Majorin Regula Knecht: Das Lied von König David
In ihrer ersten Radiopredigt spricht Majorin Regula Knecht-Rüst über den Psalm 23 und seinen Verfasser: König David. Er schaut zurück auf ein bewegtes Leben. Knecht ist überzeugt, David konnte dieses Lied nur schreiben, weil «David so ziemlich alles erlebt hat.»
Regula Knecht-Rüst*
Da sitzt er. In einem aufwändig hergestellten Stuhl. Mitten in einem Raum voller wertvoller Möbel und prunkvoller Teppiche. Sein Oberkörper ist leicht vornübergebeugt. Er stützt sich mit einem Arm auf den Armlehnen ab. Er ist gezeichnet von seinem langen Leben. An den Muskeln an seinen Armen erkennt man, dass dieser Mann einst ein kräftiger Mann war. Seine Haare sind weiss und gekraust. Er trägt Schmuck an den Fingern, um das Handgelenk und um den Hals. Dieser Mann ist reich. Das zeigen seine prachtvollen Gewänder, welche er trägt. Dieser Mann hat Einfluss. Und er hat viel erlebt.
Der Schafhirte
Irgendetwas in seinem Gesichtsausdruck deutet darauf hin. Seine Gedanken wandern zurück in seine Jugend. Tag für Tag war er draussen unterwegs. Er hat sich gerne bewegt. Er sah gut aus. Er war mutig. Er kümmerte sich um die Schafherde seines Vaters. Das Leben draussen in der kargen, felsigen Umgebung seines Wohnortes und in der Einsamkeit war nicht leicht – aber es war erfüllend.
Das schlichte Leben
Er erinnert sich, wie er manchmal stundenlang, tagelang, wochenlang unterwegs war auf der Suche nach frischen Weideplätzen. Oder auf der Suche nach einer erfrischenden Wasserquelle für seine Herde. Er erinnert sich auch daran, wie in der wärmeren Jahreszeit Mutterschafe gesunde Lämmer zur Welt brachten. Ah – es tut gut zurückzudenken! An dieses schlichte Leben.
Die Angst von damals
Aber manchmal waren die Stunden sehr lang – und einsam. Zum Beispiel, wenn er ein Schaf suchen musste, dass verloren gegangen war. Wie mühsam und kräfteraubend war das. Vor seinem inneren Auge sieht er noch genau, dass schreckliche Weiss in den Augen der Schafe. Wenn sie den Geruch eines Wolfes, eines Bären oder sogar eines Löwen witterten. Er erzittert in Gedanken daran. Auch er hatte Angst – damals. Der alte Mann hört das verzweifelte Blöken, wenn ein Schaf sich verletzt hat. Das wird für immer in seinem Gedächtnis eingeprägt bleiben. Er seufzt tief und richtet sich auf.
Lieder bringen Trost
Ja – all das hat die Grundlage für sein weiteres Leben gelegt. All das hat ihn geprägt bis heute. In diesen Stunden und Tagen hat er Lieder geschrieben. Lieder gesungen. Lieder an seinen Gott gerichtet. Vor allem dann, wenn die Einsamkeit und die Verantwortung überhandnahmen. Wenn seine Sorgen ihn einnebelten wie eine dunkle Wolke. Immer wieder hat ihm das Singen und Beten geholfen. Es hat ihn daran erinnert: Auch wenn er einsam ist – da ist ein Gott, der sich kümmert. Er kümmert sich um seine Schafe, aber er kümmert sich auch um ihn. Er lässt ihn nicht allein auch an den schwierigen, dunklen Tagen. «Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts fehlen»…. Leise summt der alte Mann eine Melodie.
Psalm 23
Das war die Geburtsstunde eines berühmten Liedes: Des Psalms 23. Liebe Hörerin, lieber Hörer, sie haben es vielleicht längst erkannt: ich habe ihnen von König David erzählt. Er war als junger Mann ein einfacher Schafhirte. Erst später wurde er König von Israel. König David erlebte Erfolge als Heerführer. Aber er durchlitt auch sehr strube Zeiten in seinem Leben: Sein Konkurrent war krankhaft eifersüchtig; die Flucht in ein fremdes Land; grosse Sorgen um seine Familie; ein schwacher Moment, in dem er einen schlimmen Fehler machte. Er verführte eine verheiratete Frau; sein erstgeborenes Kind starb bei der Geburt und – er konnte seinen Lebenstraum nicht verwirklichen. Er wollt Gott ein wunderschönes Haus bauen – einen Tempel. Aber er blieb in der Planungsphase stecken. Kurzgefasst: David hat so ziemlich alles erlebt.
Das Zurückblicken
Vielleicht ist es das Phänomen des Älterwerdens, ab der Lebensmitte, dass man öfters zurückschaut und nachdenkt. Welche Momente ihres Lebens füllen dann ihre Gedanken und ihr Herz? An was denken Sie, wenn Sie einen ruhigen Moment haben und zurückschauen? Kennen Sie die eine oder andere Situation, welche David erlebt hat?
Verschlungene Pfade im Leben
Ich begegne täglich Menschen, die etwas davon verstehen, was David erlebte: Sie sind geflüchtet in ein anderes Land oder vor Situationen. Sie trauern um einen lieben Menschen. Viele, viele sind einsam. Oder sie erleben ihr Leben als ständigen Kampf. Ein Kampf gegen Armut, gegen die Macht des dunklen Tales ihrer Psyche oder Kampf gegen Süchte. Oder sie kauen immer noch daran, dass ihr Lebenstraum nicht wahr wurde und sie leben mit dem unausgesprochenen Satz: «Wenn ich mich nur damals anders entschieden hätte – oder das und das nicht passiert wäre, dann könnte ich nun glücklich sein. «Unser Leben verläuft so oft nicht unseren Wünschen und Vorstellungen entsprechend.
Ein «Segenslied» aus Lebensstürmen
Der Psalm 23 ist für Generationen von Menschen auf der ganzen Welt zu einem grossen Segen geworden. Warum? Weil genau dieses Lied von jemandem geschrieben wurde, der weiss, was Verzweiflung heisst. Der es selbst erlebt hat: die rauen Seiten des Lebens: Scheitern, Verzweiflung, Verlust und noch viel mehr. Der Lebenswind blies David kalt entgegen. Aber er hielt an der Überzeugung fest: mitten in all dem ist ein Gott, der um alles weiss. Gott, der führt. Gott, der versorgt. Der mit durch das dunkle Tal geht. Der dich willkommen heisst – trotz deines Scheiterns. Gott, der dich erfrischt. Und – Gott, bei dem wir ein Leben lang sein und bleiben können – zur Ruhe kommen trotz Lebensstürmen.
Psalm 23 in unseren Tagen
Ich lese dieses Lied von David, den Psalm 23 und füge nach jedem Satz eine Bitte dazu, welche sich auf unser Leben bezieht.
«Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln»: Gott – mein Hirte – gib mir, was ich wirklich brauche. Du kennst mich und füllst meine Leere.
«Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquickt meine Seele»: Gott – mein Hirte – führe mich in die Ruhe, an den Ort wo ich erlebe, dass du mich versorgst.
«Er führet mich auf rechter Strasse um seines Namens willen»: Gott – mein Hirte – führe mich, weil du die besseren Pläne mit mir hast als ich sie habe.»
«Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Dein Stecken und Stab trösten mich»: Gott – mein Hirte – du lässt mich nicht allein in Verzweiflung, Angst, Überforderung, Einsamkeit und Trauer. Zeig mir, dass du da bist – irgendwie.
«Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl»: Gott – mein Hirte – du empfängt mich als Ehrengast. Ich darf in deiner Gegenwart sein und du freust dich darüber.
«Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein»: Gott – mein Hirte – du schenkst mir genug, dass ich teilen und weitergeben kann.
«Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen ein Leben lang. Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar»: Gott – mein Hirte – danke, dass du mir ein Zuhause versprichst und schon vorbereitet hast. Bei dir darf ich zuhause sein. Bei dir darf ich sein. Danke!
*Regula Knecht-Rüst ist Majorin der Heilsarmee und arbeitet in Winterthur.
Bibelstelle: Psalm 23
Die SRF-Radiopredigten sind eine Koproduktion des Katholischen Medienzentrums, der Reformierten Medien und SRF2 Kultur.
Zu den SRF-Radiopredigten geht es hier.
Das Archiv der Radiopredigten und weitere Informationen um die Radiopredigten finden Sie hier.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




