Bringen diese Wolken Regen? In Zeiten des momentanen Hitzesommers ist dies immer ungewisser geworden.
Schweiz

Ist Regen ein Segen? Theologe fordert, auf Klimaexperten zu hören

Nach zwei Monaten Hitze und Trockenheit hat es endlich wieder richtig geregnet. Hitze und Dürre sind zutiefst biblische Themen, sagt der Alttestamentler Konrad Schmid. Regen und ausbleibender Regen waren für das Volk Israel immer wieder existenziell – und sind es heute zunehmend auch für uns.

Wolfgang Holz

Herr Professor Schmid, sind Sie auch froh, dass es nach zweimonatiger Hitze und Dürre mal wieder etwas geregnet hat?

Konrad Schmid*: Ja, in der Tat. Im Tessin, wo ich mich gerade aufhalte, hat es allerdings bis jetzt sehr wenig Niederschlag gegeben. Inzwischen sieht es hier teilweise wie im Sommer in der Toskana aus – mit braunen Böden und Hängen. Die Böden sind sehr trocken und benötigen den Regen dringend.

Theologie-Professor Konrad Schmid von der Universität Zürich
Theologie-Professor Konrad Schmid von der Universität Zürich

Kann man im biblischen Sinn sagen, dass der jüngste Regen nördlich der Alpen deshalb wirklich ein Segen ist?

Schmid: Mit solchen Interpretationen bin ich immer etwas vorsichtig. Man kann aber sicher sagen, dass die betroffenen Menschen den Regen als Segen erfahren und sich darauf gefreut haben. Es sollte aber auch nicht vergessen werden, dass es auch schon Sommer gegeben hat, die total verregnet waren – mit ebenso negativen Folgen für die Landwirtschaft. Es kommt auf das Mass von Hitze und Regen an. Die Landwirtschaft erhofft sich aufgrund der enormen Trockenheit nachhaltigen Niederschlag, und inzwischen wünschen sich dies auch die Menschen, die nicht in der Landwirtschaft tätig sind.

«Im Hebräischen gibt es mehrere Worte für Regen.»

In der Bibel im Alten Testament zeigt sich der Regen oft als Zeichen göttlichen Segens, in dem er den Menschen ermöglicht, dass sie die Früchte der Landwirtschaft ernten können und nicht hungern müssen. Sehen Sie das auch so?

Schmid: Das ist so. Das hat mit den geographischen Gegebenheiten Israels in der Antike zu tun. Damals war in Palästina Landwirtschaft nur möglich, wenn es ausreichend regnete. Im Hebräischen gibt es deshalb auch mehrere Worte für Regen: für den normalen Regen, für den Frühregen, bei dem die Saat ausgesät wird, und für den Spätregen im Frühjahr. Im Vergleich zu Ägypten verfügte Israel eben nicht über einen so wasserreichen Fluss wie den Nil, der das Land einmal im Jahr mit seiner Schwemme fruchtbar und unabhängig von lokalem Niederschlag macht. Schon Herodot schrieb, Ägypten sei ein Geschenk des Nils.

Deshalb sind die Israeliten, wie etwa in der Josephsgeschichte zu lesen ist, bei Hungersnöten oft Richtung Ägypten geflüchtet. Und auch das Zweistromland Mesopotamien hatte ein wasserreiches Kanalsystem entwickelt, das der Landwirtschaft eine gewisse Unabhängigkeit verlieh.

Arche Noah - Nachbau von Johan Huibers in Dordrecht, Niederlande
Arche Noah - Nachbau von Johan Huibers in Dordrecht, Niederlande

Welche anderen Funktionen hat denn der Regen noch in der Bibel? Im Falle der Sintflut Noahs zerstört der Regen in Form einer Sintflut ja geradezu sämtliche Lebensgrundlagen des Menschen.

Schmid: Das altorientalische Weltbild und damit auch dasjenige Israels rechnet damit, dass es über dem Himmel einen Ozean gibt, der die Quelle des Niederschlags ist. Der Himmel ist blau und der Regen kommt von dort, also lag diese Annahme durchaus nahe. Die Sintflut ist allerdings eine ganz spezielle Form des Niederschlags: Da ist in der Bibel von «Luken» und «Fenstern» im Firmament die Rede, aus denen das Wasser hereinbrach. Der Regen der Sintflut hat in diesem Sinn eine kosmische Dimension und ist als einzigartiger Vorgang in der Weltgeschichte zu betrachten. Gott konnte aber durchaus auch Starkregen benutzen, um seine Feinde zu bekämpfen, so etwa in Psalm 77,18.

«Grundsätzlich ist Regen im Alten Testament ein Geschenk Gottes.»

Grundsätzlich aber ist Regen im Alten Testament ein Geschenk Gottes. Bleibt er aus, gilt das oft als Mahnung oder Strafe – mit Hitze und Dürre als Folge. Wie der Regen vom Himmel fällt und die Erde fruchtbar macht, so ist auch das Wort Gottes laut Jesaja 55,10 wirksam. Das Warten der Landwirte auf den lebensnotwendigen Früh- und Spätregen wird im Jakobusbrief (Jakobus 5,7) als Sinnbild für die Geduld der Gläubigen bei der Erwartung des Herrn genutzt. Wichtig ist, dass für die Menschen in der Antike, in Israel und anderswo, Wetterphänomene wie Blitz, Donner, Hagel und Regen in Verbindung mit göttlichen Akteuren wahrgenommen wurde.

Blitz
Blitz

Wie eine Ironie des göttlichen Schicksals für das auserwählte Volks Israel klingt die Tatsache, wie Sie erwähnten, dass sich das gelobte Land im staubtrockenen Palästina befand, im Gegensatz zum fruchtbaren Ägypten etwa. Kann man deshalb salopp sagen, dass Regen zur ständigen existenziellen Glaubensfrage, ja zur Frage zwischen Glauben und Sünde, für das Volk Israel geworden ist?

Schmid (lacht): Das ist eine gewagte These. Dass die Sünde des Volkes den Regen abhält, ist zwar in Jeremia 5,24-25 belegt, aber das muss nicht die damalige allgemeine Auffassung widerspiegeln. Wer sich die geographischen Gegebenheiten Israels von Westen nach Osten anschaut, muss feststellen, dass das Land von der Küste bis zur Hügelebene mit Jerusalem noch relativ viel Grün aufzuweisen hat, weil hier der Steigungsregen aufgrund der Westwinde seine Wirkung entfaltet.

Erst im Osten Israels wird es wirklich wüstenhaft – dort, wo die judäische Wüste beginnt. Jedenfalls im Westen des Landes war also die Niederschlagssituation nicht regelmässig prekär. Die Wichtigkeit des Regens zeigt sich allerdings in einer Erzählung wie 1. Könige 18, die von einem Wettstreit berichtet, ob die heidnischen 450 Baals-Priester oder der Prophet Elia Regen bringen kann.

«Die Theologie kann Gott nicht in die Karten schauen.»

Wenn wir mal den heutigen Klimawandel mit seiner immer drastischer werdenden globalen Erderwärmung ganz biblisch betrachten, kann man dann sagen: Die Menschheit hat tatsächlich gesündigt?

Schmid: Die Theologie kann Gott nicht in die Karten schauen. Sie sollte nicht darüber spekulieren, was Gott aus welchen Gründen tut oder lässt. Das wäre keine Theologie, sondern nur Pseudotheologie. Es gibt seit den 1980er Jahren die sogenannte Ökotheologie, die sich mancherorts zu Aussagen hinreissen liess, dass die Schöpfung die Menschen für ihre ökologischen Sünden bestrafe.

«Die wissenschaftlichen Forschungen haben erwiesen, dass der Klimawandel menschengemacht ist.»

Das mag manchen tatsächlich so erscheinen, doch mein Verständnis von Schöpfung ist nicht dasjenige einer Welt, die gnadenlos zurückschlägt, sondern es geht in die Richtung, dass die Welt über eine Fehlertoleranz verfügt und die Menschen trotz ihrer Fehler leben lässt. Die wissenschaftlichen Forschungen zum Klimawandel haben erwiesen, dass der Klimawandel menschengemacht ist.

In Ostafrika leiden 26 Millionen Menschen wegen Dürre an Hunger.
In Ostafrika leiden 26 Millionen Menschen wegen Dürre an Hunger.

Es ist auch unbestritten, dass die Schweiz infolge der Klimaerwärmung leidet. Permafrostböden und Gletscher schmelzen, die Landwirtschaft leidet an Dürre. Die Fische in den Flüssen sterben. Andererseits gibt es aber auch Profiteure, so wird infolge des Klimawandels etwa in Russland und Kanada plötzlich in nördlichen Breiten Landwirtschaft möglich.

Ich wäre deshalb vorsichtig, den Klimawandel metaphysisch oder religiös zu überhöhen. Aus meiner Sicht besteht die Aufgabe der Theologie eher in Ideologiekritik als in der Produktion von Ideologien. Natürlich ist es wichtig, dem Klimawandel mit allen Mitteln entgegenzuwirken, doch manchmal gibt es auch Zielkonflikte. So hat etwa in Deutschland der Atomausstieg – ein Uranliegen der Grünen – zu einer Zunahme fossilen Energieverbrauchs geführt – was natürlich nicht gut fürs Klima ist.

Trotzdem: Was wäre Ihre Empfehlung als Theologe und Alttesttamentler, um die globale Klimakrise in den Griff zu bekommen? Büssen und Beten?

Schmid: Ich bin der Auffassung, dass Theologinnen und Theologen in Sachfragen nicht besser Bescheid wissen als die entsprechenden Fachleute. Als Theologe halte ich mich deshalb an die Expertise der Klimawissenschaftler. Ihre Untersuchungen und Empfehlungen sind es, die die Grundlage dazu bieten müssen, wie man der Klimakrise begegnet.

«In der gegenwärtigen Situation liegen für unsere Welt apokalyptische Szenarien nahe, die die Bibel auch kennt.»

Was die Theologie und das Nachdenken über die biblischen Traditionen beisteuern kann, ist der Blick auf das Ganze der Lebenswelt: Die Menschen sind in umfassender Weise in die Schöpfung eingebunden und diese funktioniert nur als zusammenhängendes System. In der gegenwärtigen Situation liegen für unsere Welt apokalyptische Szenarien nahe, die die Bibel auch kennt, aber die Bibel spricht eben auch davon, dass Gott seine Schöpfung nie aufgeben wird (Genesis 9).

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*Konrad Schmid (60) ist seit 2002 Professor für Alttestamentliche Wissenschaft und Frühjüdische Religionsgeschichte an der Universität Zürich. Er beschäftigt sich mit der Literatur- und Theologiegeschichte des Alten Testaments. Gemeinsam mit seinem Berliner Kollegen Jens Schröter hat er das Buch «Die Entstehung der Bibel: Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften» (München: C.H. Beck, 3. Aufl. 2020) veröffentlicht. In zweiter Auflage erscheint von ihm in diesem Jahr «Theologie des Alten Testaments» (Tübingen: Mohr Siebeck, 2. Aufl. 2026).


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19. August 2026 | 17:00
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