Mounia Bennani-Chraïbi (links) mit Roberto Simona | © Jacques Berset
Schweiz
Mounia Bennani-Chraïbi (links) mit Roberto Simona | © Jacques Berset

Religionswechsel von Christen und Muslimen in der Schweiz

Lausanne, 6.2.19 (kath.ch) Es ist schwierig herauszufinden, wie viele Christen in der Schweiz zum Islam konvertiert sind. Die höchste Schätzung geht von 10’000 Personen aus. Hingegen seien es nur ein paar hundert Personen, die vom Islam zum Christentum konvertieren, erklärt Roberto Simona. Er verteidigte am 4. Februar seine These im Fach Politikwissenschaft an der Universität Lausanne.

Jacques Berset

Simona leitet den Bereich Westschweiz und Tessin des katholischen Hilfswerks «Kirche in Not». Er stellte bei seinem Auftritt in Lausanne  fest, dass es schwierig sei, die Anzahl der Konvertierten in der Schweiz zu quantifizieren. Tatsächlich betrachteten sich jene, welche die Bekehrung zu einer anderen Religion vollendet haben, einfach als Mitglieder ihrer neuen Glaubensgemeinschaft.

In seiner Doktorarbeit mit dem Titel «Eine soziologische Studie über den Konversionsprozess in der Schweiz: vom Christentum zum Islam und vom Islam zum Christentum» (»Une étude sociologique du processus de conversion en Suisse: du christianisme à l’islam et de l’islam au christianisme») verarbeitet Simona 32 Interviews, die er mit Personen führte, welche die Religion gewechselt haben.

Kirche heisst Menschen willkommen und begleitet sie.

Er nahm diese über mehrere Jahre hinweg in der Deutschschweiz, der Westschweiz und im Tessin auf. Diese Gespräche vermitteln einen soziologischen Einblick in die Konversion jener Menschen, die sich für einen neuen Glauben entschieden.

Unterschiedliche kirchliche Positionen

Der Forscher zeichnet den Weg jener nach, die nach der Verkündigung des Glaubensbekenntnisses des Islam, der «Shahada» (was «Zeugnis» oder «Bekenntnis» bedeutet), die Religion wechselten. Simona geht auch auf Muslime ein, die aus muslimischen Ländern stammen, sich in der Schweiz niederliessen und dafür entschieden, sich taufen zu lassen. Die Geschichten ähneln sich, sagt Simona, weisen aber auch einen asymmetrischen Charakter auf.

Zufällige Begegnungen führen zu Interesse für andere Religionen.

Roberto Simona listet zudem die verschiedenen Positionen der Kirchen gegenüber Menschen auf, die sich bekehren wollen. Die Liste reicht von der katholischen Kirche, welche diese Menschen willkommen heisst und auch begleitet, bis hin zu aktiveren, missionarischeren Akteuren. Dies gilt insbesondere für die evangelikalen Kirchen, die gemäss der neusten Daten des Bundesamtes für Statistik in der Studie «Religion, eine Familiengeschichte?» zwei Prozent der Schweizer Bevölkerung ausmachen.

Simona berücksichtigte ausschliesslich Personen, welche die Konversion vollzogen haben. Er ging nicht auf Leute ein, die erklären, dass sie sich einer anderen religiösen Orientierung näher fühlen als jener, die sie über ihre Familie geerbt haben.

Nach der Einbürgerung

In seiner Arbeit stellt Simona fest, dass diejenigen, die die Religion wechseln, Gefahr laufen, von ihrem sozialen Umfeld, ihren Familien und ihrem Arbeitsplatz abgekoppelt zu werden. Er stellt in seiner Studie fest, dass die Anziehungskraft auf die neue Religion vor allem auf zufällige Begegnungen zurückzuführen ist und nicht auf eine von Kirchen oder Moscheen geführte Konversionsstrategie.

Konversion bedeutet einen langsamen Prozess.

Roberto Simona hat bemerkt, dass einige Befragte mit der von ihren Eltern vererbten Religion unzufrieden waren oder sie sogar ablehnten. Er vertritt die Ansicht, dass die Konversion von Ausländern zum Christentum nicht nur auf die Anziehungskraft auf ein westliches Land, auf die Motivation zum Erhalt einer Aufenthaltserlaubnis oder eines Schweizer Passes zurückzuführen ist. Denn die Konversion bedeute einen langsamen Prozess, die zeitlich weit nach der Einbürgerung vollzogen werden kann.

Wenig untersuchtes Gebiet

Die Sozialwissenschaftlerin Anne-Sophie Lamine, Professorin an der Universität Strassburg, lobte als Gutachterin die «mutige» Arbeit, weil sie die Konversionsprozesse von Christen und Muslimen vergleicht. Hansjörg Schmid, Co-Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft (SZIG) und Professor an der Universität Freiburg, wies darauf hin, dass das Thema noch nicht stark aufgearbeitet wurde. Das Interesse richte sich heute eher auf die Radikalisierung von Muslimen.

Heute trifft man allzu oft auf «Fast-Food-Wissenschaften».

Schmid wies insbesondere darauf hin, dass die Konversion in der Schweiz einen freien Entscheid bedeute, wie die neue Studie aufzeige. In seiner kritische Würdigung der Arbeit erwähnte Schmid «einige entschuldbare Spuren», die mit dem religiösen Hintergrund des Forschers zu tun hätten. Schmid machte gleichzeitig aber auch klar, dass Roberto Simona klar auf seinen religiösen Hintergrund hinweise.

Berührung mit der Theologie

Monika Salzbrunn, Professorin für «Religion, Migration und Diaspora» an der Universität Lausanne, bezeichnete die Arbeit als «sehr reichhaltig und originell». Sie sei das Ergebnis einer sehr langen Arbeitsphase. Heute treffe man allzu oft auf «Fast-Food-Wissenschaften». Sie wies auf die zuweilen «mehr theologische als soziologische» Tendenz in der Arbeit hin, die viel über den Weg des Autors in der katholischen Kirche aussage.

Simonas Doktormutter, Mounia Bennani-Chraïbi, Professorin an der Universität Lausanne, lobte die «schöne Arbeit». Simona hatte seinen Thesenvorschlag 2009 eingereicht, benötigte aber viel Zeit für die Umsetzung, weil er als Familienvater und Experte für das Hilfswerk «Kirche in Not» in viele Krisengebiete gereist sei. Das Endresultat der Arbeite sei aber nun «sehr anregend». (cath.ch/Übersetzung: G. Scherrer)

 

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Begeisterung für Jesus | © 
Carlos Arthur Unsplash
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Kaligraphie zum Namen Allah | © Ashkan Forouzani Unsplash
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