Beichtstuhl in der Kirche St. Maria, Biel.
Schweiz

Psychologische Assessments für Seelsorgende: Pilotphase erfolgreich

Als vorbeugende Massnahme gegen sexuellen Missbrauch im kirchlichen Umfeld wurden in der Schweiz im Frühling 2025 psychologische Eignungstests für Seelsorgende eingeführt. Diese Massnahme hat sich gemäss einem ersten Zwischenbericht bewährt. Deshalb soll die Implementierung weiter vorangetrieben werden.

Stefan Betschon

Im Herbst 2023 sorgte die Pilotstudie zur Geschichte sexuellen Missbrauchs im Umfeld der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz für Aufregung. Zahlreiche Fälle von Missbrauch mussten zur Kenntnis geworden werden. Zu reden gaben auch Versuche seitens der Kirche, solche Fälle zu vertuschen. Um dem Problem zu begegnen wurden psychologische Eignungstest eingeführt.

Wissenschaftliche Grundlagen

Seit April 2025 müssen sich Priesteramtskandidaten sowie angehende Seelsorger und Seelsorgerinnen einem psychologischen Assessment unterziehen. Hinter dieser Massnahme stehen die Schweizer Bischofskonferenz (SBK), die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) und die Konferenz der Vereinigungen der Orden und weiterer Gemeinschaften des gottgeweihten Lebens (KOVOS).

Die Abklärungen und Gespräche werden von externen Fachpersonen durchgeführt. Die Grundlagen der Eignungstests wurden von einem Team unter der Leitung von Jérôme Endrass erarbeitet. Er leitet an der Universität Konstanz als Professor die Arbeitsgruppe Forensische Psychologie. Risikoeinschätzungen sowie risikosenkende Interventionen im Kontext von – möglicherweise auch nur angedrohten – Gewalt- und Sexualdelikten bilden den Schwerpunkt dieser Forschungsarbeit. Co-Leiterin dieser Arbeitsgruppe ist Astrid Rossegger. Endrass ist auch für die Forschungsabteilung beim Amt für Justizvollzug und Wiedereingliederung des Kantons Zürich tätig.

Endrass und Rossegger haben zusammen mit Mitarbeitenden ein vierstufiges Testverfahren entwickelt, das verschiedene Fähigkeiten, die für die Seelsorge notwendig sind, überprüft. Auf eine psychologische Untersuchung, ein kompetenzbasiertes und ein forensisch-klinisches Interview folgt im vierten Schritt ein persönliches Gespräch. Es geht bei diesem Assessment nicht nur darum, ungeeignete Kandidaten – Kandidatinnen? – auszusortieren, sondern es sollen auch Hinweise für gezielte Förderung gewonnen werden. Die Eignungstest sind also nicht einfach nur eine Präventionsmassnahme, sondern auch Grundlage für eine Weiterentwicklung von Seelsorgenden.

Positiver Zwischenbericht

Im Rahmen einer Pilotphase wurden von April bis Ende 2025 72 Eignungsabklärungen durchgeführt. Dies ist einer Medienmitteilung zu entnehmen, die SBK, RKZ und KOVOS am Dienstag publiziert haben. Zehn Fachpersonen aus der forensischen Psychologie beurteilten Kandidatinnen und Kandidaten aus allen Bistümern der Schweiz. 60 Gespräche wurden auf Deutsch geführt, Französisch und Italienisch in je sechs Fällen zum Einsatz.

Von den Kandidatinnen und Kandidaten seien diese Assessments «mehrheitlich gut akzeptiert» worden. Sie hätten diese Tests «als professionell, zugewandt, wichtig und richtig, jedoch auch als intensiv, aufwendig und teils sehr anstrengend» erlebt. Für einige Teilnehmer war die kirchliche Karriere nach dem Test beendet: «In Einzelfällen haben sich die zuständigen Verantwortlichen gemäss den Empfehlungen der Fachpersonen gegen eine weitere Zusammenarbeit mit den evaluierten Personen entschieden.»

Insgesamt werden die Ergebnisse der Pilotphase positiv beurteilt. Nach der «erfolgreichen Pilotphase» soll deshalb «die Implementierung der psychologischen Assessments weiter vorangetrieben» werden.


Beichtstuhl in der Kirche St. Maria, Biel. | © Klaus Petrus
3. Februar 2026 | 17:15
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