Wechsel? Reto Müller, pensionierter Priester aus Schwyz, kennt Frère Alois gut. Im Interview erklärt er, dass in Taizé nicht nur Facetten der Weltkirche zu sehen sind. «Taizé steht zwischen den institutionellen Kirchen, hat so immer prophetischen Charakter.»
Wolfgang Holz
Heute wechselt die Leitung in Taizé: Nach 18 Jahren als Prior gibt Frère Alois die Leitung ab an den Frère Matthew. Wie erleben Sie diesen Moment?
Reto Müller: Taizé hat schon immer betont, sie sei eine provisorische Gemeinschaft; wäre das Ziel der Einheit der Kirchen erreicht, würde sie überflüssig werden. Es könne auch aus anderen Gründen soweit kommen, dass sich die Communauté auflöse, denn es gehe nicht um sie, sondern um die Botschaft, die Idee, das Anliegen, welche Taizé vertritt.
«Ein Wechsel in der Leitung ist auch ein Zeichen, dass nicht alles immer gleich weitergehen muss.»
Ein Katholik übergibt den Stab an einen Anglikaner: Welche Bedeutung hat dies aus Ihrer Sicht für die Bewegung?
Müller: Ein Wechsel in der Leitung ist auch ein Zeichen, dass nicht alles immer gleich weitergehen muss. Frère Roger war Calvinist, Frère Alois ist katholisch, Frère Matthew ist Anglikaner: Da werden verschiedene Facetten der Weltkirche sichtbar. Kriterium für den neuen Prior war sicher, ob er die Gabe der Leitung und Unterscheidung besitzt. Dass er aus einer anderen christlichen Kirche stammt, ist schön.
Sie haben Frère Alois gut gekannt. Was war er für ein Mensch – in groben Zügen skizziert?
Müller: Frère Alois war ein sehr spiritueller und bescheidener Mensch, er hat es nicht gesucht, im Rampenlicht zu stehen. Er war noch zu Frère Rogers Lebzeiten zum Nachfolger bestimmt worden und konnte sich über Jahre in diese Aufgabe einleben. Er ist Komponist vieler neuerer Taizé-Gesänge, die seine Innerlichkeit und seine monastische Berufung zum Ausdruck bringen, und er ist ein sehr genügsamer, friedlicher, versöhnlicher Mensch.
Worin sehen Sie seine grösste Leistung im Wirken für Taizé?
Müller: Dass er die Jugendlichen und andere Besucher nicht an sich binden wollte, sondern an die gemeinsame Berufung und Spiritualität der Communauté, an den Glauben, an die Kirche. Er hat die «Quellen» von Taizé – die Regel, die Ursprünge, den Stil, die Beweglichkeit, die Offenheit – weiter verwirklicht. In einer neuen Sprache, als Vertreter der jetzigen Generation, in einer angenehmen, aber überzeugenden Unaufdringlichkeit.
«Taizé ist eine Kirche in der Balance zwischen Intellekt einerseits und Vertrauen andererseits.»
Was bedeutet für Sie Taizé persönlich?
Müller: Taizé ist, um ein Wort von Johannes XXIII aufzugreifen, der «kleine Frühling der Kirche»: Da wird exemplarisch eine Kirche ohne Macht und ohne Mittel, die all ihre materiellen und spirituellen Gaben teilt, ohne Bedingungen zu stellen. Das ist eine Kirche, die spürbar aus der Freude am Glauben lebt, niemals verurteilt und immer an das Positive im Menschen anknüpft.
Wie meinen Sie das?
Müller: Taizé ist eine Kirche in der Balance zwischen Intellekt einerseits und Vertrauen andererseits. Denn es werden theologische Bücher geschrieben, und die Brüder waren und sind Pioniere des ökumenischen Dialogs auf höchster Ebene. Und das Vertrauen ist spürbar in der Unvoreingenommenheit der Brüder wie in den Liedern und der Stille in den Gebetszeiten.
Wie wichtig ist Taizé für das kirchliche Leben heute? Taizé gilt ja als Symbol der ökumenischen Bewegung?
Müller: Taizé ist eine Oase und ein Inspirator, wo mit grosser Selbstverständlichkeit und Einfachheit die elementarsten Sätze des Evangeliums gelebt werden. Darum wird Taizé notwendigen kirchlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen vorangehen. Taizé steht zwischen den institutionellen Kirchen, hat so immer prophetischen Charakter und kann sich eine gewisse Unbekümmertheit und Flexibilität leisten.
*Das Interview wurde schriftlich geführt.
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