Joël Pralong | © 2015 Pierre Pistoletti
Schweiz
Joël Pralong | © 2015 Pierre Pistoletti

Pädophilie: Die Wunden können Hebel sein, um Heilung zu bewirken

Freiburg i.Ü., 4.1.16 (kath.ch) Die schlimmen Verletzungen, die ein Pädophiler jungen Menschen zufügt, können nicht geheilt werden. Sie können aber als Hebel eingesetzt werden, um aus dem eigenen Tief zu finden, sagt der Regens des Priesterseminars des Bistums Sitten, Joël Pralong, im Interview mit cath.ch. Der oberste Ausbildner der künftigen Priester für das Wallis, die in Freiburg auf das Priesteramt vorbereitet werden, hat in einem Buch sieben Zeugnisse von Menschen zusammengefasst, die Opfer von Pädophilie waren. Unter den Tätern befindet sich auch ein Priester. Pralong begleitet im Auftrag des Bischofs von Sitten eine Selbsthilfegruppe von Homosexuellen.

Pierre Pistoletti

Wie kam es zum Buch mit dem Titel «Les larmes de l’innocence" (»Die Tränen der Unschuld»)?

Joël Pralong: Einerseits ist die Publikation des Buchs im Ausmass begründet, das dieses Phänomen einnimmt. Aufgrund von dem, was man mir anvertraut, kann ich davon ausgehen, dass eine von fünf Personen Opfer eines sexuellen Übergriffs ist – manchmal durch einen Priester.

2014 befand ich mich in Hanoi auf den Spuren des Redemptoristen Marcel Van. Er selber war Opfer verschiedener Misshandlungen. In jener Zeit empfand ich das Bedürfnis, über dieses Thema zu schreiben. Ich bat Gott, mir ein Zeichen zu geben, das mich auf diesem Weg bestärkte. Er hat mit der Antwort nicht zugewartet. Als ich in die Schweiz zurückkam, fand ich ein Mail vor, in welchem mich eine Bekanntschaft bat, etwas Geistliches für missbrauchte Kinder zu schreiben. Sehr schnell bin ich auf Leute getroffen, die bereit waren, mir ihr Zeugnis anzuvertrauen. Das war für sie ein befreiender Moment.

Befreiend?

Pralong: Das Reden versetzt die Person in den Zustand des Opfers zurück, was einen Gegensatz zur perversen Tat des Agressors bildet. Wenn man seine Geschichte erzählt, wird man sich klar darüber, dass man ein Opfer ist.

Wenn man erzählt, bricht dies auch das Schweigen, welches dieses Leiden umgibt. Es handelt sich um Menschen, die oft unter dem Gefühl leiden, dass sie zurückgestossen werden, dass sie nichts wert sind und kein Selbstwertgefühl haben. Die neue Erkenntnis führt zu einer Wut, einer wichtigen heiligen Wut, weil sie die Ungerechtigkeit zum Ausdruck bringt und zwar als Mittel, um Distanz zum Geschehen herzustellen.

Was sind die geistlichen Dimensionen eines derartigen Gewaltaktes?

Pralong: Er zerstört das Bild Gottes. Der Erwachsene, der als Täter auftritt, steht für die Autorität, also für alles, was grösser ist.

Kann im Nachhinein diese Wahrnehmung abgeändert werden – also ein gefährlicher Gott zu einem Gott werden, der liebt?

Pralong: Unter den Personen, die Zeugnis abgegeben haben, befindet sich ein Priester. Als Kind wurde er von einem Priester missbraucht. Er hat die Verwundung völlig eingeschlossen mit sich herum getragen. Eines Tages begegnete er einer Frau, die ihn auf sein Leiden ansprach und ganz einfach fragte: Warum akzeptierst du es nicht, geliebt zu werden? In diesem Moment habe er zum ersten Mal erfahren, was es bedeutet, geliebt zu werden. Für einen Moment war er in diese Frau verliebt. Er übersetzte jedoch die Liebe zu dieser Frau in die Liebe Gottes.

Im Christentum konzentriert man sich nicht auf Gott allein. Das geistliche Leben geht immer über Zwischenstationen. Es handelt sich dabei um die Menschen, denen wir begegnen, und zwar solchen, die offen sind für die Gnade, die uns erlaubt zu erkennen, wer Gott wirklich ist.

Gott spielt auf dem Weg jener Personen, die in Ihrem Buch Zeugnis abgelegt haben, eine wichtige Rolle. Können derartige Verletzungen ohne Gott geheilt werden?

Pralong: Ob mit Gott oder ohne ihn – derartige Verletzung werden nicht geheilt. Sie können dahin abgewandelt werden, dass sie nicht tödlich wirken. Das ist die Herausforderung. Kann dieser Weg ohne Gott gefunden werden? Auf diese Frage vermag ich nicht zu antworten. Wenn Gott uns in unseren Verletzungen begegnet, kann dies zu einem Plus führen. Die wahrhaftige Begegnung mit Gott weist mich im Tiefsten meines Selbst darauf hin, dass ich auch trotz meiner Verletzungen ein geliebtes Wesen bin.

Die Spiritualität und die Psychologie decken sich auf diese Weise in einem gewissen Mass. Denn beide tragen dazu bei, die eigene Wertschätzung wieder herzustellen. Es ist der gleiche Weg. Die Spiritualität jedoch spielt auf einem anderen Feld, einem tieferen.

Von den sieben Personen, die Sie befragt haben, ist heute eine noch irritiert. Die übrigen haben ihren Weg gefunden. Ist es so, dass es der Mehrheit der Personen, die missbraucht wurden, gelingt, über ihr Leid hinauszuwachsen?

Pralong: Einigen gelingt es, aus ihrer Verletzung eine Hebelwirkung zu erzielen. Dieser Weg wird aber nicht einfach so gefunden. Vielmehr ergeht es ihnen wie dem blinden Bettler Bartimäus, der von Jesus geheilt wurde. Obwohl er blind war, stand er auf und ging auf Jesus zu, um ihm zu bitten, dass er ihm das Augenlicht wieder gebe.

Man kann natürlich auf die Kirche zugehen und von ihr finanzielle Hilfe einfordern. Das ist ein wichtiger Teil von ihr, aber nicht alles. Man kann auch auf die Kirche zugehen, um spirituelle Hilfe einzufordern, so dass die eigene Benachteiligung als Hebel für die eigene Heilung eingesetzt werden kann. Jeder ist frei zu glauben oder nicht, dass die Kirche Werkzeuge für das geistliche Wachsen bereit hält. Wenn man daran glaubt, ist es aber wichtig, selber mit Überzeugung an die Arbeit zu gehen.

In Ihrem Buch gehen Sie der Frage nach, wie es sein kann, dass Priester zu Tätern werden. Wie lautet Ihre Antwort?

Pralong: Es handelt sich um perverse Mechanismen, die im Unterbewussten verankert sind – und dies schon lange, bevor die Priesterweihe erfolgte.

Es gibt zwei Arten von Pädophilie: die neurotische und die perverse. Die perverse steht in Verbindung mit psychiatrischen Störungen. Will heissen: Der Täter erfüllt sich ein Vergnügen, ohne sich dabei einer Schuld bewusst zu sein. In diesen Bereich gehören auch der Grössenwahn und die Lügensucht. Diese Leute werden nie bereuen, was sie getan haben. Sie können sich also von ihrer Sucht nicht befreien.

Der neurotische Pädophile hingegen leidet unter dem, was er tut. Er ist oft selber glücklich darüber, dass sein Tun entdeckt wurde. Er ist einem inneren Zwang ausgesetzt, der sich aus verschiedenen Gründen entwickelt hat. Ursache kann ein Mangel an Zuneigung in einer früheren Lebensphase oder eine Erziehung sein, die darauf absah, das eigene Temperament zu unterdrücken oder gar das eigene Menschsein. Dies auch bei einem Priester, obwohl er sich in einem geheiligten Umfeld befand. Im Extremfall kann der Wunsch, «heilig» zu leben, dazu führen, dass die sexuellen Triebe unterdrückt und verdrängt werden. Zu einem gegebenen Zeitpunkt können diese eingeschlossenen Triebe sich aber rächen. Dies kann zuweilen sehr gewalttätig ausbrechen. Der Fall kann unglaublich tief sein.

Wie begleiten Sie als Regens des Priesterseminars des Bistums Sitten die Kandidaten zum Priesteramt, so dass sie eine gesunde Beziehung zum Menschen haben?

Pralong: Wichtig ist, den Mut zu haben, im richtigen Moment das richtige Wort zu setzen. Ein Seminarist muss sich ehrlich mit seinem Leben und dem, was er empfindet, auseinandersetzen. Es handelt sich dabei um grundlegende Fragen, die sehr ernst genommen werden müssen.

Auf dem Spiel steht die Verantwortung. Ein Priester muss fähig sein, sein Leben in die Hand zu nehmen, so wie es ist, mit den entsprechenden Verletzlichkeiten und Schwächen. Der Mangel ist nicht der Feind des Priesteramts, sondern sein Verbündeter. In diesem Punkt tritt Jesus an uns heran. Er lässt sein Licht in unserem Scheitern leuchten.

Wenn ein Priester sich seiner Schwächen bewusst wird, wird aus ihm nicht ein «Besitzer der Wahrheit», aber ein offener Mensch, der mit den Anderen solidarisch im Verletztsein ist. Diese Erfahrung dauert das ganze Leben lang. Sie stellt im Grunde eine erfreuliche Erfahrung dar, denn die Kraft eines Priester ist gerade seine Verletzlichkeit. (cath.ch/gs)

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